Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

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CAD-JOURNAL 11

Die Rechnerrepublik hier und jetzt

Mehrere Veranstaltungen und
Publikationen belegen in diesem
Herbst ‘86 das „Zittern“ vor dem
technologischen Sprung in die
90er Jahre.
Wir werden als Architekten
und Stadtplaner, speziell in der
Bundesrepublik Deutschland,
nicht umhin kónnen, uns grundlegend
 mit der Raum- und Architekturwirksamkeit
 der ,,Neuen
 Technologien" zu bescháftigen.
 Sie mutieren vom einst angenommenen
 erst zukünftig relevanten
 Planungsrahmen zu einer
internationalen strategischen
Ressource der Jetztzeit im Micro-
 wie Macrobereich.
Genügte es bislang einen recht
subjektiven Standpunkt zu beziehen,
 etwa: ,,Dat Deubelsding
kommt mir nit inne Bud’!*, um
im internen Kreis einen gewissen
Achtungserfolg zu erzielen, wird
das in naher Zukunft mitleidig
belächelt werden. Die Computertechnologie
 entpuppt sich zunehmend
 als Artikulations- und
Transportmittel für gedankliche
Modelle. Sie ist als Schlüsseltechnologie
 im kleinen, wie im internationalen
 Rahmen des Staates
und der Industrie gehätscheltes
und liebstes Kind. Nach Rolf (1)
befindet sich die DV in der BRD
im Stadium der Dialogverarbeitung
 und des Datenbankkonzeptes,
 eine gegenüber der Batchoder
 Stapelverarbeitung (Arbeitserleichterung
 und Rationalisierungsmittel)
 fortgeschrittenere
 Ebene.
Im Augenblick geht es darum,
auf der begrenzten Ebene des eigenen
 Betriebes, hier aufgefaßt
als ein kybernetischer Regelkreis,
 eine Modellierungslogik zu
entwickeln. Sie soll die Arbeitsprozeduren
 in Form von Programmen
 und Datenbanken etc.
abbilden und in Teilen formalisieren
 und automatisieren, eine
…Rechnerrealität“ des Betriebes
erstellen. Je flexibler und vielschichtiger
 ein Arbeitsprozef desto
 aufwendiger oder gar unmóglich
 seine Abbildung im Rechner.

Wo es aber doch gelingt, sitzen
die Benutzer vor Bildschirmen
und bekommen Arbeits-, Kontroll-
 und Koordinationsanweisungen
 aus dem „neutralen“
Rechner und nicht wie bisher von
einem „leiblichen“ Vorgesetzten.

Die nächsten Schritte sind logisch!

 Die Filialen werden angebunden!
 Die Systemintegration
vor allem dadurch gesteigert, daß
die Serviceleistung durch schnelle
 und selbstangeforderte Information,
 daß die Verwaltungsarbeit
 bis hin zum Ausfüllen von
Formularen für z.B. Banktransaktionen
 an den Kunden delegiert
 werden kann.
Die Folge z.B. im Bankwesen
sind enorme Einsparungen etwa
bei Geldüberweisungen. Die
großindustrielle Computernutzung
 kennt, so weit abzusehen,
weniger absolute als vielmehr betriebswirtschaftlich
 oder politisch
 relevante Grenzen ihres
Einsatzes. Die Individuen, speziell
 die Intelligentia, wird durch
die Verlockungen „halbintelligenter
 Software“ wie z.B. Multiplan,
 Wordstar, Lotus, d’Base
oder Jazz zu der Gruppe der
Computernutzer überlaufen. Sie
wird wie auch jetzt schon die
Großnutzer die benötigte Infrastruktur,
 die digitalen Netze anfordern.
 Streit entbrennt um die
Frage, ob der Computer hier als
zeitgemäßes Werkzeug oder als
Instrument zur „Taylorisierung
der Arbeit von Unten“ seine
Hauptrolle spielt (Kimbel, Nake
2).
Anspruchsvoller aber nichts
desto trotz müfiiger Streit, wenn
es um die Vernetzung der digitaien
 Universalmaschinen geht.
lime isn't holding us, time isn't
after us.* (Talking Heads)

Wired Cities
Die verkabelten „Städte als
Avant-garde der Informationsgesellschaft",
 wie die Tagung der
ev. Akademie Loccum vom 28.-30.11.86
 untertitelt war, müssen
dieses faszinierende wie Furcht
einflóBende Versprechen erst
einmal einlósen. Dieses Versprechen,
 daf für Arbeit und Unterhaltung
 gleichermaßen steht. Für
die moderne Variante eines elektronischen
 Schlaraffenlandes,
vermutlich auf Kosten der ländlichen
 Regionen und der 3. Welt.
So jedenfalls stellte es sich aus
der Sicht der sehr einseitig, fortschrittsgläubig
 eingestellten
deutsch-amerikanischen Expertenrunde
 dar, die kritisch lediglich
 durch das sachkundige Publikum
 und einige Referenten konterkariert
 wurde.
Ausgehend von der schlichtweg

