Bauen mit der Natur den dornenreichen Weg nach vorn, für den Ausstieg aus der Gesell-Mit
diesem Heft schließen wir vorerst die Folge: „Bauen mit derNa- schaft, für die Unstabilität alternativer Lebensformen?
tur” ab. Beabsichtigt war, ein Resumee zu ziehen aus dem neuge- Der kritische Zeitgenosse wird spätestens an dieser Stelle den
weckten Interesse am Bauen mit natürlichen Bausteinen, mit (Grabeshauch des Konservativismus wittern und zum Rundum-Lehm,
Ton und Holz. Während die Sache im Fall des Lehmbaus schlag zur Verteidigung der Moderne ausholen. Heftig und kalt zuund
Holzbaus (80,82 ARCHT*) einfach war, da beide fast schon Sy- gJeich wird er darauf verweisen, daß die Lebensverhältnisse sich
nonyme für alternatives Bauen sind, liegen die Dinge beim Ziegel. geändert haben, daß heute ... sicherlich, sicherlich ... Und sicher gibt
bau komplizierter. Schon von der sozialen Seite her. Keine Bewe- cs heute nicht mehr den überkommenen Zusammenhang vom
gung trägt ihn. Höchstens versprengte Gruppen. Bauen Wohnen Denken, an dem Heidegger hang. Das Band ist zer-Das
Bauen mit Ziegeln transportiert zwar das Bedürfnis nach AN- issen, Was einst Hand und Stein, Mensch und Bauen verband, das
ders Leben, aber zwischen Bedürfnis und Ziegel steht, anders als +ertium comparitum, die Proportion, ist, was ihre mathematische
beim Lehmbau und zugespitzter als beim Holzbau zu allererstund Sejte betrifft, längst in Maschinen inkorperiert und geistert, was den
überall das Industriesystem, sei es in Form der Produktion (Indu- Rest betrifft frei herum, frei verfügbar für jede Form von Ideologie.
strielle Fertigung statt Handarbeit), sei es in Form des Wandauf- Auf der anderen Seite die Maschine. Mathematische Gesetze rebaus
(Mehrschaligkeit statt Vollmauerwerk), sei in Form der Wand- g;eren sie, dem Zeichner aber suggeriert die Maschine, daß anyoberfläche
(Flächenmuster statt wandtiefe Verbände). Und so ping goes, will sagen, daß alles eingegeben, verarbeitet und ausgekann
es nicht verwundern, daß ein anderer Umgang mit dem Ziegel „e;chnet werden kann. Totale Objektivation einerseits, unbegrenzbeschwerlich
begann, mit dem Umdrehen des Maschinensteins te Individuation andererseits - kann ein Zeitalter gegensätzlicher
einsetzte und mit der Suche nach aufgelassenen Pressen noch ausfallen?
längst nicht beendet ist. Heinz Bienefeld kann davon ein Lied singen.
So mühselig das Bauen mit Ziegeln auch immer ist, mehr noch, 1. Ausweg: Rechner-gestütztes Entwerfen ernst nehmen
gegen eine zubetonierte Praxis erst behauptet sein will, so drängen- Ernst genommen werden müssen die Auswirkungen apparat-geder
ist das Bedürfnis, das ihn bewegt. Es sucht am Stein, am Bauen stützten Entwerfens, das, was Jean Francois Lyotard im Begriff der
mit Ziegeln und im Leben zwischen Steinen eine neue Einheit zwi- [mmaterialien zu fassen sucht, die Verschmelzung von Apparatur
schen Mensch und Natur, zwischen Bau und Leben zu stiften. Das und Immateriellem, von Hard- und Software. Denn was ist im interheißt
in diesem Fall: Anders Leben. aktiven Dialog mit dem Rechner Objekt, wer Subjekt? Was sind die
Der Ziegelbau ist hierfür das Anwendungsfeld par exellance. (Grenzen des einen, was die des anderen? In welcher Weise werden
Denn welche andere Bauweise kennt eine solch innige Verbindung sie durch den Rechner tangiert -— durch Ausbau oder Überschneivon
Stein und Hand, von Steinmaß und Handfertigkeit, von Maßsy- dung, wie Lyotard denkt? Was das für den Raum bedeuten kann,
stem und Arbeitskörper. die Wiederkehr von Illusionsräumen, um die Übergänge von haptisch
faßbaren und nicht mehr faßbaren Räumen zu betonen, ha-Anders
Leben - Alternative Praxis oder Lebensphilosophie? ben wir mit 83 ARCH* anzudeuten versucht, was das für die ma-Was
die Ökopaxbewegung in traumwandlerischer Sicherheit an thematischen Grundlagen von Architektur heißen kann, für Zahl,
Sehnsüchten nach Gliederung, Ordnung nachfragt, realiter ist es Maß, Modul, Gitter, soll in Heft 87 beschrieben werden.
