Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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dungen erwähnt finden wird, ist die Per- ten wissenschaftlichen Hinterlassenschaft _Grenzübertritt zu verschleiern. Man soll 
spektiv-Kulisse. Technische Erfindungen derRenaissance auch diese Erfindung über- niemals ganz genau wissen, ob man sich 
sind keine Zufälle, wie die Techniker sich nahm, verlieh es ihr einen veränderten noch im dreidimensionalen Raum befindet 
schmeicheln mögen. Man kann zu einer Sinn. Es hat sie benutzt, nicht um die Wirk- oder schon im zweidimensionalen Schein. 
Zeit sagen: Sage mir, was du erfindest, und lichkeit zu sichern, sondern um sie zu Man soll etwas glauben, man sei noch dies- 
ich sage dir, was du bist. erschüttern, nicht um auch noch dem seits, während man in Wirklichkeit schon 
Die Perspektive beruht auf der Beobach- Schein Wirklichkeit Zu verleihen, sondern jenseits ist, und man soll nie ganz den Zwei- 
tung, daß auf der Netzhaut ein Gegenstand um auch die Wirklichkeit in Schein zu ver- fel verlieren, ob man auch wirklich schon 
um so kleiner erscheint, je weiter er entfernt wandeln. - Warum aber verwendet nunder darüber und nicht vielleicht doch noch 
ist. Die mittelalterliche Malerei hatte die- Maler eine solche Virtuosität, diesem _hüben sich befindet. Der Weg in das Jen- 
sem Gesetz kaum Rechnung getragen. Ihr Schein den Schein der Wirklichkeit zu ver- seits ist ein Gleiten und nicht ein Sprung. 
lag nichts daran, die Dinge in den irdischen leihen? Auch der gläubigste Kirchenbesu- Von dieser Ungewißheit über ihre Grenze 
Raum einzuordnen. Erst als die Renais- cher glaubtja nicht, daß es wirklichder HEI- geht aber nun eine eigentümliche Beunru- 
sance die Welt entdeckte und den Raumals LIGE IGNATIUS ist, der da oben auf Wol- higung aus, die auch den Kern dieser Welt 
autonome Ordnung erschloß, wurde für die ken in die Arme des ewigen Vaters schwebt. in Mitleidenschaft zieht. Wenn man näm- 
Malerei die Klärung der Raumverhältnisse Über die Unwirklichkeit des gemalten Vor- lich niemals genau wissen kann, wo die 
Wirklichkeit endet und die Täuschung 
beginnt, dann ist überhaupt die Realität der 
Welt in Frage gestellt. Wenn also die illusio- 
nistische Malerei an den Kirchendecken 
den Schein zu solcher Vollkommenheit stei- 
gert, dann geschieht es nicht in der Absicht, 
die Scheinhaftigkeit dieser illusionären 
Welt zu leugnen, es geschieht vielmehr, um 
die Wirklichkeit unserer realen Welt in 
Frage zu stellen. - Dies ist der Unterschied 
zwischen der Täuschung der Welt und der 
des Theaters: Was die Täuschung der Welt 
so gefährlich macht, ist, daß sie über ihre 
eigene Täuschung zu täuschen versucht, 
daß sie vorgibt, sie sei echt, und es vielleicht 
selber sogar glaubt. Das Theater aber weiß, 
daß es nur ein Trug ist, und macht gar kei- 
nen Hehl daraus. Es will gar nichts anderes 
sein als ein Gemenge aus Schein. Es will die 
Sinne unterhalten, aber niemals die Ver- 
nunft betören. Es ist wirklicher Schein in 
der scheinbaren Wirklichkeit. Und so ist es, 
wenn vielleicht von geringerer Wahrheit, so 
doch von größerer Wahrhaftigkeit. 
Ist aber die Wirklichkeit des Zuschauers 
selbst nur ein Theater, dann ist das Theater 
in Wirklichkeit schon ein Theater im 
Theater. Dann steht der Zuschauer im 
Theater seinerseits schon auf der Bühne 
und spielt in einem Spiel, ob er es weiß oder 
nicht. Wer aber ein guter Schauspieler sein 
will, der wird sich nicht täuschen lassen. Der 
weiß, daß die prächtigste Dekoration nur 
ein Schein ist und auch das prunkvollste 
Kostüm nur geliehen. Aber er wird seine 
Rolle trotzdem so gut spielen, wie er nur 
kann. R. Alewyn (1952) 
Sollten Sie diese beiden Seiten nachdenk- 
lich gemacht haben, besorgen Sie sich 
Einstein + Born 
Commedia dell’Arte - Greno Nördlingen 1985 - Buster Keaton in „Pajama Partı Briefwechsel 1916-1955 
und damit die Darstellung dieses Raumes gangs kann der Maler nicht täuschen wol- Ss Sa en 6 
eine wichtige Aufgabe. Indem sie gleich len. Aber über etwas anderes: Auch der E Richard Alewyn 
große Gegenstände verschieden groß auf ungläubigste Beobachter ist. selten Das Große  Welttheater 
die Leinwand setzte, erzielte sie den Ein- imstande, mit voller Sicherheit anzugeben, Beck — München - 1985 
druck eines räumlichen Abstandes, und wo genau die plastische Realität aufhört 7 AU. /136 SE Abb /34 DM 
indem sie alle diese Verhältnisse voneinem und das Reich des gemalten Scheins E tin ES 
Punkt aus geometrisch konstruierte, beginnt. z ARCH 69/ 70 Seite 87/88 
erweckte sie die Vorstellung eines einheitli- Man konnte über den Abgrund, der die Beialledem steht sich die Rechte nur selbst 
chen Raumes, die wir seither jedem Bild sinnliche von der übersinnlichen Welt im Wege, und wie schwerfällig sich die 
abzulesen gewohnt sind. Die Renaissance. trennt, keinen entscheideneren Begriff Kleine Linke noch nach 20-30 Jahren her- 
erfreute sich dieser Übereinstimmung von haben als das Barock, und worauf es hier umquält, können sie nachlesen in: 
Wissenschaft und Wirklichkeit und abgesehen ist, ist nicht die Täuschung über Traum der Vernunft - Luchterhand 1985 - 
bediente sich ihrer, um sich der diesseitigen den Unterschied der Welt des Scheins und 17,- DM 
Welt zu versichern und zu bemächtigen. der Welt des Seins. Worauf es ankam, war, Lyotard, J. F. Immaterialität und Postmo- 
Wenn aber nun das Barock mit der gesam- die Grenze zu verwischen und damit den _derne Merve 1985 - 9.- DM
	        

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