Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

—, LUST AUF LEHM (IH; 
Lehmhaus von Außen Lehmhaus Innenraum 
und keine Arbeitsplätze, wenn wir es uns man jetzt und auch später leben kann. Es Veranstaltung, diesmal in München, die 
leisten können noch eine vierte Einrichtung war an eine qualifizierte Arbeitsstätte ge- „Bau How”. Drei Monate wurde ich bekniet 
zu kaufen, sondern dadurch, daß wir nur dacht, mit echten Arbeitsplätzen, die sich doch nochmal das „Lehmhaus” aufzu- 
eine benötigen. Sie kann dafür ruhig teurer selbst trägt, die keine Schwelle nach drau- bauen. Ähnliches Ergebnis. Wir sind so ge- 
sein, aber sie wird uns, wenn sie dement- ßen hat und wo man nachher auch bei Be- wöhnt formal zu sehen, und hier nur Va- 
sprechend besser ist, auch mehr zufrieden darf bleiben kann. Jeder bekommt so das rianten von bereits optisch Vertrautem zu 
stellen und somit mehr Kultur bedeuten. Gefühl wieder. gebraucht zu werden und entdecken, daß etwas unvergleichbares ein- 
So zu denken, verdanke ich meinem Mit seinem Können den Fortbestand der fach unserem Blick entgeht. Inzwischen 
Lehrer Hassan Fathy, der uns allen vorexer- Gruppe zu sichern. Das Gewicht sollte hatte Heinrich Klotz vom Deutschen Archi- 
ziert hat, was es heißt, Alternativen zu ent- Mehr auf der handwerklichen Fertigung _tekturmuseum von dem Projekt gehört, es 
wickeln und umzusetzen. Ein liebendes und weniger im Einsatz von aufwendigem in die Ausstellung „Bauen heute” aufge- 
Herz, ein wacher Verstand und 2 Hände technischen Gerät liegen. Meine Entwürfe nommen und als erster erkannt, daß die 
zum arbeiten sind die einzige Vorausset- Schienen ideal in ein solches Programm zu Idee des Projektes seine wahre Qualität ist. 
zung dazu. So entdeckte er als Antithese passen. Da starb unerwartet mein Vater Ich war inzwischen so resigniert, daß ich mit 
zum heutigen Bauen in Ägypten die nubi- und hinterließ mir das Vermögen meiner dem Projekt erst wieder an die Öffentlich- 
sche Bauweise und schuf, als Synthese, sei- Vorfahren, das zum großen Teil unter be- keit treten wollte, wenn es auch wirklich ge- 
ne weltbekannten Bauten. Daß diese _drückender Sparsamkeit erworben worden baut ist und läuft. Die Arbeit daran hatte 
Schöpfung sich aber aus logischen Denk- War. mich aber inzwischen über 20 000,- DM ge- 
prozessen ableitet, die weltweit verallge- Der Moment, auf den ich solange gewar- Kostet und damit war der Traum, es mit 
meinerbar sind und damit für uns viel wert- tet hatte, war gekommen, und ich begann eigenen Mitteln zu errichten, gestorben. 
