Erich Konter
DIE STÄDTEBAULEHRE AN DER TU BERLIN
IN DEN 40er JAHREN
FORTSETZUNG VON 81 ARCH”*
Hans Scharoun lagerung kriegswichtiger Produktionsstätten (Grenzsicherung und
; ; Luftschutz) und Gründung neuer Industriestädte, räumliche Vertei-Mi
der BE rufung von Hans S char OU aufeinen nen geschaffenen lung des Arbeitskräftepotentials und Sicherung der Rohstoff- und
Lehrstuhl für Städtebau 1947 schien nicht nur die „Moderne” in die Ernährungsbasis (Autarkie), mußten das gesamte Reichsterrito-Phalanx
der alten „Fachmänner” an der Fakultät für Architektur „m verfügbar gemacht und die gesamten räumlichen Planungen
einzudringen, sondern auch die Verwirklichung eines Konzepts von unterworfen werden. Zu diesem Zweck wurde eine zentrale Pla-Forschung
und Lehre möglich. Scharoun gehörte in den 20er und nungsbehörde geschaffen. die „Reichsstelle für Raumordnung”,
Anfang der 30er Jahre zur jüngeren Generation der Ar chitekten- der alle anderen Planungsebenen nachgeordnet waren; die Raumvereinigung
„Der Ring” und war im damaligen Berliner Großsied- forschung wurde intensiviert und die zentrale Forschungsinstitulungs
bau aktiv tätig. Nach 1933 in die sogenannte ETC Emigra- tion, die „Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung”, mit den
tion” abgetaucht, war er Mitte des Jahres 1945 vom Berliner Magi- Technischen Hochschulen und Universitäten gekoppelt, um auch
strat, mehrheitlich besetzt von KPD und SPD, zum Stadtrat für dieses wissenschaftliche Potential für die Ziele zu aktivieren. Feder
Bau- und Wohnungswesen ernannt worden. Sein „Kollektiv” legte „1 -ge 1937 zum ersten Leiter der Hochschularbeitsgemeinschaft
1946 den ersten offiziellen Plan zum Neuaufbau Berlins vor, dem fir Raumforschung an der TH Berlin ernannt; er hatte sich schon
die” programmatische Forderung nach einer „grundsätzlichen früher mit solchen volkswirtschaftlichen und räumlichen Problem-Neuordnung”
Berlins (W. Havemann) zugrundelag?”. Dieser stellungen beschäftigt.
Plan, der mit der Geschichte der alten Stadt restlos aufräumte (nur
die Museumsinsel blieb als Reststück der alten Stadt verschont), Hinter dieser glatt erscheinenden Oberfläche und der scheinscheiterte
nicht nur an politisch nicht durchsetzbaren Vorausset- baren Gleichzeitigkeit von Hochschulforschung und staatlichen
zungen für seine Realisation (z.B. grundlegende Bodenreform), Anforderungen an die Hochschule verbarg sich ein Vorgang, der
sondern auch an der politischen Diskreditierung des Plans und des eigentlich bis heute ohne Beispiel blieb. Dies begann schon mit der
Verantwortlichzeichnenden, dessen Amtsführung von zahlreichen Vorgeschichte der Ernennung Feders zum Professor an dieser
Kompetenzstreitigkeiten und persönlichen Auseinandersetzungen Hochschule. Feder, Gründungsmitglied der NSDAP und einer der
geprägt war. Mit den Magistratswahlen im Oktober 1946 und der Hauptverfasser des Grundsatzprogramms der Partei von 1920,
Wahl des Sozialdemokraten K. Bonatz zum Leiter der Abteilung für gehörte in den ersten Jahren nach der Machtübertragung, d.h. in
Bau- und Wohnungswesen war die Amtszeit Scharouns beendet. der Konsolidierungsphase des deutschen Faschismus, zu den ein-Ihm
wurde nun ein neuer Lehrstuhl an der Technischen Hoch flußreichsten Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Stadtschule
zugestanden, dem ein Institut ohne besondere materielle und Siedlungspolitik. Er war eine der Gallionsfiguren der „mittelund
personelle Ausstattung angegliedert war. Auch für seinen ständischen Sozialisten”, der Kerngruppe der Partei, deren politineuen
Tätigkeitsbereich hatte Scharoun auf der Basis seiner Erfah- sche Demontage vom Hitlerflügel schon seit 1932 betrieben wurde.
