Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

HAUBERGWIRTSCHAFT: Die Siegerländer Hauberg- gefährdet. Hauptursache für das „Waldsterben” ist nicht mehr das 
wirtschaft des Mittelalters gilt als frühes Modell einer „sanften”, Wachstum der Städte und Fabriken, das immer mehr an Grünflä- 
regenerativen Nutzung des Rohstoffs Holz. Sie „bezeichnet eine chen verbraucht, sondern die schlechte, abgasreiche Luft über dem 
typische Bewirtschaftungsform des Haubergs, nämlich die Ver- Revier. So dicht besiedelt ist das Ruhrgebiet, so viele Fabriken, 
knüpfung einer zyklischen, sich wechselseitig bedingenden Nieder- Bergwerke, Kokereien mit ihren Schornsteinen, so viel Kohle wird 
wald-, Feld- und Weidenutzung im Rahmen einer spezifischen hier verbrannt und solche Mengen schwefligsaurer Abgase werden 
genossenschaftlichen Agrarverfassung.” (Rolf Jürgen Gleitsmann) frei, daß sich hier zum ersten Mal ein großes zusammenhängendes 
„Rauchschadensmosaik” entwickelt hat. Professor Wislicenus, 
HOLZKRISE: Schon im 16. Jahrhundert kommt es besonders Direktor des rennomierten Tharandter Instituts, urteilt in einem 
um die damaligen Gewerbezentren zu Holzkrisen. Dort fehltesan Gutachten für die SVR-Denkschrift: „Im Ruhrgebiet finden wir 
der Zentralressource Holz, denn vor allem in der Metall-, Salz.und un vor allem die typisch diffuse, aber um so ausgedehntere Vege- 
Glasproduktion wird es in solchen Mengen benötigt, daß weit mehr tationsstörung in weit mehr verallgemeinerter Erscheinungsform. 
Holz aus den Wäldern geschlagen wird als nachwachsen kann. Bis Die Grünflächen, insbesondere die Wälder, sind hier demnach im 
zum Beginn des 19. Jahrhunderts ist der Holzmangel das Hauptpro- wesentlichen fast nur durch Restgase von Kohlefeuerungen, Koke- 
blem der Wirtschaft. Einige Zahlen: Mitte des 16. Jahrhunderts ver- reischwaden und Hochofenendgasen, im ganzen aber durch die all- 
brauchen allein die Edelmetallhütten um Freiberg (Sachsen) jähr- gemeine Säureluft der Industriestädte bedroht.” Bis weit nach 
lich 240 000 Festmeter Holz; die Saline Hall (Tirol) im 17. Jahrhun- Westen läßt sich schon die Schadspur der sauren Abgase verfolgen: 
dert 1 Mio Festmeter, was einer Waldfläche von 4000 ha entspricht. vierzig Kilometer entfernte Wälder zeigen „chronische Rauchschä- 
Die Folgen: bis in Transportentfernung zu den Industrieorten wer- den”. 
den die Waldflächen gerodet, ganze Landschaften wie die spätere 
Lüneburger Heide verändern sich. Holz wird zur Ware; und der (Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, Walderhaltung im Ruhrkohlenbezirk. Denk- 
Wald, aus dem sich jeder versorgen konnte, wandelt sich zur verwal- schrift herausgegeben von Verbandsdirektor Robert Schmidt, Essen 1927) 
teten Produktionsfläche der Holzwirtschaft. 
