Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

nicht immer nur ... darüber kla- 
gen, daß die Industriestaaten in 
West und Ost viel zu wenig zur Si- 
cherung der Lebensgrundlagen 
in den Entwicklungsländern tun. 
Wir müssen auch weiterhin dazu 
beitragen, dies zu einer ständigen 
Aufgabe gerade der Gemeinwirt- 
schaft werden zu lassen."" Und 
Gleiches kónnte man auch von 
dem Sanierer der Neuen Heimat, 
Diether Hoffmann, sagen. derim 
Rahmen einer Fachtagung an der 
Gesamthochschule Kassel als 
einzige Antwort auf die Vor- 
schläge von Fachleuten zur De- 
zentralisierung und Vergenos- 
senschaftlichung des Konzerns 
zu sagen hat, dies gehört in das 
Reich der Utopie, schon aus Haf- 
tungsgründen." Der Verlust an 
Realitátssinn und Perspektive, 
die Undenkbarkeit der Verände- 
rung. ja auch die kriminellen 
Praktiken des ehemaligen Vor- 
standes sind jedoch nicht Ursa- 
che, sondern nur Korrelate des 
Niedergangs. Hier zu verharren, 
verstelit den Blick auf, wie ich 
meine, wesentliche gesellschaft- 
liche Veränderungen, für die der 
Untergang der gewerkschaftlı- 
chen Unternehmung Neue Hei- 
mat Hinweis ist. 
Der sozialdemokratisch ge- 
prágte Teil der Arbeiterschaft 
sah in den 20er Jahren als takti- 
sches Instrumentarium der ge- 
sellschaftlichen Veränderung 
drei miteinander verwobene in- 
stitutionelle Komplexe: die Par- 
tei für die politische Auseinan- 
dersetzung. die Gewerkschaften 
für die betrieblichen Kámpfe und 
die Gemeinwirtschaft zur Absi- 
cherung und Verbesserung der 
Reproduktion der Arbeiter so- 
wie als Vorboten und Experi- 
mentierfeld für eine zukünftige 
sozialistische  Wirtschaftsweise. 
Mit dieser Tradition hat die Neue 
Heimat nur insofern zu tun, als 
sie sich ideologisch auf sie bezie- 
hen konnte, wenn es tunlich war. 
So insbesonders, wenn in sozial- 
demokratisch regierten Städten 
der Bauauftrag an die NH und 
nicht an Konkurrenten vergeben 
werden sollte, oder auch um die 
ab und an aufkommende Kritik 
an der Unmenschlichkeit der 
durch die NH geschaffenen Woh- 
nungsbedingungen schon im 
Kern zu ersticken. Viel mehr 
schon hat die NH mit ihrer realen 
Gründungsgeschichte im  Fa- 
schismus zu tun. „Fest steht, daß 
heute die im Hauptverband ver- 
einigten 3.000 gemeinnützigen 
Wohnungsunternehmen einen 
festen soliden und kerngesunden 
Block darstellen, restlos ausge- 
richtet nach den Grundsätzen des 
nationalsozialistischen Staates 
und uneingeschränkt bereit, sich 
in den Dienst der Errichtung ge- 
sunder und preiswerter Arbeiter- 
wohnstátten zu stellen.“”Die 
Neue Heimat, 1939 als gemein- 
nûtzige Wohnungs- und Sied- 
lungsgemeinschaft der Deut- 
A 
schen Arbeitsfront im Gau Ham- 
burg gegründet, hat aus dieser 
Zeit die Prinzipien zentralisierter 
ökonomischer Macht übernom- 
men und erweist sich damit als ei- 
ne der wichtigen Agenturen zur 
Durchsetzung des Fordismus in 
der Bundesrepublik. 
Der Fordismus ist ein Kom- 
plex ökonomischer, staatlicher 
und  lebensweltlicher Steue- 
rungsmechanismen, der sich all- 
máhlich nach dem ersten Welt- 
krieg entwickelt, für Deutsch- 
‘and auch und gerade durch den 
Nationalesozialismus weiterent- 
wickelt wird, um in den 60er Jah- 
ren (für die BRD) seinen wahr- 
scheinlichen Höhepunkt zu er- 
reichen.” Grundlage dieser For- 
mation ist ein tayloristisches Pro- 
duktionskonzept: die Arbeit 
wird in eine Vielzahl kleiner, 
leicht beherrschbarer Arbeits- 
schritte zerlegt; das Arbeitspro- 
dukt entsteht durch die tech- 
nisch-organisatorische Verknüp- 
fung dieser Arbeitselemente. 
