Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Verkrüppelte Eiche. Eschweiler Wald „in etwas größerer Entfernung von der Hütte”, 1905 Das Borsigsche Etablissement zu Moabit (Berlin). 
Stahlstich von J. M. Kolb nach einem Gemälde von J. M. Rabe, 1855. 
RAUCHHARTE GEWACHSE: Als ab 1920 die Nadel. RAUCHSCHADENSFORSCHUNG: Etwa ab 1880 - 
hölzer in der so schadstoffreichen Stadtluft überall verkrüppeln in Sachsen schon früher - fördern die deutschen Länder „Rauch- 
oder gar völlig verschwinden, beginnt die gezielte Aufzucht „rauch- schadensforschung”. Chemiker, Biologen, Forstleute'sollen heraus- 
harter Gewächse”. 1927 betreibt etwa der Siedlungsverband Ruhr- finden, wie der unsichtbare Teil der allgegenwärtigen Rauchgase, 
kohlenbezirk vier eigene Pflanzenschulen, „aus denen der gesamte die schweflige Säure, in die Pflanzen gelangt, wie sie dort wirkt und 
Pflanzenbedarf des inneren Bezirks gedeckt werden soll”. Nicht nur ob es zur Abwehr von Schäden Mittel gibt. Zentrum dieser jungen 
die kommunalen Parks sollen mit rauchharten, extra auf Wider- Wissenschaft ist die forstlich-Chemische Untersuchungsanstalt in 
standsfähigkeit gegen die Luftschadstoffe gezüchteten Baumsorten Tharandt (Sachsen). Auch an den Hochschulen entwickelt sich die 
bestückt werden - Erle, Ahorn, Ulme, erst recht Pappel und Platane Rauchschadensforschung: Arwed Wieler (1858-1943), Botanikpro- 
-, auch die Forstwirte sollen mit ihnen ihre abgasgeschädigten und fessor in Aachen, bietet nicht nur Vorlesungen über „Rauchschä- 
deswegen unrentablen Bestände auffrischen. Dafür verteilt der den” an, er untersucht systematisch, wie sich bei Anwesenheit von 
SVR allein 1924/25 5 Mio Mark an Wiederaufforstungsprämien. SO, die Photosyntheseprozesse in den Pflanzen verändern. Auch 
vertritt Wieler als erster die „Bodentheorie”, daß nämlich die Säure 
nicht nur über die Blätter in die Pflanze gelange, sondern auch über 
Boden und Wurzeln. Er empfiehlt ein praktisches Rezept: Auf- 
kalken. 
(A. Wieler, Untersuchungen über die Einwirkung schwefliger Säure auf die Pflanzen 
Berlin 1905) 
REICHSTAG: 1925 stellen Reichstag und Reichsminister der 
Finanzen 44 Mio Mark für „Forstschäden” zur Verfügung, davon 
gehen 30 Mio nach Preußen und ins Ruhrgebiet. Mit diesen Gel- 
dern sollen die Städte kränkelnde Wälder aufkaufen, in denen 
wegen der schadstoffreichen Luft keine rentable Forstwirtschaft 
mehr möglich ist. In diesen dann kommunalisierten Wäldern dür- 
fen nur noch „rauchharte Gewächse” angepflanzt werden. 
CARL REUSS: Im Jahre 1907 schätzt Oberförster Karl Reuß 
die im Deutschen Reich „zerstörten” (!) Waldungen auf 90 000 ha. 
Und auf 2 1/4 Mio Mark jährlich summiert er die entsprechenden 
Zuwachsverluste. (Zum Vergleich: 1971 wird die durch industrielle 
Pflanzenschule Hattingen: „Aufzucht rauchharter Holzarten”. Denkschrift, 1923 Immission „geschädigte” Waldfläche in der BRD mit 50000 ha 
angenommen; nach der offiziellen Waldschätzung von 1982 sind 
RAUCHPLAGE: Im Jahre 1900 veranstaltet der „Deutsche 419000 Ha „schwach, 107400 ha „mittel” und 35000 ha „stark” 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege” eine Rundfrage. Ergeb- geschädigt.) 
nis: ein Viertel aller deutschen Städte mit mehr als 15 000 Einwoh- 
nern leidet nach eigenen Angaben unter der „Rauchplage”. Ruß, 
Rauch und unsichtbare Gase steigen aus den zigtausend kleiner RIESENESSEN: Seitdem Fabrikabgase oder der Rauch der 
und großer Schornsteine, trüben den Himmel eintönig grau; „ein Dampfkesselfeuerungen als pflanzenschädlich bekannt ist, wach- 
dichter Schleier, der alle Gebäude verhüllt, und von dem nur ab sen die Schornsteine, welche die Gifte in höhere Luftschichten ein- 
und zu mal durch einen Windstoß mal ein Eckchen gelüftet wird”. führen. Doch so alt wie dieses so praktische Prinzip ist auch die Kri- 
Dies ist nicht nur lästig und Anlaß zu ständigem Ärger, sondern tik daran. „Hohe Schornsteine haben sich entschieden nicht 
auch gesundheitsgefährdend - besonders dann, wenn sich bei bewährt”, meint 1879 der Chemiker Robert Hasenclever:(1841- 
Feuchtigkeit „künstliche Nebel” bilden, die sich zudem noch mit 1902). Oder Wieler 1905: „Die hohen Kamine verteilen die Säuren 
giftigen Abgasen anreichern. Das Klima verschlechtert sich und in aufein weiteres Gebiet und ziehen dadurch größere Waldpartien in 
vielen Städten steigt bis zur Jahrhundertwende die Zahlder Nebel- Mitleidenschaft. Infolge der Verteilung auf eine größere Fläche hört 
tage: Hamburg rechnet zwischen 1877 und 1885 mit durchschnitt- die Zerstörung nicht auf, sondern wird nur verlangsamt.” Die „Hals- 
lich 130 im Jahr, und 500 Sonnenstunden, so wird gezählt, schluckt brücker Esse” etwa, 1899 fertig geworden und mit 144 m damals der 
die graue Dunstglocke. höchste Schornstein der Welt ist für die Kritik ein „Riesengeschütz 
(Albert Reich, Leitfaden für die Ruß- und Rauchfrage. München, Berlin 1917) für die Fernbeschießung größerer Waldgebiete.” 
DR
	        

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