Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

steht - und auf der anderen Seite dem Akzeptieren ihres Speziali- 
stentums, beispielsweise in der Akzeptanz dieser neuen Technolo- 
gie, doch etwas Widersprüchliches. Können Sie dazu etwas sagen, 
das ist doch sehr spannungsvoll? 
Kroll: Wie soll ich darauf antworten. Widersprüche sind nichts 
Unmögliches, im Gegenteil, sie sind schöpferisch. Das architek- 
tonische Objekt an sich kann unterschiedliche Eigenschaften ha- 
ben: postmoderne, technische, high-tech, CAD, oder was auch 
immer. Aber das ist an sich nicht von besonderer Bedeutung, son- 
dern wichtig ist vielmehr das wechselseitige Verhältnis zu denen, 
die darin leben und die etwas dazu beitragen wollen, auf die man 
aber nicht hören kann, weil man sie gar nicht gefragt hat. Stellen wir 
. uns nun einmal vor, wir befänden uns in einer Operation mit Leu- 
i ten, die sehr genau wissen, was sie wollen. Das ist durchaus mög- 
lich, wir haben solche Erfahrungen schon gemacht. Also wenn aus 
einer solchen Gruppe der eine rot will, der andere grün, der will es 
hoch, jener niedrig, usw., 
ARCH*: ... wenn also jeder seinen individuellen Traum hat, ... 
Kroll: Vielmehr als ein Traum. Ich würde es eher eine Projektion 
des typologischen Verhaltens nennen, das ist kein kurzlebiger 
Spleen. Viele Leute sind wirklich so, agoraphob, klaustrophob, um 
. ; nur zwei große Kategorien zu nennen. 
St. Germain - sur - Vienne: Uns stehen nun zwei verschiedene Möglichkeiten offen, die der 
Les Roca ges Technik und die der Architektur. Man kann durchaus eine Archi- 
tektur wie beispielsweise ‚moderne Bauformen’ nehmen, im klassi- 
1. Geländetopographie mit „Drahtmodell“ des Entwurfs,geplottet, 21.3.85 schen Sinne sehr abstrakt wie etwa die Weißenhofsiedlung, denn 
2. Von hand überarbeitete Fassung des Entwurfs, 3.7.85 das lebt noch, das ist noch gut, weil ein starkes Programm dahinter- 
3. Bildschirmdarstellung des Entwurfs steht. Welcher Bautechnik und welchen Materials man sich auch 
4. gezoomter Ausschnitt der Bildschirmdarstellung immer bedient, Holz, Stahl, Glas oder Aluminium, ob High-Tech 
oder welcher Stil auch immer, ist nicht so sehr von Bedeutung, 
wichtig ist das Programm, das hinter der Architektur steht. Wenn 
die Technik nur für sich steht, ganz gleich ob es sich um traditionelle 
oder moderne Technik handelt, dann ist das schlecht. 
Oder auf der anderen Seite Leute wie die Kriers und ein Histori- 
zismus, der wie eine Tapete auf die Architektur geklebt wird, der si- 
cherlich auch Qualitäten hat, aber dahinter ist nichts. Da sagt einer: 
„Die Stadt ist genau das, toc, dieser Stil, man nehme diese Säulen, 
diesen Rhythmus”. Alles schön gezeichnet, aber nichts dahinter 
außer dem Instinkt eines Architekten. Sicherlich ist das auch etwas 
- aber kein zeitgemäßer Anstoß. Er bebildert lediglich seinen eige- 
nen Traum, weiter geht er nicht. 
ARCH” : Wie wirkt sich CAD auf Ihren partizipatorischen Ansatz 
aus? Was zeigen Sie den Leuten? Legen Sie Ihnen die Ausdrucke 
Ihrer Pläne vor oder setzen Sie sie vor den Bildschirm? Haben die 
Leute Angst vor der neuen Technik, weckt sie im Gegenteil Inter- 
esse, oder kann man das nicht an der Technologie alleine fest- 
machen? 
Kroll: Das ist keine Frage von Papier oder Bildschirm, das ist kein 
technologisches Problem. Das Ausschlaggebende ist, daß die Fami- 
lien das Gefühl haben, daß man ihnen zuhört und daß mit dem Ge- 
sagten etwas gemacht wird, ganz gleich ob auf Papier, auf dem Bild- 
schirm oder auch nur am Telephon. 
Nehmen wir zum Beispiel dieses Projekt: Sozialer Wohnungsbau 
der 50er Jahre in Amiens, ein fünfgeschossiges Gebäude von 320 m 
Länge mit 160 Familien. Es stehen keine Wohnungen leer, keine 
erhöhte Kriminalität, die Leute kennen sich, leben zum Teil schon 
seit 20 Jahren darin, ganz außergewöhnlich für einen solchen Ge- 
bäudetyp, ein bißchen Dorfatmosphäre in einer 320 m langen 
Wohnmaschine. 
Nun kann ich natürlich nicht alle 160 Familien kennenlernen und 
nach ihren Bedürfnissen fragen. Ich habe also gesagt: „Das hier ist 
Herr Verlaine, unser Soziologe, der wird bei Ihnen allen vorbeikom- 
men und Sie nach Mängeln und Wünschen fragen. Danach werden 
wir auf dem Computer unsere Pläne machen und sie Ihnen vorstel- 
len, um zu erfahren, was Sie davon halten.” - Nun, der Soziologe hat 
alle befragt und ungefähr 160 mal gehört: „Der Wasserhahn tropft, 
in der Küche ist es zu kalt, und das Badezimmer ist schlecht organi- 
siert” Den meisten war die Wohnung zu klein, einigen aber schon 
zu groß, aber es gab im ganzen Viertel nur einen einzigen Typ von 
Wohnung. Das war für uns: der Ansatzpunkt, das Gebäude von 
Innen her nach den Bedürfnissen der einzelnen Familien umzu- 
strukturieren. 
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