Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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RAUMPLANE 
Diesen Begriff haben wir absichtsvoll vor dieses Heft gesetzt. Nicht, den vorgestellten Arbeiten ist die Halle entweder Wohn-Raum 
um in die allgemeine Loos-Euphorie miteinzustimmen, sondern (Krier, Schulten) oder Wohn-Küche (Arbeitskreis für Humanöko- 
um die Art und Weise zu charakterisieren, mit der in diesem Heft logie) oder Diele (Linke) etc., während die Nebenräume mehr oder 
die Auseinandersetzung mit dem Grundriß aufgenommen werden weniger stark als Kammer ausgebildet sind. Eine andere Disposi- 
soll: mit dem Grundriß als Raumplan. tion sei wenigstens noch am Rande erwähnt, da sie aus Platzgrün- 
Der Begriff des Raumplans bedarf einer besonderen Erklärung. den im Heft nicht mehr aufgenommen werden konnte: die 
Heinrich Kulka hat ihn geprägt, um den Loss’schen Beitrag zum kammerartige Gliederung des Grundrisses (Siza, Ungers u.a.). Die 
Freien Grundriß zu charakterisieren. Gemeint ist damit ein neuer Räume werden unterschiedslos gleich behandelt; sie differieren 
Umgang mit dem Raum, ein freies Planen von Räumen, das sich weder nach Zweck noch Sozialcharakter. Besteht Bedarf nach mehr 
über die Vorgaben der überkommenen Baukultur in Form der Platz, werden einfach zwei Kammern zu einem Raum zusammen- 
Geschoß-(Horizontale) und Baukörpergliederung (Vertikale) hin- gezogen. 
wegsetzt. Der Raum soll nach diesem Verständnis wie eine Stadt Ohne in den Fehler zu verfallen, in Ansätzen schon eine Tendenz 
angelegt sein. Er soll „Straßen und Wege (haben), die (...) zu Plätzen erkennen zu wollen, läßt sich doch sagen, daß sich mit dieser 
führen ... (Josef Frank). Grundrißdisposition ein anderes Lebensmodell ankündigt, das, 
Sicherlich ist dieser Begriff historisch gebunden und nicht unmit- wenigstens von seinen räumlichen Voraussetzungen her mehr auf 
telbar auf die Gegenwart übertragbar. Trotzdem bezeichnet er (Wohn-)Gemeinschaft und weniger auf Vereinzelung angelegt ist. 
unvergleichlich besser als andere eine Sichtweise auf den Grundriß, Was denn noch fehlt, ist die soziale Einlösung dieser räumlichen 
die im Grundriß nicht ein Flächenkalkül (der Spargrundriß, der Versprechungen: bsp. durch Wohngemeinschaften, Einküchen- 
rationelle ...) sieht, sondern einen Raumorganisator und damit Ver- häuser, wie im zitierten Beispiel (Baufrösche). Aber nicht nur um 
bindungen zu knüpfen, Denkräume für eine Diskussion zu öffnen ein Mehr an Gemeinschaft geht es, sondern auch um eine Mehr an 
erlaubt, die sich bisher mehr um Fragen des Stadtbaus, des Stadt- Sinnenfreude. Und so ist es nur natürlich, daß das in den Mittel- 
plans kümmerte als um eine so banale Frage wie den Grundriß. punkt rückt, also die Stelle der Halle einnimmt, was Freude berei- 
Sieht man aber den Grundriß so, und wir versuchen es mit diesem tet: das Zusammenleben, das Essen-Zubereiten und Essen, die 
Heft zu tun, dann öffnen sich auch in der kleinsten Kammer neue Erziehung der Kinder und das Spiel etc. Erste Zeichen einer sinnen- 
Perspektiven. frohen, barocken Architektur. 
Soweit die Absicht des Heftes. Was fördert sie zutage? Eine erste Unabhängig aller möglichen Potentiale dieser Grundrißdisposi- 
Antwort ist schnell gefunden - eine neue Disposition der Räume. tion, muß aber angemerkt werden, daß sie sich weiterhin im Rah- 
Schaut man sich nämlich im Heft um, fällt auf, daß die Grundrißor- men der durch die Moderne kodifizierten Vorgaben bewegt. Was 
ganisation kaum noch funktionalistischer Tradition folgt. Weder Haus oder Wohnung im Ganzen, was Bad oder Küche im Beson- 
funktionale noch konstruktive Überlegungen spielen eine aus- deren als Lebensmodell räumlich fixieren: den Familienverbund, 
schlaggebende Rolle..Ausschlaggebend ist stattdessen eine Raum- den Raum des Privaten, die Topologie des Innenraums, die Aus- 
idee, gleichgültig, wie man sich ihr nähert, durch Bezugnahme der stattung der Innenwelt - bleiben im wesentlichen unangetastet. 
Baugeschichte oder der Ökologie. Sie herrscht vor; nachgeordnet Was die Küche beispielsweise als Lebensmodell an sozialem Ver- 
sind ihr Fragen der Gebrauchsfähigkeit, mehr noch, z. T. wird sie halten der Familie auferlegt, die Ausgrenzung bestimmter Tätigkei- 
bewußt gegen die Gebrauchsfähigkeit der Räume durchgesetzt. ten aus dem Wohn- und Lebenszusammenhang in eine abgeschlos- 
Sieht man weiter zu, bemerkt man, daß sich wenigstens in Ansätzen sene Zelle, wird höchstens in Form der Zuordnung (Wohnküche) 
eine neue Grundrißdisposition abzeichnet, die ich so charakterisie- berührt, aber noch nicht grundsätzlich in Frage gestellt. In einer 
ren möchte: Hierarchisierung der Disposition zugunsten einer weiteren Ausgabe von ARCH”* werden wir diesen Fragen unter 
Wohn-Halle und gleichwertige Behandlung der übrigen Räume. dem Titel: Neue Wohn- und Lebensformen nachgehen. Dieses 
Diese Prinzipien organisieren den Grundriß nach dem Modell der Heft regt zu solchen Fragen an, läßt sie aber noch unbeantwortet. 
Halle (für den Zentralraum) und Kammer (für die Nebenräume). In Nikolaus Kuhnert 
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