Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Wohnung Krier, Bräunerstraße, Wien 1980 Wohnturm, Berlin 1981 
Die Idee des Zentralraumes spürbar macht. Die Haupt- 
ist den Grundrissen am lichtquelle ist der Wintergarten, 
Schinkelplatz ähnlich. Sech- von dem man auf den Stephans- 
zehn Säulen aus leichtem *urm sieht. Die Kinder haben 
Material tragen eine Sperrholz- den rückwärtigen Teil für sich 
kuppel mit Glaslaterne. Eine allein. Sie können ohne Kon- 
Bibliothek mit Umgang grenzt rolle hier ein und aus gehen. 
die weiteren Räume vom Dies soll die Wohnung für 
Wohnraum ab. Jeder dieser meine Familie werden. Ich bin 
Räume entwickelt seine eigen- mir noch sehr unsicher, ob es 
ständige Geometrie, die das mir gelingt, diese Konzeption 
Primat des Zentralraumes noch finanziell durchzustehen. 
Grundriß, rechts: Küche, Essen, Bad 
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R. K.: Zum Beispiel in der Ritterstraße gab es einmal ein Fest. Da D.S.: Also die Steigerung des Marktwerts der Wohnung durch for- 
wurde über alles gesprochen. Mit allen Quengeleien über die Bau- male Individualisierung hat ein Potential der Befreiung für die Be- 
qualität, aber die Leute haben es honoriert, daß du ihnen lustige wohner, durch die Animation der Benutzung. Aber es bleibt immer 
Wohnungen gemacht hast. Ich hatte zuerst einen derart rührenden noch der häufig angebrachte Vorwurf der ästhetischen Zwangs- 
Brief von einer Familie bekommen, aufgrund dieses Kontaktes jacke. 
habe ich dann auch das Fest gemacht. Ich glaube fest daran, wenn KR. K.: Dazu. Zu der Zwangsjacke, die du dem Klienten schaffst, in- 
du den Leuten eine Vielzahl von Grundrißtypen anbietest, ineiner dem du ihm eine Wohnung derart präzis vorformulierst. Ich habe 
Anlage, wo sie eigentlich gewohnt sind, bei 250 Wohnungen viel- eine Erziehung genossen in einer Benediktinerabtei. Ein barockes 
leicht drei oder vier wirklich unterschiedliche Grundrisse vorzufin- Gebäude mit einem präzisen ästhetischen Gerüst. Der umlaufende 
den. Wenn es aber dann 60 oder 70 verschiedene sind, dann istes Kreuzgang an einem mittleren Hof, die dauernd plätschernde Fon- 
der große Run, wie auf einer Kirmes. Diese 250 Wohnungen inder täne da drin, die wunderschönen räumlichen Kadenzen, die sich 
Rauchstraße haben 750 eingeschriebene Interessenten, die sofort rundum diese Abtei ansammelten, die Basilika, die da ranklatschte. 
einziehen würden. Dieser derart vitale Erfolg geht ohne Zweifelauf Dieses präzise kulturelle Gehäuse war für mich während der 
das Konto der Planer dort. Nach all den Jahren verbissener Praxis ganzen Zeit, die ich da drin war, immer eine ungeheure Freude, ein 
an diesem Thema, an dem ich noch immer interessiert bin, binich ungeheurer Genuß. Trotz dieser Zwangsjacke des Pensionats, des 
überzeugt, daß die Wohnung das wesentlichste Architekturthema —Lernenmüssens, und auch des Eingesperrtseins. Da war das Refek- 
seit Anbeginn aller Bautätigkeit immer noch bleibt. Das müßte torium. Ein Prachtsaal. Obschon wir nur Bouletten zu fressen beka- 
man den Architekten nachdrücklich auf den Schulen vermitteln, men und widerliches Rotkraut, was ich in meinem Leben nicht 
wie bedeutsam dieses Thema ist. Denn damit schreiben sie die mehr sehen möchte, und wir haben uns mit den Bouletten be- 
Topographie des Soziallebens auf Generationen fest. Und wenn das schmissen, und mit den Butterbroten, diesem widerlichen, nicht 
nicht sorgsam gemacht ist, bleibt unveränderbare schlechte Bau- kaubaren Weißbrot, das haben wir uns in die Fresse geschmissen, 
substanz. wenn irgendwo ein Problem war. Aber der Raum, der Raum war 
D. S.: Wie verstehst du diese Topographie? phantastisch schön. Eine ungeheure Stuckdecke, mit Säulen drin, 
R. K.:Ich habe in der Mikrozelle der Wohnung eigentlich genaudie- und es war ganz einfach eine wunderschöne Architektur. Es war 
selbe räumliche Idealvorstellung, wie ich sie zum Stadtraum habe. eine ganze Welt, die so ein Architekt damals seinen Leuten, die in 
Was ich in räumlichen Figuren, wie Gassen oder Platzkompositio- so einer Abtei zusammenlebten, geschaffen hat. Und daraus resul- 
nen im Stadtraum mir erträume, so ähnlich ist die Wohnung eine tiert auch meine, vielleicht etwas naive Sicherheit, wenn du deinen 
Gestaltung im Kleinen. Job erfüllst als Architekt, und alles so wertvoll wie möglich artiku- 
D. S.: Das kann architektonisch, ästhetisch stimmen, aber sozial? lierst, daß dann die Leute ein Leben lang ihren Spaß dran haben. 
R. K.: So ähnlich wie ich mir vorstelle, daß auf der Straße die Kom- Mein gesamtes Architekturbild wächst noch immer aus dieser Wur- 
munikation so ungeheuer wichtig ist, und auf dem Platz mit öffent- zel, die ich als Kind mitbekommen habe. Sowohl in meiner Familie, 
licher Funktion die Begegnung, so ähnlich stelle ich mir vor, daß in wie wir damals gelebt haben, wie auch in diesem Pensionat mit sei- 
der Wohnung die Begegnung an verschiedenen Orten einfach pro- ner ungeheuer schönen Karosserie. 
voziert werden muß vom Planer. Und wenn das nicht der Fall ist, 
dann läßt er die Familie vor sich hindarben, in Zellen und Abschot- . 
tungen. Es ist doch auch das Schönste, was bei so einem zentralen Rob Krier 
Wohnraum ja auch funktioniert, wenn die Feste, die so eine Familie Geb. 1938 in Luxemburg; Studium an der TU München; Mitarbeit 
sich leistet, wenn die stattfinden, dann ist so eine Wohnung inihrer bei Oswald Mathias Ungers und Frei Otto; 1976 Lehrstuhl an der 
besten Form. Technischen Universität Wien. 
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