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CAD-JOURNAL 11
Die Rechnerrepublik hier und jetzt
Mehrere Veranstaltungen und
Publikationen belegen in diesem
Herbst ‘86 das „Zittern“ vor dem
technologischen Sprung in die
90er Jahre.
Wir werden als Architekten
und Stadtplaner, speziell in der
Bundesrepublik Deutschland,
nicht umhin kónnen, uns grundlegend
mit der Raum- und Architekturwirksamkeit
der ,,Neuen
Technologien" zu bescháftigen.
Sie mutieren vom einst angenommenen
erst zukünftig relevanten
Planungsrahmen zu einer
internationalen strategischen
Ressource der Jetztzeit im Micro-
wie Macrobereich.
Genügte es bislang einen recht
subjektiven Standpunkt zu beziehen,
etwa: ,,Dat Deubelsding
kommt mir nit inne Bud’!*, um
im internen Kreis einen gewissen
Achtungserfolg zu erzielen, wird
das in naher Zukunft mitleidig
belächelt werden. Die Computertechnologie
entpuppt sich zunehmend
als Artikulations- und
Transportmittel für gedankliche
Modelle. Sie ist als Schlüsseltechnologie
im kleinen, wie im internationalen
Rahmen des Staates
und der Industrie gehätscheltes
und liebstes Kind. Nach Rolf (1)
befindet sich die DV in der BRD
im Stadium der Dialogverarbeitung
und des Datenbankkonzeptes,
eine gegenüber der Batchoder
Stapelverarbeitung (Arbeitserleichterung
und Rationalisierungsmittel)
fortgeschrittenere
Ebene.
Im Augenblick geht es darum,
auf der begrenzten Ebene des eigenen
Betriebes, hier aufgefaßt
als ein kybernetischer Regelkreis,
eine Modellierungslogik zu
entwickeln. Sie soll die Arbeitsprozeduren
in Form von Programmen
und Datenbanken etc.
abbilden und in Teilen formalisieren
und automatisieren, eine
…Rechnerrealität“ des Betriebes
erstellen. Je flexibler und vielschichtiger
ein Arbeitsprozef desto
aufwendiger oder gar unmóglich
seine Abbildung im Rechner.
Wo es aber doch gelingt, sitzen
die Benutzer vor Bildschirmen
und bekommen Arbeits-, Kontroll-
und Koordinationsanweisungen
aus dem „neutralen“
Rechner und nicht wie bisher von
einem „leiblichen“ Vorgesetzten.
Die nächsten Schritte sind logisch!
Die Filialen werden angebunden!
Die Systemintegration
vor allem dadurch gesteigert, daß
die Serviceleistung durch schnelle
und selbstangeforderte Information,
daß die Verwaltungsarbeit
bis hin zum Ausfüllen von
Formularen für z.B. Banktransaktionen
an den Kunden delegiert
werden kann.
Die Folge z.B. im Bankwesen
sind enorme Einsparungen etwa
bei Geldüberweisungen. Die
großindustrielle Computernutzung
kennt, so weit abzusehen,
weniger absolute als vielmehr betriebswirtschaftlich
oder politisch
relevante Grenzen ihres
Einsatzes. Die Individuen, speziell
die Intelligentia, wird durch
die Verlockungen „halbintelligenter
Software“ wie z.B. Multiplan,
Wordstar, Lotus, d’Base
oder Jazz zu der Gruppe der
Computernutzer überlaufen. Sie
wird wie auch jetzt schon die
Großnutzer die benötigte Infrastruktur,
die digitalen Netze anfordern.
Streit entbrennt um die
Frage, ob der Computer hier als
zeitgemäßes Werkzeug oder als
Instrument zur „Taylorisierung
der Arbeit von Unten“ seine
Hauptrolle spielt (Kimbel, Nake
2).
Anspruchsvoller aber nichts
desto trotz müfiiger Streit, wenn
es um die Vernetzung der digitaien
Universalmaschinen geht.
lime isn't holding us, time isn't
after us.* (Talking Heads)
Wired Cities
Die verkabelten „Städte als
Avant-garde der Informationsgesellschaft",
wie die Tagung der
ev. Akademie Loccum vom 28.-30.11.86
untertitelt war, müssen
dieses faszinierende wie Furcht
einflóBende Versprechen erst
einmal einlósen. Dieses Versprechen,
daf für Arbeit und Unterhaltung
gleichermaßen steht. Für
die moderne Variante eines elektronischen
Schlaraffenlandes,
vermutlich auf Kosten der ländlichen
Regionen und der 3. Welt.
So jedenfalls stellte es sich aus
der Sicht der sehr einseitig, fortschrittsgläubig
eingestellten
deutsch-amerikanischen Expertenrunde
dar, die kritisch lediglich
durch das sachkundige Publikum
und einige Referenten konterkariert
wurde.