längst durch Zerfall in Partialfunktionen entzaubert: der Ziegelin 2. Ausweg: Design ernst nehmen
die Funktionen des Verblendens und Hintermauerns, die Wandin Die Beispiele hierfür finden sich zuhauf. Nicht mehr die aufgelöste
die Funktion des Tragens (im Zweifelsfall Beton), Dämmen und wand der Moderne, sondern die dekorierte Nach-Moderne
Darstellen und das Haus in die Funktionen des Gehäuses (die Sum- perrscht. Nicht mehr der scheitrechte Sturz trägt, wenn auch schon
me von Geschäft und Ingenieurleistungen) und des applizierten von verborgenen Stahlankern gehalten, sondern sein Muster be-Kleides,
beispielsweise aus Ziegeln. Der Ziegel als Baustein, Mo- grenzt allseitig das Loch in der Wand, nach oben wie unten, nach
dul, als kleinste Einheit eines Maßsystems, die Wand als Einheit rechts wie links. Nicht mehr die überkommenen, wenn auch techvon
Tiefe und Textur, das Haus als Gehäuse und Bauform - was nisch überholten Bauregeln des Lastens und Tragens regieren die
sind sie mehr noch als die Archäologie der Zunft, die mit dem Auf- Wand, sondern ihre konstruktiv entleerten Figuren. Verwandt werkommen
des Industriesystems unter seinen Ablagerungen ver- den sie wider jede tektonische, wider jede sinnfällige Logik. Alles
schwand. Ist das sein Preis - der Verlust an Hand-Fertigkeit und scheint zu schweben, sich von der Erdkraft losreißen zu wollen,
Kenntnissen der Hand, die das Bauen mit den Kanones der Alten gjeichwohl immer im Schultergriff des unsichtbaren Traggerüstes.
verband? T- Der erste Eindruck: entfesseltes Design, Design sans phrase - ohne
‚Aus diesem Grund steht der anti-industrielle Anfang unter dqje Selbstzweifel, das soziale Gewissen der Moderne. Auf ihnen
einem zweifach unglückseligen Stern: Neuzubeginnen ohne histo- fußte der moralische Impetus der Moderne, aber auch der Zwang,
rische Vorbilder und ohne Verbindung zur Tradition, allein aufsich gas Designmotiv zu verbergen.
gestellt, zudem noch dem Druck der Verhältnisse ausgesetzt. Be- Vorteil: diese Architektur zeigt, um was es in nuce geht: um die
gonnen werden muß so von vorn, mit nichts als sich selbst, mit dem Gliederung der Fläche nach Zahl, Maß und Oranment. Um sonst
Körper, der Hand, um wieder das Greifen des Steins zu lernen, das pichts.
Werfen von Hand zu Hand, das Wiegen des Steins vor dem Aufsetzen,
das Eindrehen durch Hochwerfen des Steins in die Position, in 3. Ausweg: Bedürfnisse ernstnehmen
der er am besten zu teilen ist ...” (Hoffmann-Axthelm). Einer Ge- Wie beschwerlich der Weg auch immer sein mag, anders zu leben,
fahr ist damit Tür und Tor geöffnet. Zurückgeworfenheit auf sich führt er doch mit Sicherheit zu den richtigen Fragen: was eint
selbst, learning by doing mittels Hand und Rumpf kann zugleich Bauen Wohnen Denken. Die Alten kannten eine Antwort. Sie heuführen
und verführen; sie können zum Wiederauffinden vergesse- te zu suchen, heißt: mit der Hand be-greifen, mit dem Kopf ver-stenen
Körperwissens, verlorener Handwerkskenntnisse beitragen; hen, selbst um den Preis des Verzichts an Arbeitserleichterung,
sie können aber auch dazu verführen, in ihnen mehr zu sehen als Wohnkomfort und Lebenszeit. Ein Beispiel sind u. a. die frühen
altes Bauwissen: in der Handbewegung, im Setzen des Steins das Arbeiten von Heinz Bienefeld, Nikolaus Kuhnert
Futter für eine Philosophie, die die Flüchtigkeit der Bedürfnisse, ge- nn En N
rade der nach Alternativen zu den aufgeherrschten Lebensmög- je folgenden Doppelselte Priner ARCHE ein vorzüslichkeiten
zur Lebensphilosophie festschreibt. Nachvollziehbar ist de. Eszeigt einen Teil der öffentlichen Seite des Palazzo
solche Selbstideologisierung immer, bsp. als Ausgleich für ausblei- OR nn N Sn EEE Ohr We a
bende Erfolge, als Rückhalt vor dem Aufgehen im täglichen Einer- je Naht zwischen dem ae ehrerten Turin
lei. Nur ist sie auch akzeptierbar? - mehr noch: ist sie der Preis für errichtet wurde.