(Rolf-Jürgen Gleitsmann, Rohstoffmangel und Lösungsstrategien: Das Problem vor- PROZESSE: Je mehr die Abgase der neuen, expandierenden 
(Rowohlt). Rolf Peter Sieferle, Der unterirdische Wald, Encigiekrise und industrielle Fabriken die Land- und Forstwirtschaft ringsum schädigen, weil die 
Revolution. München 1982 (Beck)) Erträge zurückgehen, je mehr klagen die Betroffenen von den Ver- 
ursachern vor Gericht ihre Verluste ein - bis zur Jahrhundertwende 
KONIFEREN: Seitdem es Mitte des 19. Jahrhunderts fest- Meist mit Erfolg. So muß zum Beispiel allein die Stolberger „Rhena- 
steht, daß es die schwefligsauren Verbrennungsgase sind, welche Nia”-Fabrik von 1880 bis 1901 78 750 Mark an Entschädigung zah- 
die Bäume schädigen, weiß man, daß Nadelhölzer auf dieses Pflan- len, die Freiberger Hütten bis 1893 880 000 Mark; und oft kaufen 
zengift weit empfindlicher reagieren als Laubbäume. Fichte, Kiefer die Fabrikbesitzer die benachbarten Wälder lieber auf, als ständig 
und Tanne gelten allgemein als am wenigsten widerstandsfähig. ZU zahlen. Solche Summen zwingen besonders die Metallhütten 
Folglich gehen die Koniferen zuerst ein, wenn die SO,-Konzentra- dazu, ihre Produktionsverfahren so zu verbessern, daß die SO,-Kon- 
tionen der Luft ansteigen. „Fichten, Tannen, Kiefern schwinden all- zentrationen in den Rauchfahnen ihrer Schornsteine sinken. (Ein 
mählich aus den Großstädten”, heißt es 1923. Oder: „die Koniferen anderer Grund: die so gewonnene Schwefelsäure läßt sich gut ver- 
sind im ganzen Ruhrgebiet verschwunden” (1927), oder: „Städte kaufen.) Mit Beginn dieses Jahrhunderts kehrt sich die Rechtslage 
wie Hannover, Leipzig, Dresden haben sich ungünstig entwickelt. jedoch um: zum einen ist mit zunehmender Industrialisierung und 
Die Koniferen können nicht gedeihen und sind verschwunden.” infolge der allgemeinen Luftverschmutzung ein Einzelverursacher 
(1932) immer schwieriger festzustellen; zum anderen führt das neue Bür- 
(Julius Stoklasa, Die Beschädigung der Vegetation durch Rauchgase und Fabrikex gerliche Gesetzbuch ($ 906 BGB) den Begriff der „Ortsüblichkeit 
halationen. Berlin, Wien 1923) ins Nachbarschaftsrecht ein. Belästigungen dürfen demnach von 
Amts wegen nur noch dann eingeschränkt werden, wenn sie das 
IN LETZTER STUNDE: „Diese Denkschrift soll in letzter Maß des „Ortsüblichen” übersteigen. 
Stunde zeigen, wie weit das Sterben der Wälder im Ruhrbezirk 
bereits fortgeschritten ist und wie dringend notwendig sofortige RAUBEL: Kunstwort: „Rauch” plus „Nebel” gleich „Raubel”. 
Abhilfe im öffentlichen Interesse liegt.” So dramatisch beginnteine Deutsche Nachahmung des englichen „smog” - aus „smoke” und 
kleine Broschüre, die der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk im „fog” -, das seit dem Hygieniker-Kongreß in London 1905 eine 
Jahre 1927 herausbringt. Beklagt wird, daß im Ruhrgebiet nur noch neuartige, nur in Städten mögliche ungesunde bis lebensgefähr- 
„kümmerliche Waldreste” übrig geblieben sind, selbst die sind nun liche Umwelt- und Wetterlage bezeichnet. 
Ein vier7010 4, ger Firhennestand im Hertener Wald, „der von frühester Jugend an unter 
Rauchschäden leidet”. Zum Vergleich „ein gleichaltriger” Eichenbestand westlich des Oberschlesisches Industriegebiet um die Jahrhundertwena: 
Ortes Wulfen in rauchfreiem Gebiet: die Bäume 
RAUCHBLOSSEN: Mitte des 19. Jahrhunderts - in den 
deutschen Ländern später als in England - zeigen sich um einzelne 
Fabriken erste, deutliche Vegetationsstörungen. Vereinzelt, beson- 
ders um die Metallhütten, haben sich „Rauchblößen” gebildet, in 
denen „jegliche Vegetation zum Absterben gebracht ist” (Stolber- 
. ger Chronik von 1857). Als wichtiger - und weitreichender! - gegen- 
N über den „akuten” Rauchschäden erkannte man bald die „chroni- 
Diese Denkschrir sl in Ietzter Stunde zeigen, wie weit das schen”, die vom stetigen Einwirken kleinster Schadstoffmengen 
Er . verursacht werden. Äußere Anzeichen chronischer Rauchschäden 
SEE AM AIR A MEHR Bra sind etwa frühzeitige Verfärbung von Blättern und Nadeln, zurück- 
sind eine maßstäbliche Ubertragung aer Bäume gehendes Dicken- und Höhenwachstum der Bäume. 
Denkschrift 192? aus dem Hertener Wald. Denkschrift, 1923 
DS
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.