Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Foto: Gerhard Ullmann Wohnhaus in Mäder, Ansicht von Osten 
Grundriß Wohngeschoß (Obergeschoß) und Schnitt 
struktion des Hauses den Gewohnheiten und Fähigkeiten des Zim- koketten, geschichtsverquälten „postmodernen” Architektur, aber 
mermanns angepaßt wird und man den Bewohnern Zeit läßt, ihr auch keine Bemühungen um ausgefallene Formen, in denen klas- 
Haus nach und nach zu vollenden. sische Themen frei paraphrasiert würden. Vielleicht entstand aber 
Das Thema Selbstbau hat bei dieser Art des erschwinglichen auch aus dem gleichen Grund ein richtig verstandener Regionalis- 
Häuserbauens doppelte Bedeutung: Es vermindert den Preis, aber mus, der Traditionen nicht einfach kopiert oder auf akrobatische 
es stimuliert auch zu gemeinschaftlicher Betätigung, etwas, das Weise collagiert, sondern der aus ihnen lernt und ihnen kritisch „das 
nicht zuletzt in den Projekten wesentlich ist, zu denen es viele Einfache, Klare, Klassische, Konstiuktive” entnimmt. Die meisten 
Architekten der Holzklasse in Wahrheit zieht. Auf die Frage, ob er dieser Architekten praktizieren die alte (oft anonyme) Baukunst als 
des Werkstoffes einmal überdrüssig sein könnte, erwidert Sampo moderne Architektur, deren Idee sogar in andere Gebiete, womög- 
Widmann: nein, eher des Inhalts „Einfamilienhäuser”, das, wie lich in die Stadt übertragen werden kann. 
nicht nur er angesichts so vieler zersiedelter Landschaften und Orts- „Wie sollten Häuser und Städte sein, damit Menschen in der 
ränder findet, eine überholte, nämlich Platz vergeudende Art des Zukunft in Einklang mit der Natur wohnen, arbeiten und leben 
Menschen sei, sich zu behausen. Die Zukunft, glauben viele, können?” hatte Frei Otto die Kinder der Welt gefragt. Wir haben 
gehöre der Häusergruppe, die sich eng umeinanderschart, einem uns wie er davon anrühren lassen, von den gescheiten Entwürfen 
Thema, dem sie schon manche Varianten abgewonnen haben. Alle wie von den liebenswerten Träumen, nicht zu vergessen von den 
diese Holzhaus-Ensembles-haben einen gemeinsamen, Gemein- Baumhäusern. Es tut wohl, sich den Blick dabei erfrischen zu las- 
schaft nahelegenden, wenn nicht herausfordernden Mittelpunkt: sen. Es tut aber auch gut zu wissen, daß manch ein Gedanke darin 
den Eingang, der zugleich Diele, Korridor, Straße und Platz, Ver- auch von Architekten unserer Tage gedacht wird, hier und da und 
anda, Spiel- und Festplatz und vieles mehr ist oder sein kann. Das heute. Holzhäuser sind ganz gewiß kein Allheilmittel gegen das 
inzwischen berühmteste Vorbild dafür befindet sich im Vorarlber- zivilisatorische Unwohlsein, das uns befallen hat, und schon gar 
ger Ort Höchst. Es gibt darin eine Empore, Abstell- und Spiel- nicht die einzige Offenbarung, welche die Architektur der Gegen- 
räume, Sauna und Werkstatt. Obendrein hat jedes der fünf Häuser, wart für das menschenfreundliche, das angenehme, praktische, 
die links und rechts darum gruppiert sind, eine große verglaste Ver- umweltfriedliche, das poesievolle Wohnen zu bieten vermöchte. 
anda, die wie in fast allen anderen Häusern dieser vier ehemals Holz oder Stein, Stahl oder Beton sind a priori weder gut noch böse 
Dornbirner Architekten Sommersitzplatz und Klimapolster im noch gefährlich, weder empfehlenswert noch zu verwerfen. Ent- 
Winter ist. Heizungsbedarf: nur ein Drittel des Ublichen. scheidend sind allein die Fähigkeit der Architekten, damit umzuge- 
Das höhere Ziel aber ist hier wie anderswo: eine ungezwungene, hen, und die Qualität ihrer Architektur. Und trotzdem ist es gut zu 
unaufdringliche, bei Bedarf vorhandene oder zu aktivierende wissen, daß das Häuserbauen mit Holz keine Kunst von vorgestern 
Gemeinsamkeit. Das erstreben die meisten Architekten, denen es ist, sondern so aktuell wie je - und so modern wie das Denken der 
wie diesen um gemeinsames, erschwingliches Bauen geht, um die Architekten, die es verwenden und uns ein Gebiet zwischen Ver- 
Belebung der besseren Bautraditionen, um eine vernünftige Wohn- nünftigkeit und Träumerei eröffnen. 
qualität, die auf Repräsentanz und Oberflächenglanz keinen Wert * Auszugsweiser Nachdruck der Einleitung aus: Manfred Sack, Timm Rautert, ein- 
legt. Vielleicht entdeckt man auch deswegen kaum Beispiele einer fache Paradiese, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1985 
4.
	        

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