Der Gesamtprozeß wird als Opti- 
mierung jeweiliger Mittel-Ziel- 
Systeme arrangiert. Die Arbeits- 
kraft ist ohne Handlungs- und 
Zeitautonomie in den Arbeits- 
verlauf eingegliedert, die Ver- 
ausgabung wird durch Zeit- und 
Outputmessungen technisch und 
im wesentlichen nicht mehr so- 
zial kontrolliert. Dieses Arbeits- 
und Produktionskonzept führt zu 
einer beachtlichen Steigerung 
der Produktivität und zugleich 
ermöglicht es die. Anfertigung 
komplexer Produkte (z.B. die 
Anfertigung von Autos) als Serie 
und Massenprodukt. Die Ar- 
beitsmotivation kann in einem 
derartigen System nur noch in- 
strumentell und — wie die Psycho- 
logen es nennen — auflengeleitet, 
extrinsich. sein. Während das 
handwerkliche Arbeitskonzept 
die Identifikation mit dem Ar- 
beitsvorgang nótig und móglich 
macht, da die Verknüpfung von 
Qualifikation und Produkteigen- 
schaft unmittelbar ist, ist dies bei 
der tayloristischen  Arbeitstei- 
lung nicht oder nur noch äußerst 
abstrakt möglich. Die Arbeit mo- 
tiviert durch den Lohn, der den 
Zugang zu den Waren des Mas- 
senkonsums eröffnet. Die seriel- 
le Arbeit bedarf der Ergänzung 
durch den Massenkonsum, ein- 
mal um die Massenprodukte ab- 
zusetzen, zum anderen, um die 
Arbeitsmotivation zu sichern. 
Kernzelle dieses Systems ist das 
abstrakte Individuum, das so- 
wohl auf dem Arbeits- wie auf 
dem Gütermarkt schnell und oh- 
ne zu große Bindungen agieren 
kann. Um die Reproduktionsfä- 
higkeit des abstrakten Individu- 
ums im biologischen wie kultu- 
rellen Sinn zu sichern, entwickelt 
sich neben einer zunehmenden 
Zahl von Ein-Personen-Haus- 
halten die Kernfamilie, die auch 
nur noch Kern-Funktionen der 
Hauswirtschaft übernimmt. Der 
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EITUNG 
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bürokratisch verfaßte Sozialstaat 
sichert Kranken- und Altersver- 
sorgung ab und bildet einen Puf- 
fer bei konjunkturellen und 
strukturellen Verwerfungen des 
Arbeitsmarktes, verlangt dafür 
aber weitgehend Abstinenz von 
unmittelbarer politischer Beein- 
flussung. In der US-amerikani- 
schen Politologie wurde jahre- 
lang eine hohe Wahlbeteiligung 
im repräsentativen System der 
Demokratie als Indikator für 
‚political unrest, herangezogen, 
in der BRD haben Ansprüche 
der sozialen Bewegungen auf po- 
litische Einflußnahme zum poli- 
tologischen Terminus der Unre- 
gierbarkeit geführt. Die Neue 
Heimat war ein wichtiges Instru- 
ment, um die städtebaulichen 
Anforderungen des fordistischen 
Systems durchzusetzen. Die Ar- 
beits- und Konsumtionsmonade 
Kleinfamilie ‚benötigt, ein 
Wohnsystem in dem Wohnen 
konsumiert wird. Die Möglich- 
keit zur Haushaltsproduktion, zu 
einer alltäglichen Aneignung des 
Wohnraumes soll nicht gegeben 
sein. Nur so läßt sich strukturell 
verhindern, daß sich die Kleinfa- 
milie zeitweise oder teilweise 
vom Arbeits- und Gütermarkt 
abkoppelt. Vor allem die Versor- 
gung mit Gütern und Dienstlei- 
stungen soll ganz und gar markt- 
integrierterfolgen. Die Wohnun- 
gen müssen zudem preiswert 
sein, um freie Einkommensspit- 
zen für den Konsum aktivieren zu 
können. Es ist so kein Zufall, daß 
die Planer der NH in den 60er 
Jahren die Wohnmaschinen der 
20er Jahre als Modell nehmen. 
Was Corbusier forderte — Woh- 
nungen als Serie wie ein Auto zu 
produzieren, wird Realität. 