rungen im Zusammenhang mit dem Neubauplan ein Lehrkonzept Feder, zur damaligen Zeit Staatssekretär im Reichswirtschaftsmini-„Organisation
und Lehrplan des Instituts für Städtebau” entwickelt, sterium und „Reichssiedlungskommissar” (1934), formulierte in
das einen um Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsfelder addi- seiner programmatischen Rede vor dem Preußischen Herrenhaus
tiv erweiterten Fächerkatalog umfaßte und eine alternative Schwer- im Mai 1934 sein volkswirtschaftlich und bevölkerungspolitisch
punktbildung im Architekturstudium ermöglichen sollte””, Wie- begründetes Konzept einer Siedlungs- und Stadtpolitik, das ganz
der scheiterte Scharoun an der allgemein-, fach- und hochschulpoli- auf der Linie der ideologischen Dispositionen der „mittelständitischen
Situation der späten 40er Jahre. Die Vermittlung seiner schen Sozialisten” lag und schon in Teilen Eingang in Gesetzes-Auffassung
vom Städtebau als das „Zusammenbringen von inter- maßnahmen und -vorbereitungen gefunden hatte: „Gesundung”,
disziplinärer, kooperativer Strukturforschung und schöpferischer d.h. Auflockerung der Großstädte und Industriezentren, Verhinde-Idee”
(Frick), der die praktische Realisation entzogen war und der rung der Landflucht durch Neuansiedlung auf dem Lande, Schafan
der Hochschule die wissenschaftlich disziplinäre Basis fehlte, fung „neuer sozialer Gemeinschaften” und „Gründung neuer
mußte tendenziell zum traditionellen Konzept der Städtebaulehre Landstädte”, Dezentralisierung und Verlagerung der Großinduverkümmern,
da sie ausschließlich mit seiner Person verknüpft war strie und Bildung „möglichst vieler nicht ausgedehnter und in sich
und blieb. geschlossener Wirtschaftskreise”. Dieses Konzept, das weitreichende
Maßnahmen für die Großindustrie und den Großgrundbe-Gottfried
Feder sitz befürchten ließ, erregte nicht nur den Widerspruch dieser Krei-Die
Etablierung von Stadt- und Raumforschung in der Städte- se (Intervention an „höchster Stelle”), sondern stand auch im
baulehre an der Technischen Hochschule ist in dem hier behandel- Gegensatz zu den weitgehenden Garantieerklärungen Hitlers
ten Zeitraum nur einmal gelungen. Sie ist untrennbar verbunden gegenüber seinen Steigbügelhaltern und zu den eingeleiteten Maßmit
der Person Gottfried Feder, der 1936 zum außerordentlichen nahmen zur Durchführung des Schachtschen „Neuen Plans” (erste
Professor für Siedlungswesen, Raumordnung und Städtebau (seit Phase der Rüstungswirtschaft). Schon wenige Monate nach der
1940 für Raumordnung, Landes- und Stadtplanung) ernannt Vernichtung der innerparteilichen Opposition durch den gestärkwurde.
Diese Ernennung fiel historisch in das Jahr der Verkündung ten Hitlerflügel (Juli 1934) wurde Feder all seiner Staats- und Pardes
Göringschen Vierjahresplanes, mit dem die Phase der totalen teiämter enthoben und an der TH Berlin politisch kaltgestellt.
Ausrichtung der gesamten Volkswirtschaft auf Rüstung und Krieg Feder rationalisierte diesen Vorgang später so: „Als dann die Erkläund
die vollständige Militarisierung der Gesellschaft eingeleitet rung der Wehrfreiheit durch den Führer und Reichskanzler die
wurden. Seinen raumrelevanten Zielsetzungen, z.B. Standortver- deutsche Aufrüstung zur gebieterischen Pflicht machte und der