Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Helmut C. Schulitz 
DAS INSTITUT FÜR ANGEWANDTE MIKROELEKTRONIK, 
BRAUNSCHWEIG 
Es wird zu oft davon gesprochen, wie ein Gebäude entworfen wer- kam, obwohl der Ausschreibung großformatige Computerzeich- 
den muß, damit CAD voll zum Einsatz kommen kann. Daher ge- nungen beigefügt waren; diese wurden jedoch nicht als solche er- 
sehen ist die Befürchtung sicher berechtigt, daß sich auch diese kannt. Mit dem Benson Plotter 9444 sind die Pläne von der Breite 
Technik zu verselbständigen beginnt und nicht mehr Mittel zum eines Reißbrettes und in beliebiger Länge erstellbar. 
Zweck, sondern Selbstzweck wird. Die Meinung, Mikroelektronik Auf der anderen Seite des Spektrums ist das häufigste Argument 
führe zu mickriger Architektur, die E. M. Lang mit einem Untertitel für CAD die Schnelligkeit und Effizienz der Planerstellung; und 
zu Benedeks Karikatur (Architektenblatt Januar 85) zum Ausdruck zwar wird dieses Argument nicht nur von den Softwarehäusern, 
brachte und die unter Architekten weit verbreitet ist, scheint daher sondern auch in Fachzeitschriften verbreitet. So wurde z.B. in der 
verständlich. Zeitschrift der Architekturabteilung der Universität von Kalifor- 
Die Motivation zum CAD-Einsatz sollte umgekehrt sein: CAD nien (Winter 1982) die Legende von der Schnelligkeit mit der Be- 
sollte dort eingesetzt werden, wo diese neue Technik uns erlaubt, merkung untermauert, daß die CAD-Studenten eine Zeichnung 
Projekte oder Abläufe zu entwerfen, die wir ohne die Technik nicht der historischen Fassade der Royce Hall mit ihrem Plotter in weni- 
mehr in den Griff bekämen. Es wäre fatal, CAD dazu zu nutzen, ger als 15 Minuten erstellen. Er wurde bewußt verschwiegen, wie- 
den traditionellen Entwurfsprozeß billiger und dafür schlechterab- viel Zeit das Eingeben der Daten heute noch braucht. Es ist so, als 
zuwickeln. Meine Arbeit des Entwerfens mit Halbzeugen und Bau- würde der heutige Bauzeichner die Schnelligkeit der Lichtpausma- 
teilen offener Bausysteme, insbesondere das Entwicklen von Va- schine zum Beweis seiner schnellen Zeichentechnik heranziehen. 
rianten auf der Basis von Koordinationssystemen und die Kosten- Den im Anschluß folgenden detaillierten Aussagen über die Vor- 
kontrolle dieser Varianten, zwang quasi dazu, über neue Medien und Nachteile des rechnergestützten Zeichnens und Entwerfens 
nachzudenken, um diese Arbeit erst zu ermöglichen. CAD schien soll zusammenfassend vorausgeschickt werden, daß sich CAD 
hierfür ein möglicher Weg zu sein. nicht als eine schnellere Methode des technischen Zeichnens er- 
Da ich mich zunächst auf das Knowhow meiner Kollegen ander wiesen hat. Häufige Behauptungen, CAD erhöhe die Effizienz des 
Universität von Kalifornien, die seit 10 Jahren auf dem Gebiet des Zeichnens durch einen Faktor von 3 bis 5, lassen sich nach unseren 
CAD gearbeitet hatten, verlassen hatte, mußte ich mich nach Erkenntnissen nicht nachvollziehen. Für Architekturbüros, die sich 
meiner Rückkehr nach Deutschland 1982 wohl oder übel selbst mit als reine Entwurfsbüros betrachten, d.h. die Architektenleistungen 
CAD befassen. Der Auftrag für das Institut für Angewandte wie die der Ausführungszeichnungen, der Kostenkontrolle, der 
Mikroelektronik des Landes Niedersachsen war eine gute Gelegen- Ausschreibung, der Vergabe und der Abrechnung z.B. einem Inge- 
heit, den Einstieg zu wagen, denn es erschien sinnvoll, die Mikro-. nieurbüro übergeben oder mit einem Generalunternehmer zusam- 
elektronik dem Inhalt des Gebäudes entsprechend auch für den menarbeiten, kann das Medium CAD noch keine Vorteile bieten. 
