Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Mg te Wir 
Baumhäuser, Zeichnung von Elisabeth Klotz Baumhäuser aus dem Hüttendorf im 
für den internationalen Jugendwettbewerb Flörsheimer Wald bei Frankfurt am Main 
„Natur und Bauen”, 1979 veranstaltet 
vom IL der Universität Stuttgart 
niemand sich daran halten wird, daß die Aureole des Holzes alles fen, um an die sichtbare Konstruktion, aber auch um an die 
überstrahlt und seine Propagandisten für Parolen wie diese immer Gemütswerte der Stützen, Balken, Streben heranzukommen. Sei- 
Applaus bekommen werden: „Holz - das Natürliche, das Schöne, nen Armeleutegeruch hatte der Holzbau nicht zuletzt von den 
das Einmalige, das Beständige.” Das ist so, selbst wenn gegen jede Baracken und seinen Bewohnern bekommen, den Söldnern, Bett- 
dieser Behauptungen Widerspruch möglich ist. Denn wie wir erfah- lern, Obdachlosen, Flüchtlingen und ausländischen Arbeitern. 
ren haben, sind auch Ziegel „natürlich”, selbst Stahl, sogar Beton. „Barackenklima” gehört noch heute ins Vokabular der Fachleute 
„Einmalig” ist Holz, da es doch unaufhaltsam nachwächst, wenn als etwas, das es nach Kräften zu vermeiden gilt: schnell aus- 
man es nur läßt und pflegt, überhaupt nicht. Als „schön” empfinden gekühlte Räume im Winter, heiße, stickige Luft im Sommer. 
andere Menschen mitunter etwas ganz anderes, und an „Beständig- Selbstverständlich hat es immer Vorlieben für bestimmte, mög- 
keit” sind dem Holz andere Materialien ebenbürtig, wenn nicht lichst neue Baustoffe gegeben, besonders dann, wenn ihr Gebrauch 
überlegen, es sei denn, die Behauptung des beinahe Ewigen stützte den Anschein von Kühnheit, Wohlhabenheit und Modernität her- 
sich auf den Reichtum, in dem es vorkommt und sich erneuert. vorrief und die Gelegenheit sich bot für bestimmte sich daraus ent- 
Holz ist trotz alledem besser, weil die Menschen wollen, daß es wickelnde „Stile” und Baumoden. So war durch den Kristallpalast, 
besser sei. Es provoziert den konstruierenden Verstand, es bereitet, den der vom Gärtner zum Architekten gewordene Engländer Sir 
trefflich verarbeitet, ästhetische Wonnen, es berührt die Seele, und Joseph Paxton für die Weltausstellung 1851 in London entworfen 
es rührt das Gemüt. Unbeschadet aller Katastrophen-Nachrichten hatte, das Eisen zum bevorzugten (dann aber doch wieder scham- 
aus den sterbenden Wäldern Europas meldeten Mitte der achtziger haft mit Naturstein verbrämten) Material geworden und hatte die 
Jahre Holzhändler und Zimmerer (und die Tischler wie die Möbel- Architektur der Gewächshäuser, der Bahnhofs- und Markthallen 
fabrikanten) eine „überproportionale Nachfrage”. Häuser aus Holz und der Passagen nach sich gezogen. Und so schwärmte man auch, 
sind so populär wie seit über hundert Jahren nicht mehr. Und was nachdem der französisch-schweizerische Architekt Le Corbusier 
nicht weniger wichtig ist: Architekten erkennen darin wieder ein mit seinen plastischen weißen Häusern, sein Landsmann Robert 
Thema der Gegenwart! Eben noch eine Angelegenheit für Heimat- Maillart mit seinen mutig-eleganten Brücken Bewunderung her- 
tümler, verträumte Moderne und kaliforniensüchtige Zivilisations- vorgerufen hatten, sechzig Jahre lang und mit wachsender 
flüchtlinge, wird es endlich wieder ernst genommen. Architekten Gewohnheit für den Beton, ein wunderbar gefügiges, für aben- 
kommen beim Entwerfen von Holzhäusern nicht mehr ins Jodeln, teuerliche Spannweiten und atemberaubende Architekturen tau- 
wenn sie sich an die regionalen Usancen zu halten versuchen, son- gendes, alsbald von mittelmäßigen Talenten gedankenlos ver- 
dern probieren die Synthese der Moderne mit dem Holz. Nicht nur panschtes und in Verruf gebrachtes Material. Seit gut fünfzig Jahren 
wird mit verständlicher Beflissenheit der „Architekturpreis Holz” ist man auch auf Stahl eingeschworen, einen sehr stabilen, äußerst 
von der an Fertigung und Verbrauch interessierten Wirtschaft ver- elegant verwendbaren Baustoff, der schließlich zur Skelettkon- 
geben. Gebäude aus Holzerringen längst die Preise höchsten Anse- struktion führte, den Wolkenkratzer möglich machte und stilbil- 
hens - den Deutschen Architekturpreis etwa, den Mies-van-der- dende Architekten wie Auguste Perret und Ludwig Mies van der 
Rohe-Preis, Auszeichnungen des Bundes Deutscher Architekten Rohe inspirierte. 
