Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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Manfred Sack 
EINFACHE PARADIESE* 
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Der Blick auf all Kompositionen der Kinder, 
die gebauten Irrtümer rings- auch nicht ganz so komforta- 
um und die unbeantwortete bel wie eine Holzhäuser- 
Frage, wie es denn anders, gruppe, die ein Zeichen für 
besser weitergehen könnte, den Katalog der Ausstellung 
brachte den Architekten und „Maisons de Bois” vom Cen- 
Konstrukteur Frei Otto auf tre Pompidou in das knorrige 
einen ungewöhnlichen Ein- Astwerk einer gewaltigen Ei- 
fall: Vielleicht ließe sich che komponiert hat. Man er- 
erfahren, welche Häuser die kennt daran eine Lust, in den 
Sehnsucht baut, solange sie Schoß zurückzukehren, sich 
noch unverbildet ist. „Wie”, zu verkriechen - das (Holz-) 
so hatte‘ der‘ Stuttgarter Haus kehrt heim‘ in ‘den 
Professor, der sich in seinem Baum, der Mensch kuschelt 
Universitäts-Institut mit der sich an den Busen der alma 
Erforschung „leichter Flä- mater Natur. Damit ver- 
chentragwerke” beschäftigt, glichen, sind die Hochsitze 
1979 die Kinder der Welt von viel einfacherer Bedeu- 
gefragt, „sollten Häuser und tung: für den Jäger Versteck 
Städte sein, damit Menschen und Ausguck, für herum- 
in der Zukunft in Einklang stromernde Kinder verbote- 
mit der Natur wohnen, arbei- ne Ziele “herzklopfender 
ten und leben können?” Ihn Klettereien, die den zauber- 
erreichten an die sechshun - Markthalle in Beaune, Burgund haften Blick von oben auf die 
dert Antworten. Sie kamen tatsächlich aus aller Welt, aus Osten Welt eröffnen. 
wie aus Westen, und nicht wenige enthielten Vorschläge wie den, Die seltsame Symbiose aber, die das alte Baumaterial Holz mit 
„daß man einen Baum baut, der gleichzeitig ein Haus ist” (nicht dem Gemüt heutzutage so innig verbindet, ist denn auch erst durch 
zuletzt deswegen, „weil darin auch die Vögel nisten können”). Ein die Industrialisierung, durch Bezwingung und Ausbeutung der 
Junge schrieb neben den Buntstift-Entwurf seines Baumhauses die Natur möglich geworden, Ergebnis eines Reflexes also, wie ihn der 
für einen Vierzehnjährigen recht genaue Beobachtung: „In einem Frankfurter Flugplatz und all die verwandten Anstrengungen deut- 
Baumhaus zu leben, ist der Traum vieler Menschen.” lich machen, das Leben mit Hilfe-von Wissenschaft und Technik 
Ihn träumen aber nicht nur erstaunlich viele Kinder in Jugosla- bequemer, schlüpfiger, schneller, gleicher, kühler zu machen. Man 
wien und Polen, im Iran und in der Sowjetunion, in den Vereinigten braucht nur im Bau-Schimpfwörterbuch der Gegenwart zu blät- 
Staaten, in der Bundesrepublik und sonstwo, es träumen ihn auch ern, um das Bedürfnis nach dem anderen, nach der lange Zeit ver- 
Erwachsene allüberall mit dem Vorzug, ihn in die Tat umsetzen zu eSsen gewesenen Alternative zu begreifen. Auf die Betonkklötze, 
können, sobald eine Gelegenheit sie dazu ermuntert - so im Flörs- -kisten und -kolosse ? auf Schlafstadt und B CtONWÜSLS, Verdichtung, 
heimer Wald, wo sie sich, um ihren Protest gegen den Bau der Schnellverkehr, grüne Witwe und andere bösartige Segensreichtü- 
Frankfurter Startbahn West am Flughafen auch nachts und bei Mer folgt nun das Verlangen nach einer neuen Einfachheit, nach 
Regen nicht unterbrechen zu müssen, ein Hüttendorf gezimmert dem möglichst Natürlichen (wie unnatürlich seine Beschaffenheit 
hatten. Es verkörperte zugleich ihre Philosophie, die den Frieden uch geworden ist), nach dem Reinen, Ungiftigen, Gesunden, 
mit der Natur, hier vor allem mit dem Wald, schließen will. Selbstgestrickten - aber auch wieder nach Bescheidenheit, Genüg- 
T a A samkeit, Vorsicht und Vernüftigkeit, kurzum, nach einer neuen 
Der Frankfurter Architekt Günter Bock sah darin eine „Architek- Moral. Viel einfacher: Holz statt Beton, Bio- wurde zum beliebten 
var SEM höheren Sinne ‚also wohl eine andere, als seinesglei- Präfix, grün zum demonstrativ gebrauchten Adjektiv und zugleich 
chen meistens hervorzubringen p flegt, ob ehrgeizig, blind, berech- „4 einem politischen Programm. Der Baustoff Holz, obwohl schon 
nend, unterwürfig oder naiv. In meinen Augen war es eine traum- von den Urhüttenbauern gebraucht und seiner vielen physikali- 
hafte diesseitige Architektur, herausgefordert in einer Sternstunde. schen, technischen und wirtschaftlichen, seiner physiologischen 
Wenigstens drei Anlässe hatte es dafür gegeben: den Widerstand ‚nd ästhetischen Vorzüge wegen massenhaft verwendet, gegen 
gegen die platzverschwenderische, Lärm und Auspuffgase erzeu- Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus dem Gebrauch gekom- 
gende Betonbahn ebenso wie den Widerwillen gegen das aus- men, von Ziegel, Beton und Stahl nahezu vollständig verdrängt - 
ufernde, verbrauchslüsterne moderne Leben überhaupt; es war das Holz wird seit ein paar Jahren wiederentdeckt. 
aber auch die stille Sehnsucht nach dem ver lorenen Garten Eden, Ein natürliches Material? Gewiß, schreibt Stefan Polönyi, wenn- 
die sich hier ein Gegenbild schuf - mit Hütten aus Holz, mit Baum- gleich diese Klassifizierung nichtssagend sei. „Alle Materialien ein- 
häusern. schließlich der Kunststoffe”, erläutert er, „sind Naturprodukte, die 
Lebendig gebliebene Kindheit - die Technik hat die Naivität aus Stoffen hergestellt werden, welche in der Natur vorkommen.” 
nicht umbringen können, die Vernunft nicht und auch nicht die Seien denn, fragt er, Sand und Kies, mit Zementleim verbunden, 
Kreativität. Das Hüttendorf im Flörsheimer Wald war, viel ein- weniger Naturprodukt als Bretter, die mit Kunstharzen zusammen- 
dringlicher noch als die naiv-phantastischen Hüttenbaukunstwerke „geleimt” sind? Und sei denn der unter hohen Temperaturen aus 
in Kalifornien, ein Garten der Poesie, und er hätte nirgendwo Eisenerz gewonnene Stahl unnatürlicher als der aus Ton gebrannte 
anders entstehen können als in einem Wald, als unter, zwischen Ziegel? Nein, sagt er und rät dazu, dann schon lieber von traditionel- 
und hoch oben in den Bäumen - nicht unähnlich den versonnenen len und modernen Baustoffen zu sprechen. Vermutlich weiß er, daß 
“©
	        

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