Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

W ir haben große staatliche Architek- 
turschulen und es gibt in allen Län- 
dern staatliche, provinzielle, städtische Ar- 
chitekturschulen, welche die jungen Intelli- 
genzen entwickeln und sie das Falsche leh- 
ren, die Schminke und die Schliche der Dir- 
nen: staatliche Schulen. Die Ingenieure 
sind gesund und männlich, tätig und nütz- 
lich, sittlich und froh. Die Architekten sind 
enttäuscht und unbeschäftigt, Schwätzer 
oder Griesgrame. Warum? Weil sie bald 
nichts mehr zu tun haben werden. Wir ha- 
ben kein Geld mehr übrig zur Aufwär- 
mung geschichtlicher Erinnerungen.“ 
Irgendetwas klingt an diesem Text, so 
sehr er antiquiert ist - 1922 in „Vers une ar- 
chitecure“ formuliert —, ungeheuer zeitge- 
mäß. Wir werden in einer massiven Re- 
zeption Corbusiers Zeuge einer Geburts- 
stunde. 
Wir müssen die Frage aufarbeiten: Was 
ist das, Akademismus? Was ist das: die 
Moderne und der Akademismus? Ist das 
alles tot? 
In Wirklichkeit stehen wir an dem 
Punkt, die Moderne neu zu bewerten: Le 
Corbusier attackierte den Akademismus— 
er vertritt die Moderne, die Postmoderne 
vertritt den Akademismus. Wer für Le 
Corbusier ist, ist für die Moderne; wer für 
Le Corbusier ist, ist gegen den Akademis- 
mus. Die Mumien der akademistischen 
Moderne tummeln sich und schütteln den 
Staub von 20 Jahren defensiven Kampfes 
ab. 
Akademismus, das ist vor 60 Jahren zu- 
nächst die Wiederholung toter histori- 
scher Formen. Aber, daB es auch einen 
anderen Akademismus gibt, nämlich ei- 
nen Akademismus der Moderne, be- 
stimmt eine wesentliche Polemik Corbu- 
siers. 
Wir wollen versuchen, mit Hilfe dieses 
Mannes eine moderne Definition zu erar- 
beiten. Denn bei der Polemik der Moder- 
ne geht es nicht um einen Stil, auch nicht 
in ihrer Auseinandersetzung mit dem 
Akademismus, sondern um eine Haltung, 
um das Erarbeiten von Problemen. Ver- 
meiden sollten wir jetzt Historiographie, 
Biographie. Oder anders: die Moderne 
wird sich gegen eine Art akademistischer 
Rezeption zu erwehren haben, so daß der, 
der noch vor drei Jahren der Narr war, der 
nicht zu Belehrende, der sagte: „Wir müs- 
sen doch historische Lektionen ziehen, 
wir müssen doch probieren, laßt uns doch 
mal experimentieren mit Würfelhäu- 
sern“, daß der plötzlich wieder in einem 
Prozeß steht, wo die gleiche Zeichentech- 
nik, in „Architecture d’aujourd’hui“ wun- 
derbar hergebetet, mit Breuerschen und 
Corbusierschen Stahlrohrstühlen die glei- 
chen Operationen betreibt. 
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Was kann gegenwärtig interessant sein 
am Werk dieses Corbusiers? Meiner An- 
sicht nach die Methodik der Kunstproduk- 
tion, das heißt seine Denkmethodik, sein 
kreatives Verfahren, oder: die Logik des 
Kreativen; Corbusier, der künstlerische 
Phantast. Zweitens: Le Corbusier als poli- 
tische Biographie — fürchterlich vernach- 
lässigt, weil sie niemanden im Moment in- 
teressiert und zu schwer zu erarbeiten ist 
und weil sich in ihr die Tragik des Zusam- 
menbruchs des Entwicklungsgedankens 
des neunzehnten Jahrhunderts und das zi- 
vilisatorische Dilemma verdeutlicht. Drit- 
tens interessiert er uns als Architekturphi- 
losoph, als Theorieproduzent; denn die 
Theoriebildung in der Architektur kann 
gegenwärtig nicht mehr hinter ihn zurück- 
gehen. Anders ausgedrückt: es gibt ohne 
die kritische Auseinandersetzung mit Le 
Corbusier nicht die Chance, eine Archi- 
tekturtheorie als eine Kultur- und Kunst- 
theorie hervorzubringen. Das heißt, wir 
sind gezwungen, uns mit ihm auseinander- 
zusetzen, weil es ohne ihn keine Program- 
matik der Moderne gegeben hätte. Gera- 
de die Philosphie also und die Logik des 
Kreativen trennt ihn vom Akademismus. 
Er allein bewerkstelligt in der Bewegung 
der Moderne die gigantische Mutation 
vom gläsernen Hochhaus bis zur Höhle. 
Im Korpus der Moderne, an deren Ent- 
wicklung er entscheidend mitarbeitete, 
formuliert er in der zweiten Hälfte seines 
Lebens eine Kritik, eine eigenständige ar- 
chitektonische Programmatik. Es ist diese 
unzweifelhafte Originalität, dieses Unver- 
wechselbare, das im Moment zur Grund- 
lage einer akademistischen, einer formel- 
len Aneignung werden kann. Ich meine 
damit die postmoderne Rezeption; wir 
sind Zeitzeugen dieser Geburtsstunde. 
Diese wird sich ähnlich vollziehen wie 
einst die dumpfe Verunglimpfung vom 
Meister der Wohnmaschine — so dumm, 
als würde man Leonardo der Ausrottung 
der Indianer bezichtigen. 
Die Villa Savoie ist für mich ein Zeichen 
dafür, was gegenwärtig passiert: die Mo- 
derne wird herausgeputzt, angestrichen 
und wieder verwertbar gemacht. 
W as ist das: Akademismus? Steigen 
wir mit dem historischen Rück- 
blick ein: Zunächst ist Akademismus die 
Vorgeschichte der Moderne, oder genau- 
er: die Position, die kritisch angegangen 
wird von der Moderne. Zweitens ist Aka- 
demismus die kritische Reaktion auf die 
Moderne und drittens ist die Kritik am 
Akademismus, die wir bei Corbusier ken- 
nen, eine Kritik an der Moderne selbst. Er 
hat immer wieder seine eigene Position 
dadurch bestimmt, dal) er sich polemisch 
von ihr absetzte. Der erste wirkliche Kon- 
flikt, den wir kennen, ist 1927 die Ausein- 
andersetzung um das Vôlkerbundgebäu- 
de in Genf, der dann zur Gründung der 
CIAM führte. Das heißt, der Aufbruch 
der Moderne war ihre Niederlage. Ihi 
Ausgangspunkt war der Kampf, eine eige- 
ne Architektursprache gegen eine lasten- 
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