und verwandter Vereinigungen. Selbst der Gesetzgeber hat begon- So wird aber auch seit gut anderthalb Jahrhunderten mit einer 
nen, sein Vorurteil von der besonderen Gefährlichkeit und Ver- Rücksichtslosigkeit ohnegleichen gegen die Natur und letztlich 
gänglichkeit des Holzes zu revidieren und Bauten zuzulassen, die gegen den Menschen gebaut, daß nun das Fortschrittspendel kra- 
höher als zwei Stockwerke aufragen. Um endlich die Legende vom chend zurückgewuchtet wird. Zuerst entlud sich der Überdruß an 
lichterloh brennenden Holz zu lösen und die Behörden wie den der „kalten”, schmucklosen Architektur im Europäischen Denk- 
Interessenten-Clan der DIN-Erfinder zu bekehren, hatte die malschutzjahr 1975. Die Geschichte wurde zum Traumland, das 
Schweizer Holzbranche schon im Jahre 1936 ein seltsames Schau- man verloren hat und dessen Überbleibsel man nun mit sentimen- 
spiel inszeniert. Sie errichtete auf der Zürcher Allmend ein zwei- taler Verbitterung zu erhalten trachtet, koste es, was es wolle. Zur 
stöckiges Haus mit sechzehn Zimmern und einem Dachgeschoß gleichen Zeit begannen viele Architekten aber auch, sich wieder für 
und zündete es an, innen und außen. Obendrein ließ sie Brandbom- den von der Moderne ignorierten Baustoff Holz zu erwärmen. 
ben darauf abwerfen - nur um zu beweisen, daß der Gesetzgeber Dafür, daß das Holz weit über hundert Jahre lang aus dem Bau- 
Holzgebäude viel zu engherzig behandelt, Banken und Versiche- Alltag so gut wie verschwunden war, gibt es neben dem ramponier- 
rungen aber diskriminierend damit umgehen. Es war ja in Wahrheit ten gesellschaftlichen Prestige und dem von der Industrie geschür- 
nicht die tatsächliche Anfälligkeit des Holzes, die dazu geführt ten Mißtrauen gegen seine Beständigkeit und Sicherheit allerlei 
hatte, sondern die von der konkurrierenden Baustoffindustrie Gründe: Die Legislative dachte, als sie ihre Beschränkungen für das 
genährte Behauptung dessen. Und natürlich spielte auch das gesell- Bauen mit Holz entwarf, meist an Beton. An den Hochschulen 
schaftliche Ansehen eine Rolle, das Bild, das die Allgemeinheit wurde das Entwerfen und Konstruieren mit Holz gar nicht oder nur 
vom Holz hat(te): Aus Holz waren die Scheunen und Schuppen nebenbei und oft mangelhaft gelehrt. Bauherren waren des Mate- 
sowie die Häuser der einfachen Leute. Der Adel, die Kirche, das rials entwöhnt und der Meinung, Holz brenne leicht, faule rasch, 
Großbürgertum hingegen bauten ihre Häuser, Paläste und Kirchen werde von Würmern, Käfern, Ameisen aufgefressen. Also hielten 
aus Stein, den sie bisweilen von weither holen ließen: Granit aus sie sich an vorgeblich solidere Materialien, und wie den dumpfen 
Finnland, Marmor aus Italien. Um da mitzuhalten, machten die Schlag der Autotür schwerer Wagen lieben sie den stumpfen, klang- 
Bürger sich daran, ihre Fachwerkhäuser zu verputzen und ihnen losen Ton, wenn sie mit dem Zeigefinderknöchel an die Wände 
wenigstens den Anschein von Stein zu geben - Anlaß wiederum für klopfen. „Kalter” Stahl und „kalter” Stein rufen in ihnen den Ein- 
reinlichkeitsbeflissene Denkmalspfleger heute, den Putz abzuklop- druck von Festigkeit und Solidität hervor, das „warme” Holz indes- 
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