Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

ARCH -ZEITUNG 
standen die heute so beliebten 
Passagen, Bahnhöfe, Gewächs- 
häuser usw. 
Ganz anders heute: Was bedeu- 
tet schon noch das Bauen eines 
„Kongreßzentrums“ verglichen 
mit der Raumfahrttechnologie 
oder der Medizin? Symptome 
der gewandelten Bedeutung des 
Bauens sind ganz offensichtlich: 
9 Unfähigkeit, schadensfrei zu 
produzieren (Material- und Kon- 
struktionsschäden nach kürze- 
ster Zeit) 
® äußerst ungenaue Verarbei- 
tung (etwa: Dauerplastischer 
Kitt da, wo früher konstruktive 
Details, oder einfach eine besse- 
re Materialverarbeitung war.) 
8 fachliche Unsicherheit, was 
stadtrelevante Bauaufgaben be- 
trifft seitens der Kommunalpoli- 
tiker und „Fachleute“, 
P Davon abgeleitet: Unsicher- 
heit auf kommunalpolitischer 
Ebene (wie soll es der Kommu- 
nalpolitiker wissen, wenn es der 
„angesehene“ Hochschulprofes- 
sor selbst nicht weiß?) 
B unsichere, auf kurzfristiges 
Funktionieren ausgelegte Finan- 
zierungsmodelle 
® Konzeptionslosigkeit und Ta- 
gesthemen bezogener Opportu- 
nismus in Teilbereichen wie etwa 
dem Denkmalschutz. 
Der Vergleich von Stadtgrund- 
rissen aus verschiedenen Epo- 
chen und Kulturkreisen zeigt, 
daß eine Stadt, bedingt durch ih- 
re Entwicklungsbedingungen, 
gemeinsame Elemente mit allen 
anderen Städten hat. 
Sie besitzt aber auch räumlich- 
funktionale Elemente, die ihr 
spezifisch sind. Das sind solche, 
die „regional“ oder örtlich zu ei- 
ner klar definierten, „typischen“ 
Form ausgereift sind. Man kann 
sie durch genaues Hinsehen gut 
erkennen: so etwa gibt es Städte, 
die keine nennenswerten Plätze 
besitzen, ganz einfach weil es 
dort so etwas wie eine Tradition 
des Platzbauens nie gab. Andere, 
die in der Lage waren, ein starkes 
Gemeinwesen hervorzubringen, 
„produzieren“ zwangsweise Plät- 
ze, die dann die bestimmten 
raumstrukturellen Elemente die- 
ser Städte sind. Das bedeutet, 
daß diese Städte eine ganz be- 
stimmte Grammatik besitzen, 
die sie von anderen klar unter- 
scheidet. 
Welches sind nun grundlegen- 
de, städtische Raumelemente? 
9 Das lineare Raumelement 
“Straße, Gang, Portikus, Arkade, 
Laubengang...): Die Straße ver- 
»indet in erster Linie Orte (Ver- 
sammlungsráume), ist aber 
gleichzeitig selbst Ort. Es gibt ei- 
ne räumliche Hauptbeziehung 
längs der Straßenachse, und 
gleichzeitig vielerlei räumlicher 
Nebenbeziehungen quer zur 
Straßenachse: Läden, Einfahr- 
ten, Hausfenster- und Türen, 
usw. Schon hier sieht man die un- 
trennbare Verknüpfung von 
Haus- und. Stadtbau! Die ,,Ge- 
genprobe*^ hierfür sind die zeit- 
genôssischen — Schnellfahrstra- 
Ben. die die zur Ortsbildung 
wichtigen Querbeziehungen in 
der StraBe negieren. 
B Das zentrale Raumelement 
(Platz, Kreuzung, Hof, Ver- 
sammlungsraum...): Der Platz ist 
Versammiungsort und  Treff- 
punkt par excellence. Hier voll- 
zieht sich der menschliche Aus- 
tausch auf allen Ebenen des ma- 
teriellen und geistigen Lebens. 
Waren und Ideen werden hier 
ausgetauscht, miteinander kon- 
frontiert. Eine gute Stadtplanung 
trágt dem Rechnung. Soz.B. sind 
die vielen StraBenkreuzungen 
der Stadterweiterung von Barce- 
lona (um 1860) als kleine Plätze 
ausgebildet. Plátze sind Orte, die 
die Stadt kennzeichnen und orga- 
nisieren. Darüberhinaus privili- 
gierter Ort von — häufig monu- 
mentaler — Seibstdarstellung. 
Die GrundriBgeometrie der 
Plätze ist unabhängig von ihrer 
»Knotenfunktion“. In der Bau- 
geschichte sind aber gewisse Be- 
zehungen von Platzgeometrie, 
Epoche und Symbolik festzustel- 
en: z.B.: Mittelalter — Dreieck; 
Renaissance - Quadrat; Barock - 
Oval usw.. Die Beziehung von 
Form und Symbolik ist notwen- 
dig und erstrebenswert damit es 
zu einer Ortsbildung kommen 
kann. Ein „freies Erfinden“ der 
Form, losgelóst von einem se- 
mantischen Konsens der bauen- 
den Gesellschaft kann nur zu den 
befremdlichen Un-Orten führen, 
die die Spátmoderne, aber auch 
grofe Teile des Postmodernen 
Stádtebaus auszeichnet. 