Auch der Standort der Wohnan- 
lagen am Stadtrand ist kein Zu- 
fall. Zum einen benötigt der 
Konsum den zentralen Stadt- 
raum für sich. Die NH schafft das 
Auffangbecken für die funk- 
tionsverdrángten Stadtbewoh- 
ner. Zum zweiten modernisiert 
die Unterbringung in den Wohn- 
anlagen die Lebenswelt, — alte 
Formen der Selbst- und Nachbar- 
schaftshilfe werden baulich ver- 
hindert. Und schließlich wirkt 
die räumliche Trennung von 
Wohnen- Arbeit und Konsum 
(und mehr und mehr auch der 
Freizeit) als Beschleuniger in der 
Verbreitung des PKW’s, der das 
materielle Substrat des fordisti- 
schen Systems bildet. Daß sich 
die NH in den 70er Jahren zuneh- 
mend dem Bau von Eigenheimen 
widmet (während Anfang der 
60er Jahre die NH in etwa 10% 
ihrer Bauten als Eigenheim er- 
stellt, sind es Ende der 70er Jahre 
5096) entspricht zum einen der 
Zunahme der mittleren sozialen 
Klassen wie auch der Kaufkraft- 
entwicklung. Im wesentlichen je- 
doch entspricht es einer verán- 
derten gesellschaftlichen Kon- 
struktion der Wirklichkeit. Zur 
Installierung des fordistischen 
Systems müssen die Klassen- 
schranken symbolisch und bis zu 
einem gewissen Grad auch mate- 
riell überwunden werden. Nurso 
kann die für den Massenkonsum 
notwendige  Egalisierung  er- 
reicht werden. Konsum erfolgt 
nicht mehr nach Stand und Klas- 
se Nyltest für jedermann. Der 
Volksgenosse im Volkswoh- 
nungsheim mit Volkswagen war 
die Konstruktion der Nationalso- 
zialisten; der Angehörige der ni- 
vellierten Mittelstandsgesell- 
schaft auch mit Volkswagen oder 
Opel Rekord in der Neubauwoh- 
nung der NH, dies ist das Bild der 
60er Jahre in der Bundesrepu- 
blik. Die NH baut die entspre- 
chenden Siedlungen mit sozialer 
Durchmischung. Im Hochhaus 
die Armen (außer in den ober- 
sten Stockwerken), in der 4-ge- 
schossigen Zeile die Facharbeiter 
und Angestellten, im Atrium- 
haus schon mal ein Bürgermei- 
ster oder der Geschäftsführer des 
COOP-Zetrums. Genau so zu 
besichtigen in Mannheim-Vogel- 
stang und anderswo. In dem Ma- 
Be, in dem sich der Fordismus 
durchsetzt und zur beherrschen- 
den Form wird, kommt es zu so- 
zialen Differenzierungen, die 
man auch vorzeigen will. Die .fei- 
nen Unterschiede, werden zum 
Motor der Konsumdynamik, der 
Besitz eines Eigenheims zum Le- 
benstraum. Die NH pabt sich an, 
doch anders als im sozialen Miet- 
wohnungsbau kann sie hier keine 
politisch gestützten Monopole 
erringen. Anders als im Miet- 
wohnungsbau sichert der Staat 
den Gewinn nicht über kollekti- 
ven Zwangskonsum, über die 
Kostenmiete ab. Auf diesem 
Markt gibt es Konkurrenz, der 
der bürokratische Apparat der 
NH nicht gewachsen ist. Die Be- 
scháftigten an Pfründe wie 14 
Monatsgehälter, 6 Wochen Ur- 
laub, erleichterten Zugang zur 
Eigentumsbildung gewöhnt, 
können sich im Konkurrenz- 
kampf genausowenig behaupten 
wie eine Geschäftsführung, die 
die Führung des Konzerns unter 
dem Gesichtspunkt lukrativer 
Nebengeschäfte betreibt. 
Der sich allmählich abzeich- 
nende Wechsel der Formierung 
der Gesellschaft ‚braucht, Kon- 
zerne wie die Neue Heimat nicht 
mehr. Arbeitslosigkeit und Aus- 
gliederung ganzer Bevölkerungs- 
gruppen haben dem Sozialstaat 
den utopischen Glanz genom- 
men. Mit der sinkenden Lei- 
stungsfähigkeit des Staates sinkt 
auch die Legitimation für die bü- 
rokratische Kontrolle der Le- 
benswelt, viele wollen wenig- 
stens im Wohnbereich dem lan- 
gen Arm der Bürokratie entkom- 
men. Im Arbeits- wie im Kon- 
sumbereich ändert sich das Mo- 
dell: Der Taylorismus ist an seine 
Grenze gestoßen, wo Arbeit 
nicht durch elektronisch gesteu-
	        

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