Ausgehend von der schlichtweg
nicht zu vergleichenden Rolle,
und dem unterschiedlichen
Entwicklungsstand der „Neuen
Technologien“ in den USA und
der BRD sollen hier einige repräsentative
Stellungnahmen wiedergegeben
werden, die aus unterschiedlichen
Blickwinkeln die
Kommunikationstechnologien
(KomInTech) als strategische
Ressource erleuchten.
W. Dutton (University of Southern
California), Susan Herman,
Department of Telekommunikation
L.A. und Ethel Booth, Media
Consultant L.A. skizzierten
das amerikanische Modell, einer
auf Privatisierung und ,,Deregulierung*
der digitalen Verkabelung
fuBenden industriellen und
privaten Nutzung sowohl des
TV-Netzes wie auch des Datentransfers.
— Versorgungspflicht
durch die Öffentliche Hand,
durch Verkabelung für alle gesellschaftlichen
Nutzer, seien sie
nun arm oder reich, weiß oder
schwarz, privat oder professionell,
ist ein „Fremdwort“ und
führt analog zu der auf amerikanischen
Straßen zu beobachtenden
„Neuen Armut“ zum „Informationsghetto“.
Die „cable franchise“ Entwicklung
begann 1952 als Serviceleistung
für Haushalte die auf
Grund topologischer Besonderheiten
keinen vernünftigen Empfang
der TV-Programme besaßen.
Ab 1960 gehörte die verkabelte
Stadt, als „state of business"
schon zur normalen Infrastruktur
jeder amerikanischen
Metropole. Ab 1974 beginnen
Geschäftspartner für ihren Datenaustausch
Sateliten zu benutzen.
Es entsteht ein Wettbewerb
zwischen verschiedenen Ubertragungsmedien,
von denen Kabel
nur eines unter vielen ist.
Ab 1983 erlangt die digitale
Verkabelung zumindest in und
zwischen den Zentren die Rolle
einer „normalen“, infrastrukturellen
strategischen Ressource.
Sie wird der mit wichtigste Stand-Ortfaktor
im internationalen
Wettbewerb um die Ansiedlung
der High-Tech-Industrie. Einem
Wettlauf, in den sich sowohl die
Kommunen, als auch die privaten
„Franchise-Gesellschaften“
stürzen. Indiz für die Wachstumsstärke
dieser Branche sind
die Profitsteigerungen der „Ware
Unterhaltung“ von 4 Milliarden
$ 1984 auf erwartete 16.5 Milliarden
$ 1990. Das betrifft Pay TV,
TV-Shopping, Werbung etc.. Inzwischen
sind 48 Prozent aller
TV-Homes „Smart Homes“,
sprich verkabelt, vor 10 Jahren
waren es gerade 15 Prozent! Bei
der gewerblichen Nutzung des
Datentransfers sieht es entsprechend
aus.
Das deutsche Modell
U. Pätzold, mehr als ein nur wissenschaftlicher
Begleiter des
NRW Kabelpilotprojektes Dortmund,
eher ein engagierter Fürsprecher
dieses sozialdemokratischen
Modells, skizzierte den
Versuch, den durch große Verlage
und viel Werbung unterstützten
Anlauf der Privaten Volksverdummung
durch Sat, 1,2,
RTL etc. durch ein bürgernahes
Örtliches Sendungsangebot zu
begegnen (3).
Ohne in der gebotenen Ausführlichkeit
auf Details eingehen
zu können, zeichnet sich doch die
Tendenz ab, daß die kommerziellen
Programme ca. 25 Prozent
Zuschauer verlieren. Je
mehr regionales Angebot, desto
schwieriger dürften es also die
kommerziellen Programme haben.
Das ist noch keine repräsentative
Aussage, sondern eher ein
(erfreulicher) Trend
Exkurs: Vater schläft immer
ein!
„Wir sind begeisterte Anhänger
des Channel 4 (C4). Meine Mutter
ist mit dem Haushalt beschäftigt;
Vater schläft regelmäßig
ein. Und da liegt das Problem:
Immer wenn die Sendungen von
der Werbung unterbrochen werden,
fängt er an zu schnarchen.
Die ist unverständlicherweise
nämlich einige Phonstärken lauter.
Ist Ihnen das schon aufgefallen?
Könnten Sie das bitte ändern,
damit ich wieder ungestört gukken
kann?“...
Viele Videostationen sind in
ganz Britannien aufgebaut worden,
um Zuschauer/innen wie die
hier vorgestellte in C4 zu Wort
kommen zu lassen. Der Sender
arbeitet unbürokratisch, preisgünstig
und auf hohem Niveau.
Neben Billigproduktionen wie
„Letter to Breshnew“ oder
„Mein wunderbarer Waschsalon".
die inzwischen auch bei uns