AuBen- und Innenraum. Die 
klassische Architektur kennt kei- 
nen  Wesensunterschied zwi- 
schen AuBen- und Innenraum, 
privatem und  óffentlichem 
Raum. Stadtplätze werden ge- 
nauso konstruiert wie Paläste, 
Kirchen usw.. Ein gutes Beispiel 
für die Gleichwertigkeit von Au- 
Ben- und Innenraum ist der St. 
Petersplatz/Basilika in Rom. 
Immer wenn nach den archi- 
tektonischen Grundmustern, 
d.h. den ráumlichen Elementen 
und ihrer Grammatik, die allen 
Stádten gemeinsam sind, gebaut 
wird, wird langfristig ein sowohl 
wirtschaftliches und soziales wie 
auch fláchen- und rohstoffspa- 
rendes und damit ókologisches 
Bauen garantiert: 
9 langfristig und wirtschaftlich, 
weil die Architektur auf ihrer 
strukturellen Ebene entwick- 
lungsgeschichtlich immer gleiche 
ráumliche Grundmuster hervor- 
bringt. Die Permanenz dieser 
Muster, ihre Eigengesetzlich- 
keit, ermóglicht den Ablauf un- 
terschiedlicher Lebensvorgánge/ 
Funktionen. Die gleichen Struk- 
turen bleiben gerade aufgrund 
ihrer spezifischen Leistungsfa- 
higkeit, neue Lebensablàufe in 
sich aufzunehmen, bestehen. 
6 sozial, weil die angesproche- 
nen allgemeinen Ráume a priori 
von allen Menschen, von der gan- 
ze Stadtgemeinschaft, genutzt 
werden kónnen: Stadtráume sind 
dadurch charakterisiert, daB sie 
jederzeit óffentlich nutzbar sind. 
Egal in welcher konkreten Form 
oder spezifischen Funktion ist ih- 
nenallendie Aufnahme vonallen 
Menschen/Bürgern gegeben. 
Denken wir an die reichverzier- 
ten Kirchen in Neapel, traditio- 
neller Kommunikationsort der 
Armenbevólkerung oder an die 
Passagen des 19. Jh. Sie alle un- 
terscheiden sich grundsätzlich 
von neueren Bauaufgaben, etwa 
des Typs Freizeitcenter (man 
denke an das ,,Pueblo* in Frank- 
furt). Hier von allen erreichbare 
Orte — da nur für gewisse Bürger 
durch massiven Einsatz von Geld 
und Auto erreichbare ,,Unorte". 
Peter Christian Herdel 
TERMINE 
11. Deutscher Fertigbautag — 
Ansprüche an neuzeitliches 
Bauen 
Der 11. Deutsche Fertigbautag, 
der unter dem Leitthema „An- 
sprüche an neuzeitliches Bauen“ 
steht, findet am 8. Oktober 1987 
in Mainz mit folgendem Pro- 
gramm statt: 
Gerhart Laage, Universität Han- 
nover: Ansprüche an neuzeitli- 
ches Bauen. Lösungsmöglichkei- 
ten 
Sigrid Rughoeft, Technische 
Universität Berlin: Mensch und 
Wohnen. Anforderungen — 
Raumprogramme 
Kurt Brändle, University of Mi- 
chigan: Beispiel des vorgefertig- 
ten Wohnungsbaues in USA -In- 
tegration als Zukunftsprinzip im 
Bauwesen 
Wolfgang Rósel, Darmstadt 
Kassel: Moderner Industriebau — 
Vorbild für den Fertigbau? 
Heinz Schmitz, Aachen: Zu- 
kunftsmarkt, Bauen im Bestand. 
Die Veranstaltung steht unter 
der Leitung von H. Weber, Vor- 
sitzender der Studiengemein- 
schaft für Fertigbau, und H. 
Bürkle, Vorsitzender der Stu- 
diengemeinschaft Fertigteilbau. 
Anmeldung und weitere Informa- 
tion bei der 
Studiengemeinschaft für Fertig- 
bau e.V. 
Panoramaweg 11 
6200 Wiesbaden 
Telefon: 06121/562191 
Deutsches Architekturmu- 
seum Frankfurt am Main 
Programm 1987 
Programmvorschau 1988 
6.6.1987-20.9.1987: Charles 
Moore: Bauten und Projekte 
1949-1986; W. Krómeke: 30 Bil- 
der zur Baukunst; Bühnenbilder 
von Lievi; Meisterschule Gustav 
Peichl 
3.10.1987-22.11.1987: Rom - 
Neues Bauen in der Ewigen 
Stadt; Krier: Atlantis — Ge- 
schenk 2000 
12.12.1987-17.1.1988: Der Welt- 
raum — Architektur und Fotogra- 
fien 
6.2.1988-24.4.1988: Chicago 
14.5.1988-31.7.1988: MaBstábe 
(Design-Ausstellung) 
20.8.1988-23.10.1988: Vom Mu- 
senreigen zum Hexensabbat — 
Künstlerhäuser seit der Renais- 
sance 
Deutsches | Árchitekturmuseum, 
Schaumainkai 43, 6000 Frankfurt 
70, Auskunft: 069-2128844; Se- 
kretariat: 069-2128471; Katalog- 
bestellungen: 069-2128845. 
33
	        

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