 nicht zu vergleichenden Rolle,
 und dem unterschiedlichen
Entwicklungsstand der „Neuen
Technologien“ in den USA und
der BRD sollen hier einige repräsentative
 Stellungnahmen wiedergegeben
 werden, die aus unterschiedlichen
 Blickwinkeln die
Kommunikationstechnologien
(KomInTech) als strategische
Ressource erleuchten.
W. Dutton (University of Southern
 California), Susan Herman,
Department of Telekommunikation
 L.A. und Ethel Booth, Media
 Consultant L.A. skizzierten
das amerikanische Modell, einer
auf Privatisierung und ,,Deregulierung*
 der digitalen Verkabelung
 fuBenden industriellen und
privaten Nutzung sowohl des
TV-Netzes wie auch des Datentransfers.
 — Versorgungspflicht
durch die Öffentliche Hand,
durch Verkabelung für alle gesellschaftlichen
 Nutzer, seien sie
nun arm oder reich, weiß oder
schwarz, privat oder professionell,
 ist ein „Fremdwort“ und
führt analog zu der auf amerikanischen
 Straßen zu beobachtenden
 „Neuen Armut“ zum „Informationsghetto“.

Die „cable franchise“ Entwicklung
 begann 1952 als Serviceleistung
 für Haushalte die auf
Grund topologischer Besonderheiten
 keinen vernünftigen Empfang
 der TV-Programme besaßen.
 Ab 1960 gehörte die verkabelte
 Stadt, als „state of business"
 schon zur normalen Infrastruktur
 jeder amerikanischen
Metropole. Ab 1974 beginnen
Geschäftspartner für ihren Datenaustausch
 Sateliten zu benutzen.
 Es entsteht ein Wettbewerb
zwischen verschiedenen Ubertragungsmedien,
 von denen Kabel
 nur eines unter vielen ist.
Ab 1983 erlangt die digitale
Verkabelung zumindest in und
zwischen den Zentren die Rolle
einer „normalen“, infrastrukturellen
 strategischen Ressource.
Sie wird der mit wichtigste Stand-Ortfaktor
 im internationalen
Wettbewerb um die Ansiedlung
der High-Tech-Industrie. Einem
Wettlauf, in den sich sowohl die
Kommunen, als auch die privaten
 „Franchise-Gesellschaften“
stürzen. Indiz für die Wachstumsstärke
 dieser Branche sind
die Profitsteigerungen der „Ware
Unterhaltung“ von 4 Milliarden
$ 1984 auf erwartete 16.5 Milliarden

 $ 1990. Das betrifft Pay TV,
TV-Shopping, Werbung etc.. Inzwischen
 sind 48 Prozent aller
TV-Homes „Smart Homes“,
sprich verkabelt, vor 10 Jahren
waren es gerade 15 Prozent! Bei
der gewerblichen Nutzung des
Datentransfers sieht es entsprechend
 aus.

Das deutsche Modell
U. Pätzold, mehr als ein nur wissenschaftlicher
 Begleiter des
NRW Kabelpilotprojektes Dortmund,
 eher ein engagierter Fürsprecher
 dieses sozialdemokratischen
 Modells, skizzierte den
Versuch, den durch große Verlage
 und viel Werbung unterstützten
 Anlauf der Privaten Volksverdummung
 durch Sat, 1,2,
RTL etc. durch ein bürgernahes
Örtliches Sendungsangebot zu
begegnen (3).
Ohne in der gebotenen Ausführlichkeit
 auf Details eingehen
zu können, zeichnet sich doch die
Tendenz ab, daß die kommerziellen
 Programme ca. 25 Prozent
 Zuschauer verlieren. Je
mehr regionales Angebot, desto
schwieriger dürften es also die
kommerziellen Programme haben.
 Das ist noch keine repräsentative
 Aussage, sondern eher ein
(erfreulicher) Trend

Exkurs: Vater schläft immer
ein!
„Wir sind begeisterte Anhänger
des Channel 4 (C4). Meine Mutter
 ist mit dem Haushalt beschäftigt;
 Vater schläft regelmäßig
ein. Und da liegt das Problem:
Immer wenn die Sendungen von
der Werbung unterbrochen werden,
 fängt er an zu schnarchen.
Die ist unverständlicherweise
nämlich einige Phonstärken lauter.
 Ist Ihnen das schon aufgefallen?

Könnten Sie das bitte ändern,
damit ich wieder ungestört gukken
 kann?“...
Viele Videostationen sind in
ganz Britannien aufgebaut worden,
 um Zuschauer/innen wie die
hier vorgestellte in C4 zu Wort
kommen zu lassen. Der Sender
arbeitet unbürokratisch, preisgünstig
 und auf hohem Niveau.
Neben Billigproduktionen wie
„Letter to Breshnew“ oder
„Mein wunderbarer Waschsalon".
 die inzwischen auch bei uns
            
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