voller sind als die formalen Ergebnisse, wis- sofort ein Haus zu entwerfen, das von So- Mir erschien anfangs Lehm der geeignete 
sen nur wenige. zialarbeitern zusammen mit den Drogen- Baustoffzu sein, inzwischen macht die neue 
Seine Kuppeln können wir hier nicht leuten errichtet werden kann, das ihnen ge- Wärmeschutzverordnung hier einen Strich 
übernehmen, aber seine Denkweise. Nurso hört und in dem sie nachher wohnen und durch die Rechnung. Ihn trotzdem zu ver- 
können neue regionale Formen entstehen, Arbeiten können. Das Urbedürfnis des seß- wenden und ihn von außen kompliziert zu 
die im Gegensatz stehen zum überall wie- haften Menschen zu stillen, ein eigenes dämmen widerspricht völlig dem ihm inne- 
der aufflackernden Provinzialismus. Doch Haus zu bauen und zu besitzen, war die erste wohnenden Prinzip von Einfachheit und 
nun zu meiner Arbeit. Solchermaßen ge- Therapie. (Wie das Haus aussehen sollte ist Sinnfälligkeit. Aber, wie ich schon vorher 
prägt, habe ich, über den Hausbau hinaus, im Text „das Lehmhaus” beschrieben.) Es sagte, Lehm ist auch nur eine Form und 
alle Dinge, womit wir unserem täglichen besteht im Wesentlichen aus einem Atrium nicht der Inhalt. Es wird sich vielleicht ein 
Leben Gestalt geben, erneut und bewußtin Mit Wohn- und Arbeitsräumen für Metall, anderer, geeigneterer Baustoff finden. 
die Hand genommen und auf ihre Notwen- Holz und Keramik. Dann ging ich an die Das Hausgerät, vor allem die Reiseküche, 
digkeit geprüft. Ein großer Teil ist wirklich Ausarbeitung der Produkte, die dort herge- habe ich viermal in der in- und ausländi- 
überflüssig, nur ein geringer Rest lohnt für Stellt werden sollten. schen Fachpresse veröffentlicht. Ich kann 
eine Neugestaltung. Von der Kleidung bis Die Organisatoren der „Umwelt 83”, der mich plötzlich vor Anfragen nicht retten 
zum Besteck entstand eine Unzahl von Ent- ersten Alternativmesse in Deutschland, im und habe daraufhin alle Stellen aufgesucht, 
würfen, aber mir fehlten die Mittel zur Aus- Oktober 1983 in Nürnberg, erfuhren von die Drogenresozialisierungsprojekte betrei- 
führung. So verging eine fruchtbare Zeitdes dem Projekt und baten mich unbedingt mit- ben, um ihnen die Objekte zur Fertigung 
Sammelns und Entwickelns. Inzwischen zumachen. Ich sah darin eine Chance, die unentgeldlich anzubieten. Alle träumen sie 
war ich befreundet mit Leuten, die Resozia- ganze Idee einem breiteren Publikum vor- von solchen weiterführenden Arbeits- und 
\isierung mit Drogenabhängigen betrieben. zustellen, vor allem aber wollte ich die Ausbildungsstätten, aber bis jetzt hat sich 
Immer wieder kamen wir zu dem Punkt: Nachfrage nach dem entwickelten Hausge- niemand entschlossen, die Initiative dazu 
Die beste Therapie wäre eine Arbeit, inder rät testen, denn das sollte ja schließlich die zu ergreifen. So werde ich mich auch hier 
Dinge für das tägliche Leben, Dinge, die zukünftige Lebensgrundlage sein. Um das wieder gedulden dürfen, aber ich tröste 
man begreifen kann, hergestellt werden, die Ganze so überzeugend wie möglich zu prä- mich mit Hassan Fathy, der auf unsere Fra- 
sowohl gebraucht werden, als auch inhalt- sentieren, baute ich gleich einen Teil des ge, wie lange es wohl dauern wird, bis die 
lich vertretbar sind, keine Arbeitstherapie projektierten Lehmhauses auf. Keine Reak- Menschen wieder normal werden, antwor- 
im üblichen Sinne, sondern wirkliche Ar- tion! Die von der Werbung verprellten Mit- tete, „3 Generationen”. Und damit bin ich 
beit. So könnte wieder das Bewußtsein ent- bürger wagten höchstens zu fragen, wie beim nächsten Statement von ihm: „Es geht 
stehen, etwas Sinnvolles zu tun, etwas, was denn der k-Wert von der Lehmwand sei. zuerst um eine allgemeine Bewußtwerdung 
die Gesellschaft auch braucht und wovon Ein Jahr später war wieder eine ähnliche unserer Situation.” 
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