Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

ZU DIESEM HE 
Mies van der Rohe, 
Grundriß der 
Conventional-Hall 
—— 
pcdes 
Hassan Fathy, 
Grundriß seines 
Hauses in Sidi Krier 
a 
= —2-——————— Er Er 
MODERNE UND TRADITION 
Die Gegenwart wird durch zwei grundverschiedene Baugedanken 
beherrscht, den Baugedanken der Moderne und den Baugedanken 
einer wiedergeborenen Tradition. Sie unterscheiden sich in der 
Bauform (ungebundener Raum oder gebundener Raum), in der 
Bautechnik (High-Tech oder Low-Tech) und in der Bauökologie 
(Autonomie von der Natur oder Einordnung in die Natur). Stehen 
die Arbeiten von Le Corbusier, Mies van der Rohe und die jüngsten 
Projekte von Foster oder Rogers für den Baugedanken der Moder- 
ne, so die Arbeiten von Hassan Fathy für den Baugedanken einer 
erneuerten Tradition. 
Bauform 
Gemeinhin wird angenommen, daß die High-Tech-Architektur die 
Moderne ins Grenzenlose übersteigere. Im Gegenteil. Sie bringt 
die Moderne auf den Punkt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang 
an die 5 Punkte einer neuen Architektur, Pilotis, Dachgärten, Freier 
Grundriß, Fensterbänder und Freie Fassade von Le Corbusier. Sie 
sind der Springpunkt der Moderne: Die Befreiung des Raums von 
der Sklaverei der Masse. An die Stelle des Wechselspiels von Masse 
und Raum treten die Pilotis im Verbund, das Skelett, die Knochen 
der Mies’schen Haut-und-Knochen-Bauten, die nicht nur erlauben, 
den Bau von der Erde abzuheben, sondern auch den durch Stützen 
abgeschirmten Raum nach Belieben auszudifferenzieren, frei von 
allen tektonischen Abhängigkeiten. Innenräume können in diesem 
Rahmen dann durch alles gebildet werden, durch Architektur, 
Licht, Klang ... 
Konzentriere ich mich auf Mies van der Rohe, so beginnt diese 
Entwicklung mit dem Landhaus in Backstein, wo Mies zum ersten 
Mal mit dem ungebundenen Raum experimentiert, setzt sich fort 
mit dem Barcellona-Pavillon, dem Haus Tugendhat, wo er mit 
einem Stützenschirm arbeitet, wenn auch noch reduziert auf eine 
Gruppe von 8 Stützen, und kulminiert im Entwurf der Conventio- 
nal-Hall: Eine Stützen-Schirm riesigen Ausmaßes, bei dem es sich 
grundsätzlich um einen Allzweck-Raum handelt, der beliebig durch 
frei gestellte Wände oder fliegende Einbauten untergliedert werden 
kann. 
Von der Conventional-Hall ist es dann nur noch ein Schritt zum 
Metabolismus der 60er Jahre, zur High-Tech-Architektur der 80er 
Jahre, aber auch zu den Überlegungen von Rem Koolhaas über die 
„Illusion der Architektur“ (86 ARCH*, S. 40). Denn um Architektur 
im klassischen Sinne geht es in all diesen Fälle keinesfalls mehr. Es 
geht um die Installation von Innenwelten unter Stützen-Schirmen 
ohne jeden Architekturanspruch. 
Bautechnik 
Die Industrialisierung erreichte die Baubranche im Widerspruch 
zur Gesamtgesellschaft nur an den Rändern. Sie erfaßte im 19. Jahr- 
hundert die Baustoffindustrie mit dem Ergebnis neuer Baustoffe 
wie Stahlbeton und Stahl, ließ aber die Baustelle im Unterschied 
zur sonstigen Produktion so gut wie unberührt. An dieser Situation 
der Industrialisierung von den Rändern her hat sich bis heute nichts 
geändert, mit dem Unterschied, daß zum Handwerk neue Techni- 
ken hinzutraten, wie Stahlbau, Klimatechnik, technischer Ausbau 
etc. 
Vor diesem Hintergrund blieb das industrielle Bauen immer ein 
Architekten-Projekt, immer eine konkrete Utopie von Architekten 
in der Absicht, die Lücke zwischen dem Bauen und der Industriege- 
sellschaft zu schlieBen. Ein solches Projekt sind die 5 Punkte, die 
Bauten von Mies und selbst der Baugedanke der Moderne: Durch 
Eingehen aufdie Technik die Bauform des Industriezeitalters zu ge- 
winnen. Stationen dieser Technikbewáltigung sind der Freie 
Grundrifi der 20er Jahre, der metabolische GrundriB der 60er Jahre 
und der Allzweck-Raum der jüngsten Zeit, die in unterschiedlicher 
Weise, z. T. vorwegnehmend, z. T. hinterherhinkend auf die Techni- 
sierung des Bauens reagieren: Auf die neuen Baustoffe und Bau- 
techniken, auf die neuen Ausbautechniken, in einem Wort, auf die 
technische Infrastruktur des Baus. (87 ARCH', S. 3D 
Bauökologie 
Technische Infrastruktur und Hallenstruktur des Allzweck-Raums 
machen die Habenseite des Modernen Baugedankens aus. Auf der 
Sollseite steht dagegen die Umweltbelastung, nicht nur der Hoch- 
technologie, wie man angesichts der jüngsten Beispiele denken 
kónnte, sondern der Moderne überhaupt. Denn der Umweltbezug 
ist der blinde Fleck der Moderne. Die Autonomie von der Natur ist 
von Anfang an Programm. 
Nun ist Hassan Fathy nichts weniger als ein Okologe. Ausgangs- 
punkt ist zwar das Bauen mit der Natur - heife Natur nun Lehm, 
Ton oder Sand. Aber nicht aus ókologischen Motiven, noch aus 
Romantizismus oder Nostalgie wendet sich Hassan Fathy der isla- 
mischen Architektur, dem Lehmbau und der Bauphysik zu, son- 
dern Motiv sind vielmehr die Folgen des Frühkapitalismus in den 
Lándern der 3. Welt, Armut, Elend und eine ungeheure Ressour- 
cenvergeudung, und die Unmóglichkeit, sie mit den Mitteln der 1. 
Welt zu lindern. Erst beides, Problemdruck und Unbrauchbarkeit 
importierter Lósungen lieBen Hassan Fathy zu Hassan Fathy wer- 
den. 
Heute steht sein Name für die Wiedergeburt der Tradition, für 
die Renaissance des Islams, für die Erneuerung des Lehmbaus und 
für die Rückkehr zu natürlichen Energien. In diesem Sinne funktio- 
nieren seine Häuser wie eine „natürliche“ Klimaanlage, die durch 
Bauformen und Disposition, bsp. durch Malgaf, Windauslaß und 
Dur-qa'aleisten, was die Moderne nur noch durch ein immer Mehr 
an Technik vermag - ein Haus im Winter zu wármen und im Som- 
mer zu kühlen. 
Nikolaus Kuhnert 
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