Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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bei allen Haushalten mit Verbesse- se ist dabei nicht nur die Wiederge- 
rungen der Wohnqualität verbun- winnung der politisch-moralischen 
den. Je nach Kriterium (Fläche, Frage nach sozialer Ungleichheit 
Ausstattung, Freiraum) verschlech- und Gerechtigkeit, sondern auch 
tern sich bei den innerstädtischen und vor allem die Einordnung der 
er an zwischen 10% und Stadtentwicklung in den geschicht- 
: 40% der Haushalte. lichen Entwicklungsprozeß. Die 
Kol Uumne Stadtentw ick! ung Die Analyse der Verteilungspro- Veränderung und Zurichtung der 
zesse, der Nachweis der Produktion Stadt für bestimmte soziale Klassen 
sozialer Ungleichheit durch Stadt- ist ja wesentlich nicht auf die Ge- 
n . entwicklung verlangt umfassende schäftsinteressen der Bauunterneh- 
Gewinner und Verlierer Bestandsaufnahmen, die Berück- mer zurückzuführen. Sie ist Aus- 
] T sichtigung monetärer und qualitati druck der technischen und sozialen 
Stadtentwicklung als Verteilungsprozeß ver, direkter und indirekter Effekte Innovation in Produktion und Kon- 
Sie ist arbeitsaufwendig und kost- sumption. Dabei entstehen neue so- 
SICH Ich SSH dennoch, daR ziale Klassen, alte verlieren an Be- 
E S . sich die theoretische und empiri deutung; damit werden ne 
Es ist gut zehn Jahre her, daß der durch die CDU/FDP-Regierung sche Arbeit an dieser These john Ansprüche an die Nutzung des städ- 
Arbeitskreis für lokale Politikfor- durchgeführten Erleichterungenbei Sie jst in der Lage, Stadtentwicklung tischen Raumes gestellt. So wie die 
schung mit einer einfachen und tra- den Mietpreiserhöhungsverlangen, und Stadtentwicklungsplanung Entwicklung des Fabriksystems die 
ditionsreichen Frage Bewegung in hatte dieses Gesetz die objektive ihrer scheinbaren Funktions- und Arbeiterklasse und die Arbeiter- 
die Stadtforschung gebracht hat: Wirkung, die durchschnittlichen Sachlogik zu entkleiden und damit stadt hervorgebracht hat, so produ- 
Wie ist die Vorteils- und Lastenver- Mieten anzuheben. In Mannheim, ;m Rahmen gesellschaftlicheı ziert die wachsende Bedeutung von 
teilung des Stadtentwicklungspro- einer Stadt die schon gleich zu Be- Entwicklung diskutierbar zu ma Wissenschaft, Koordination und 
zesses, wer gewinnt und wer ver- ginn und dann fortlaufend empi- chen. Die Diskussion um einzelne Information neue Stadträume. Die 
liert? Eindeutige Beispiele finden risch ermittelte Mietpreisspiegel bauliche Maßnahmen bleibt dimen- gesellschaftliche  Modernisierun 
sich zu Hauf: Wenn die Bundesbahn erstellt hat, stieg die Miete vor Gül- sions- und wirkungslos, wenn die bedingt einen ständigen, meist In 
eine Schnellbahnstrecke von tigkeit des Gesetzes für die Stan- Einordnung in die Verteilungslogik  tenten und individualisierten 
Hannover nach Würzburg baut und dardwohnung (Bad und ZH) in fünf nicht vorgenommen wird. Die poli. manchmal auch politischen Kam { 
in offener Trasse durch das Stadtge- Jahren um insgesamt 8%, in den tische Diskussion wird thematisch sozialer Klassen um ihnen günsti ee 
biet von Kassel führt, dann sacken dann folgenden 5 Jahren um 36%. reduziert und modisch kurzlebig: Lebensverhältnisse in der Stadt: die 
die Gebäude und Grundstückswer- Selbst bei dieser gesetzlichen Rege- wer redet heute - drei Jahre danach Veränderung rechtlicher Regelun- 