Entwurfsprozeß zu nutzen. Um das Medium in seiner vollen Breite Der Sinn des CAD scheint überhaupt nicht im technischen Zeich- 
kennenzulernen, entschloß ich mich, das Experiment zu versu- nen selbst zu liegen, sondern in der Informationsverarbeitung, die 
chen, zunächst den gesamten Umfang der Architektenleistungen durch die automatische Speicherung der gezeichneten Informatio- 
über CAD laufen zu lassen. Dabei sollten jedoch keine architekto- nen möglich wird. So lassen sich durch die Zeichnung gespeicherte 
nischen Qualitäten dem CAD-Entwurfsprozeß zuliebe geopfert Daten für die Erstellung z.B. der Schal- und Durchbruchspläne, der 
werden. Ingenieurzeichnungen der Massenberechnung, der Ausschrei- 
Voraussetzung für die CAD-Arbeit war die nötige Hard- und bung, Vergabe und Abrechnung nutzen. Es wäre sogar nicht abwe- 
Software, die ich im ICT (Institut für Computer Technologie) vor- gig, von Hand gezeichnete Pläne anschließend noch einmal über 
fand, das als ein von der Technischen Universität Braunschweig CAD zu erstellen, um diesen Vorteil nutzen zu können. Im Maschi- 
unabhängiges Insitut neu gegründet worden war. Uns stand folgen- nenbau wird dieser Prozeß ohne große Bedenken angewandt, wenn 
de Hardware zur Verfügung: 32 Bit Prime 9950 Rechner, 670 MB es um die direkte Koppelung mit der Fertigung geht. 
Festspeicher und 6 MB Arbeitsspeicher, Westward Terminal 2019 Wie jede technische Neuerung erweitert auch CAd die her- 
Tektronix 4014 und ein elektrostatischer Flachbrett-Plotter Benson kömmlichen Möglichkeiten des Zeichnens, nicht ohne zu neuen, 
9444. Als Software diente das in Cambridge von Applied Research ungewollten Problemen und Begleiterscheinungen zu führen. Ich 
entwickelte GDS 2 1/2 d (General Drafting Systems). möchte im folgenden die wesentlichen drei Eigenschaften des 
Die nachfolgenden Bemerkungen sind im Zusammenhang mit CAD, nämlich Genauigkeit, Möglichkeit der Planänderung und ob- 
dieser Hard- und Software und unserer Arbeitsweise zusehen und jektweise Eingabe und Abruf von Daten sowie die aus ihnen re- 
können nicht bedenkenlos- verallgemeinert werden. Sie mögen Sultierenden Vorzüge und Probleme beleuchten. 
aber mithelfen, einige unbegründete Vorurteile gegen CAD sowie le z 
einige durch „Propaganda“ verbreitete CAD-Hoffnungen zu wider- Genauigkeit der Zeichnung 
legen, die ja für die heutige Situation typisch sind. ® Durch die Exaktheit der Baueingabepläne (1:100) konnten die 
Die oft extremen Gegensätze in der Beurteilung des CAD hän- Grundlagen für die Werkpläne (1:50) aus den vorhandenen Daten 
gen mit seiner rapiden Entwicklung der letzten Jahre zusammen: unmittelbar durch den Plotter erzeugt werden. Es ließen sich sogar 
So werden oft Techniken von gestern als Argumente für die Unzu- Zeichnungen im Maßstab 1:10 aus dem 1:100 durch Aufzoomen er- 
länglichkeiten des heutigen CAD herangezogen, ebenso wie Er- stellen, die zur wechselseitigen Überprüfung der 50stel und der De- 
wartungen für morgen bereits als heutiger Stand der Technik ver- tailpläne dienten. Es braucht theoretisch also nur ein Satz Pläne er- 
kauft werden. So kam zum Beispiel in der ersten Besprechung nach stellt zu werden, aus dem dann durch Vergrößerung und Verkleine- 
der Rohbauvergabe von einer Baufirma der Einwand, man möge rung alle anderen Pläne erstellbar sind. 
doch um Gottes Willen nicht nach vom Computer gezeichneten ® Die Eingabe muß daher exakt erfolgen, was dazu zwingt, sich 
Werkplänen arbeiten, da man bei einem Bau dieser Größe dochmit rechtzeitig mit den Details zu beschäftigen, was auch als ein Positi- 
Plänen im DIN A 4-Format den Überblick verlöre. Dieser Einwand vum angesehen werden muß. 
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