Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

auf den Grundplan positioniert. Ein eigener Programmteil wischt 
sozusagen alle Innereien aus und erhält nur die Konturen und das 
Volumen. Dann kann man die Eckpunkte der Flächen anvisieren 
und die Flächen farblich anlegen, dabei verschwinden dann die da- 
hinterliegenden Linien und werden auch nicht mit abgespeichert. 
ARCHT* :Sie haben also den Plan und digitalisieren die Eckpunkte? 
Kroll: Zur Zeit geben wir die Daten noch alphanumerisch ein. Ab 
Januar, wenn der entsprechende Programmteil fertig ist, können 
wir dann digitalisieren. 
ARCH” : Wie entwerfen Sie eigentlich? Sitzen Sie unentwegt am 
Bildschirm? 
Kroll: Nein, ich entwerfe traditionell auf dem Papier. Ich mache 
meine Skizzen und einer meiner Mitarbeiter gibt sie dann in den 
Rechner ein. Ich denke auch, daß diese 20% Entwurfsarbeit so blei- 
ben sollte. «Kroll malt eine Hyperbel in ein Achsenkreuz, Ordinate: 
kreative Arbeit, Abszisse: Menge der Arbeit.» Die 80% der restli- 
chen Arbeit, d.h. all die Berge von Papier für Baueingaben, Aus- 
schreibungen, Genehmigungsplanungen, usw., die es früher nie 
gab, hat uns doch erst das maschinelle Zeitalter gebracht. Es ist 
doch nur logisch, wenn diese Arbeit nun auch von einer Maschine 
gemacht wird. Die restlichen 20% kreativer Arbeit hingegen sollen 
weiterhin dem Menschen vorbehalten bleiben, weil er da immer 
besser und auch effektiver ist. 
ARCH”* : Könnten Sie Ihre Vorgehensweise anhand einiger neue- 
rer Projekte erläutern? 
Kroll: Eine interessante Sache ist das hier. Diese vom Rechner n . 
erstellte Zeichnung zeigt das „Ospedale della Scala“ in Sienna, Es Clichy - sous - bois 
geht hierbei um eine Aufgabe aus dem Altbau-Bereich, aus dem hi- 
storischen Stadtzentrum, also um die Behandlung von existieren- 1. Perspektive, „Drahtmodell“darstellung der Gesamtanlage 
den Dingen. Das ganze Computer Aided Design hat janurein Ziel: 2. Bestandsfoto mit Einkaufszentrum und Wohnblöcken im Hintergrund 
Neues zu schaffen. Es gibt kein CAD für den Bestand, für das ge- 2. Axonometrie der Gesamtanlage, „Drahtmodell“, Dächer farblich angelegt 
wöhnliche kulturelle, architektonische Erbe. CAD in der Art, wie es 4. Bestandsplan des Einkaufzentrums, Aufmaß in den Rechner eingespeist und 
entwickelt wurde, ist ein wirklich militärisches Werkzeug. Es schafft geplotter 
Neues, indem es das Alte zerstört. Unsere Herangehensweise bei 
diesem Projekt ist jedoch genau andersherum. Wir gehen von den 
existierenden Gegebenheiten aus, geben die wirklichen Maße in 
den Rechner ein und lassen ihn dann die Perspektive zeichnen. Es 
handelt sich hier um eine 1000 Jahre alte Gebäudeagglomeration, 
die unglaublich komplex und widersprüchlich konstruiert ist. Wir 
haben die Anlage zu rekonstruieren versucht. Bei all dieser Ver- 
schachtelung der Räume schlängelt sich bis heute ein einfacher 
Ziegenweg durch die Anlage. Diese Komplexität und diese 
Einfachheit gilt es zu erhalten. 
Das hier ist etwas ganz anderes. Ein schreckliches Einkaufszen- 
trum in Clichy-sous-bois, einem Vorort von Paris. Es besteht aus 
einem großen Kaufhaus, einem Parkplatz, einer Passage mit mehre- 
ren Geschäften, die alle nicht gehen. In der Umgebung sind noch 
einige Wohntürme. Das Gebäude ist gerade 12 Jahre alt, also kaum 
historisch zu nennen, und hat doch mit dem eben Gezeigten etwas 
gemeinsam. Denn obwohl es nach den Plänen in einem strengen 
Raster entworfen wurde, weicht es in Realität ständig davon ab. Ein 
mechanisch arbeitendes CAD-Programm geht nun folgenderma- 
ßen damit um: Es gibt ein Achsmaß vor, und dann wird nur noch 
tok, tok, tok, die ‚repeat*Taste betätigt. Wir tun das nicht, sondern 
gehen von den realen Maßen aus, denn der Bauunternehmer hat . 
sich bei der Ausführung ja auch nicht an die Theorie des Planes ge- ztancntfennn  oexÄstehmnCer 
halten. nfwaxnun aneNmasfar 
Insofern ist dies das gleiche wie das andere. Die Dinge werden 
komplex, wenn das Leben sie so macht. Solange sie nur auf dem Pa- 
pier stehen, sind sie abstrakt, können durchaus ‚Rechnerarchitek- 
tur’ sein, aber sobald sie gebaut sind, werden sie zu einer histori- 
schen Architektur. 
ARCHT”: Diese Sichtweise setzt voraus, daß man eine gewisse 
gedankliche Barriere überwunden hat. Der normale Schritt in 
einem Architekturbüro wäre einfach die Addition. 
Kroll: Natürlich, aber das will ich nicht. Deshalb fühle ich mich 
selbst ganz natürlich in diese andere Richtung gezogen. 
ARCHT : Trotzdem steckt in Ihrer Rolle als Architekt, mit partizipa- 
tivem Interesse auf der einen Seite - oder sagen wir als Spezialist, 
der seiner eigenen Profession nur bedingte Kompetenzen zuge-
	        

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