te rechts und links der Trasse dra- lung lassen sich also Verteilungswir- _ noch von neuer Wohnungsnot! gen einer und toßer Investitions 
stisch ab, um den neuen Fernbahn- _ kungen zu Ungunsten derer feststel- Wird der wichtigen Debatte um die Entscheidungen. die Veränderum 
hof herum werden sie eine heftige len, die auf billigen Wohnraum Stadtökologie die gleiche zyklische der architektonischen Form Ordnal 
Aufwärtsbewegung erfahren und angewiesen sind. : Kurzlebigkeit erspart bleiben? sich diesem Prozeß zu 
die ‘kleinen Leute’, ob Geschäftsin- Begreift man Stadtentwicklung Der Ertrag der skizzierten Sichtwei ‘Detlev Ipsen 
haber, Handwerker oder Bewohner und damit auch Planung und Politik PS 
werden weichen müssen. Wenn in als Verteilungsprozeß, so ist es nicht 
München der kleinbürgerliche damit getan, sich auf die finanziellen 
Stadtteil Haidhausen saniert wird, Aspekte zu beschränken. Der Stadt- 
wenn Fußgängerzonen entstehen raum bestimmt die Qualität des 
und die ‘Löwenbräu-City’ als attrak- Alltags. Belastungen durch Lärm 
tives Wohn-Kultur- und Einkaufs- und Immissionen, Entlastung durch 
zentrum fertiggestellt ist, ließe sich lan Am na 
die Rechnung von Gewinn und Ver- entwicklungsfähige Quartiere lassen ; 
lust und ihre soziale Verteilung sich nicht sinnvoll als monetäre Ver- Vermis chtes 
exakt aufmachen. Es gibt eine Reihe teilung ausdrücken. Eine Arbeit 
plausibler Argumente und auch Über die soziale Verteilung stadt- 
einige empirische Untersuchungen, WE onscher pa ist meines 
die die Verteilungswirksamkeit der issens noch nicht geschrieben, ; ä ; gr 
Stadtentwicklung nachweisen und aber sie wäre schreibbar. Die In- Bundesweiter F ußgänger schutzverein gegründet 
zudem in eine eindeutige Richtung vestitionen der Stadt für Straßenaus- 
weisen. In den letzten zwei Jahren bauten und Einrichtungen von ge- Am 23. Februar 1985 wurde in Ber- eine fußgängerorientierte Ver- 
haben die unteren sozialen Schich- samtstädtischem Interesse (wie lin der Fußgängerschutzverein ge- kehrserziehung.” (Auszug aus der 
ten durch die Stadtentwicklung in Müllverbrennungsanlagen oder gründet. Zu den Vorstandsmitglie Satzung) 
der Regel verloren, die mittleren Klärwerke) häufen sich zumindest dern wurden Volker Kipke (Ber- Angesichts einer jahrzehntelan- 
Schichten gewonnen. Für Sanie- in Kassel eindeutig in Quartieren, lin), Klaus Schlabbach (Darmstadt. gen Förderung des Autoverkehrs 
rungsfolgen liegen aus Berlin zwei die von unteren sozialen Klassenbe- und Manfred Bernard (Offenbach, fordert der Verein eine angemesse- 
empirische Studien als Nachweis wohnt werden. Arbeiten über die gewählt. Die Eintragung in das Ver. ne Berücksichtigung in der Stadt- 
vor. Wie eine Bugwelle schiebt die Verteilung von Unfällen mit Fuß- einsregister wurde in die Wege ge und Verkehrsplanung. Immerhin 
Sanierung die unteren Klassen vor gängern und Fälle von Pseudokrupp leitet. Abgekürzt wird sich der Ver werden 30-40 % Aller Wepc zu Fuß 
sich her und im Stadtraum herum. bei Kleinkindern im Stadtraum von ein dann „Fuß e.V.” nennen. Die zurückgelegt. Da die bisherige Ver- 
Auch statistische Ziffern lassen die Kasselsind zur Zeitnochnichtabge- Geschäfts- und Anlaufstelle befin- kehrssicherheitspolitik keine ent- 
Verteilungsstruktur erahnen, so schlossen, aber systematische Ver- det sich bei der Fußgängerinitiative scheidende Senkung der Unfallzah- 
wenn in den zentrumsnahen Wohn- teilungen zeichnen sich ab. Berlin, Cheruskerstr. 10 1000 Ber- len zur Folge hatte, sind grundsätz 
