Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

ZU DIESEM HEE 
Gemeinschaftsräume im 
Kerngehäuse und 
im Außenhaus 
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Indoor-City 
Corporate-Identities 
KOMMUNITÄRE WOHNFORMEN 
89 ARCH* war dem neuen Baugedanken gewidmet. Seine auf- 
fälligste Eigenschaft ist die Indoor-City, sein Ort downtown. Wie 
sehen nun die Gegenwelten zu den Indoor-Cities aus, die Vor- 
Orte am Rande der Stadt, die Räume des familiären Zuhauses? 
Ich konzentriere mich auf die Gegenwelten der Reformsied- 
lungen. Ihre Träger sind Gemeinschaften. Sie speisen sich aus 
zwei Motiven: aus der auf die 60er Jahre zurückgehenden radika- 
len Kritik am Verhältnis Staat-Gesellschaft und an den Verkehrs- 
formen der Gesellschaftsmitglieder untereinander. Aus beiden 
Motiven sind den Reformsiedlungen die prägenden Aufgaben 
zugewachsen: 
® die entstaatlichten sozialen Dienste (beispielsweise die Kin- 
dererziehung in Form von Kinderläden etc.), 
® die neuen familiär entkoppelten Bedürfnisse (beispielsweise 
die Bedürfnisse nach Gruppenidentität und Geselligkeit, auf- 
grund veränderter Geschlechterrollen etc.). 
Auf beiden Aufgaben gründet das Gemeinschaftsgefühl. Es ist 
die neue Instanz, der es, wenigstens im Fall der hier interessieren- 
den Fragen gelungen ist, die neuen Aufgaben von staatlichen 
Einflüssen frei zu halten und eine Auffangstellung gegen den ra- 
santen Verfall der bürgerlichen Familie aufzubauen. Realiter 
längst auf einen Zweckverband für temporäre Ziele reduziert, 
gewinnt die Familie durch Integration in die Gemeinschaft wie- 
der an Bedeutung. Sie wird neben anderen zu einer ihrer Basis- 
zellen. 
Baulicher Ausdruck dieser Basiszellen ist die Wohnung für das 
Existenzminimum heutigen Zuschnitts, der auf einen unverzicht- 
baren Kern zusammengeschrumpfte Raum zum Wohnen, Schla- 
fen, Essen ... das Kerngeháuse. Dieses Kerngehàuse ist weder 
Haus noch Wohnung im klassischen Sinne. Es ist ein in vielfälti- 
ger Weise in die Umwelt integriertes Aggregat. 
Reformsiedlungen 
Auffälligstes Merkmal ist das neue Verhältnis zwischen Gemein- 
schaftsräumen und Kerngehäuse. Die Gemeinschaftsräume 
dringen in den Außenraum vor. Sie besetzen ihn mit den neuen 
Diensten und Bedürfnissen. Beide Aufgaben fordern Raum und 
schaffen neue Raumcharaktere. Ich konzentriere mich auf die 
Frage der Raumcharaktere der Gemeinschaftsräume. Sie schlie- 
Ben an die Kerngeháuse, z. T. scharf geschieden, z. T. übergangs- 
los. In jedem Fall sind sie sozial wie ráumlich vermittelnden Cha- 
rakters. Sie sind weder óffentlich noch privat, weder nach dem 
Modell staatlichen Gehorsams noch nach dem familiárer Gebor- 
genheit geformt. Zugánglich für die Gemeinschaft, sind sie durch 
sichtbare oder unsichtbare Grenzen für die weitere Offentlich- 
keit versperrt. Weder Straße noch Platz, sind sie im klassischen 
Sinne Orte geschlossener Gesellschaften. 
Sie sind alles in allem ein erweiterter, in den Außenraum ge- 
stülpter Innenraum, Außenhäuser. 
Eine Anmerkung in eigener Sache: 79, 89, 922 ARCH* 
Dieses Heft fügt ein weiteres Mosaiksteinchen in das Puzzle einer 
orientierenden Publikationsstrategie von ARCH". Denn was be- 
schreibt esmehr, was nicht schon in 72 ARCH* am Beispiel des 
Grundrisses, in 8989 ARCH" am Beispiel sog. intelligent buildings, 
also Fabrik- und Verwaltungsbauten vorgestellt wurde. In 79 
ARCH haben wir die Organisation des Grundrisses nach dem 
Schema Gemeinschaftsraum — Serviceráume diskutiert (79 
ARCH" ,S.26), in 89 ARCH* den neuen Baugedanken, in dem 
obiges Schema, in seine Bestandteile zerlegt in den Prinzipien 
Outside-Servive, Indoor-City wiederkehrt. (59 ARCH*, S. 22 
ff). 
Neu ist dagegen die Tendenz, die Heftthemen im Zusammen- 
hang zu sehen und als Konsequenz der gesellschaftlichen Moder- 
nisierung zu begreifen. Hierzu ist zu sagen: Sollte es sich bewahr- 
heiten, daB an den Quellpunkten der gesellschaftlichen Produk- 
tion und Reproduktion, der Arbeit und Interaktion (Habermas) 
Entwicklungen zu greifen beginnen, die sich anschicken die Ge- 
selischaftsformation überhaupt umzukrempeln, dann steht mehr 
in Frage als nur die 60er Jahre Themen, Verháltnis Staat — Gesell- 
schaft, soziale Verkehrsformen etc.. In Frage stehen dann viel- 
mehr die Legitimationsbasen dieser Gesellschaftsformation 
selbst. Hierin, in der zerstórerischen Seite des zivilisatorischen 
Prozesses, in der Tendenz also zur Entwertung überkommener 
Arbeitsformen und Beziehungsmuster, ohne dal} absehbar wire, 
welche giiltigen Formen zukiinftig an ihre Stelle treten werden, 
sehe ich den Springpunkt für die Hinwendung zu sinnstiftenden 
Gemeinschaften, heilen sie corporate identity der Firma ... oder 
der Óko-Siedlung ... oder der Gartenstadt ... 
Corporate identities. 
Die ungeliebte Nachbarschaft mag irritieren. Ich denke aber, daß 
sich nur noch durch Aufbrechen der verkrusteten Lager die ver- 
schwiegenen Koalitionen ans Licht zerren lassen, die lángst die 
Gegenwart regieren, der unausgesprochene Schulterschluf zwi- 
schen Óko- und High-Tech-Technokraten, der heimliche Bund 
zwischen Postmoderne und Graswurzelókologie... 
Nikolaus Kuhnert 
Die Arbeiten von Kostulski/Kaut, metron, Schulten und Vandkunsten wurden für 
den „Landeswettbewerb 1987: Ökologisches Bauen“ und die „Bayrische Demonstra- 
tivbaumafinahme des Sozialen Wohnungsbau: Mustersiedlungen in Bayern“ erstellt 
Wir bedanken uns recht herzlich bei Herrn Ohrmann und Herrn Nußberger vom Mi- 
nisterium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein- 
Westfalen und bei der Obersten Baubehórde im Bayrischen Staatsministerium des 
inneren für die Gewáhrung eines Vorabdrucks in ARCH * 
MI
	        

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