gebieten Münchens Ein-Personen Gewinn und Verlust durch Stadt- lin 62 (Schöneberg). Der Verein liche Maßnahmen notwendig, wie: 
Haushalte der Altersstufe bis 30 entwicklung kann man nicht nurbei wird von verschiedenen Bürgerini- @ Vorrang für nicht motorisierte 
Jahre überwiegen. den direkten Wirkungen, nicht nur tiativen, Verkehrsfachleuten und Verkehrsteilnehmer, denn eine 
Unmittelbar plausibel ist die Vertei- bei der einzelnen (baulichen) Maß- aktiven Einzelpersonen aus dem lange auto-orientierte Verkehrs- 
lungswirkung auch bei einigen nahme selber festmachen; ein Ge- Bundesgebiet und Berlin, die sich und Stadtpolitik hat Ungleich- 
rechtlichen Regeln. Als zahlreiche flecht von indirekten, meist nichtge- für die Interesen der Fußgänger.seit heit geschaffen die nur durch ei- 
Oberbürgermeister in einer Nacht- planten und nicht gewußten Vertei- längerem einsetzen, getragen. Ähn- ne einseitige Förderung wieder 
und Nebelaktion die Regierung lungseffekten überzieht den Stadt- lich den Fahrradinitiativen und Grü- rückgängig gemacht werden 
Schmidt davon überzeugen konn- raum. Wenn die Bundesregierungin nen Radlern sollen durch bundes- kann 
ten, den $ 7b des Einkommens- den letzten Wochen ihren Rückzug weite Aktivitäten die Probleme des 3T / 30 auf all adtstr: 
steuergesetzes auf den Altbau aus- aus dem sozialen Mietwohnungs- ZuFußGehenden ins Bewußtsein end übe nn On A 
zudehnen, war es ihr Interesse, pri- bau beschlossen hat und zugleich der Öffentlichkeit gebracht werden. diek An di TU af N N en Nr 
vate Mittel für den baulichen Erhalt die Eigentumsförderung verstärkt, Der Verein arbeitet bereits an Ver- lgkeit Ist die Unfallursache tr. 
gründerzeitlicher Quartiere zu mo- so wird dabei nicht nur die bekannte änderungen der Straßenbaurichtli- 7 
bilisieren und den Mittelstand in Umverteilung nach oben ein Stück nien sowie an der Straßenverkehrs-. ® Ampeln müssen wieder der Si- 
den Städten zu halten. Die Verknap- weiter ausgebaut. Eine Unter- ordnung (STVO). cherheit der Bi dienen 
pung des preiswerten Wohnraums suchung der Umzüge, die durch den „Ziele des Vereins sind die För- und nicht ausschließlich dem 
und die Verdrängung einkommens- Bau von Eigentumsmaßnahmen derung der Verkehrssicherheit deı Fluß des Autoverkehrs. 
normaler Schichten ist der ‘techni- ausgelöst wird im Vergleich zu sol- Fußgänger, die allgemeine und ge- ) Radwege gehören auf die Fahr- 
sche’ Preis. Andere rechtliche Rege- chen, die.vom sozialen Mietwoh- meinnützige Interessenvertretung bahnen, um den immer knapper 
lungen sind schwieriger einzuschät- nungsbau ausgehen, zeigt deutliche der nichtmotorisierten Verkehrs- werdenden Raum der Fußgän- 
zen. Das Wohnraumkündigungs- Unterschiede. Bei den Umzügen, _teilnehmer, die Wahrnehmung deı ger nicht weiter  einzuschränfen. 
schutzgesetz war politisch zumin- die von Eigentumsmaßnahmen aus- Belange von Benutzern der öffentli- Der Bürgersteig ist nicht nur 
dest auch als ein Schutzgesetz ge- gehen, sind Arbeiterhaushaltesigni- chen Verkehrsmittel (ÖPNV und Verkehrs-, sondern auch Auf- 
meint. Aber auch ohne dieam Ende fikant weniger beteiligt. Darüber Bahn) sowie der Einsatz für eine enthalts- und damit Lebensraum 
von SPD/FDP angeregten und hinaus sind die Umzüge keineswegs _humanere Verkehrsgestaltung und für den Fußgänger.
	        

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