Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

soheir Farid. Rami El Dahan 
Klassenraum der Schule in Fares 
mit Malqaf und Salsabil zum Einfangen des Windes 
und zur Befeuchtung der Luft 
ISLAMISCHE ARCHITEKTUR UND DIE 
ARBEITEN VON HASSAN FATHY 
Seit 40 Jahren kämpft Hassan Fathy um angemessene Unterkünfte 
und eine würdige und lebenswerte Umwelt für die Armen Ägyp- 
tens. Er versucht, die verlorene architektonische Identität des nord- 
afrikanischen Landes wieder zu beleben. Denn Ägypten leidet seit 
200 Jahren an Überfremdung: führende Kräfte wollten aus dem 
arabischen Staat einen „Teil Europas“ machen. Die Häuser des frü- 
hen 19. Jahrhunderts sind Imitationen europäischer Architektur- 
konzepte, deren Fassaden mit arabischen Details dekoriert wurden. 
Die Tradition der hochentwickelten ägyptischen Baukunst wird 
durch den europäischen Einfluß völlig ignoriert. 
Später, mit der rapiden Verstädterung um die Jahrhundertwen- 
de, mußte Wohnraum für sehr viele Menschen geschaffen werden. 
Private Unternehmer und die ägyptische Regierung investierten in 
Wohnbauprojekte für die breiten Massen, individuelle Bedürfnisse 
mißachtend und sie als bloße Quantitäten betrachtend. Hassan 
Fathy ist heute der Erste, der sich wieder auf die alte, islamische 
Bautradition bezieht. An ägyptischen Hochschulen dagegen wird 
islamische Architektur nur noch als Stil, als Frage der Historie ge- 
lehrt. Islamische Architektur beinhaltet jedoch mehr: sie bietet 
auch heute lebendige und funktionierende Lösungen und Baufor- 
men - das zeigt die tiefgehende Untersuchung noch vorhandener 
Gebäude. 
Es gibt verschiedene Bautypen islamischer Architektur, die Has- 
san Fathy in ihrer Substanz - nicht als beliebiges Musterbuch - auf- 
gegriffen hat. Die Introversion der Häuser, ein Resultat des Klimas 
dieser Region, unterscheidet die arabische Architektur grundsätz- 
lich von der westlichen. Der Innenhof, der unglücklicherweise aus 
modernen ägyptischen Häusern verschwunden ist, charakterisiert 
das traditionelle Haus: er schirmt das Gebäude von der lauten und 
geschäftigen Straße ab und er speichert die kühle Luft. Obwohl sich 
diese Innenhöfe in ihren Ausmaßen und Proportionen unterschei- 
den, haben sie eins gemeinsam: sie geben dem Haus den Anstrich 
einer friedvollen und heiteren Ruhe 
VERNAKULÄRE ARCHITEKTUR 
Die vernakuläre Architektur, vor allem Oberägyptens und der 
Oasen, zeigt mit vielen Beispielen, wie sich die Menschen ihren 
eigenen Wohnraum schafften. Ohne Unterstützung durch Archi- 
tekten oder Regierungen bildete sich ihre Architektur. Sie ist gelei- 
tet durch Tradition und die Lebensweise der Gemeinschaft - ange- 
fangen bei alltäglichen Bräuchen bis hin zu Bauweisen. Diese Tra- 
dition wurde nicht durch die moderne Zivilisation beeinflußt, da 
über lange Jahre kaum eine Verbindung zwischen Kairo und diesen 
Regionen bestand. Die Pläne dieser Häuser sind sehr einfach und 
wurden direkt an Ort und Stelle durch den Besitzer entworfen. Er 
war der einzige, der seine Bedürfnisse, seine Lebensweise und seine 
Ansprüche genau kannte. So wie in den Stadthäusern Alt-Kairos, ist 
auch hier der Innenhof das lebendige Element des Hauses. In ihm 
wird gekocht, gegessen und sogar - in heißen Sommernächten - ge- 
schlafen. Alle Räume des Hauses sind einfach um ihn herum ange- 
legt und zu ihm hin geöffnet. 
Die Bewohner dieser Region sind mit den traditionellen Bau- 
techniken vertraut. Um ihre Häuser zu bauen, verwenden sie Lehm 
und Palmen - alles Materialien, die in ihrer Umwelt zu finden sind. 
Der Lehm wird mit Stroh angemengt und ein paar Tage zur Fer- 
mentierung liegengelasssen. Diese leichte und feste Mischung 
kann dann weiter zu Lehmziegeln verärbeitet oder als Verputz- 
material verwendet werden. Aus den Palmstämmen werden die 
Dächer gezimmert und mit den Palmwedeln gedeckt. Hierauf 
kommt noch eine Lage Lehm zur besseren Isolierung. In einigen 
Dörfern wird immer noch die alte Kuppel- und Gewölbetechnik an- 
gewandt. Für ihre Konstruktion müssen die Lehm-Ziegel, die be- 
stimmte Abmessungen haben, mehr Stroh als gewöhnlich enthal- 
ten, damit sie leichter und stabiler sind. Ohne die Hilfe einer Holz- 
schalung umreißt der Maurer die parabolische Form des (Ton- 
nen-)Gewölbes in Lehm auf die Giebelwand des Raumes, die 
höher als die beiden Seitenwände gezogen wird. Dann legt er die 
Ziegel Stück für Stück an diese Wand. Nach fünf bis sechs Schichten 
formen sie einen geneigten, parabolischen Bogen, der an die Gie- 
belwand gelehnt und von den Seitenwänden gestützt ist. Dieser Bo- 
gen wird langsam vervollständigt, bis der ganze Raum bedeckt ist. 
Lehmziegel-Kuppeln werden bei quadratischen Räumen ver- 
wandt. Die Wände des Raumes werden bis zu einer bestimmten 
Höhe errichtet; dann legt der Maurer die Ziegel in Runden Schicht 
auf Schicht, bis die Kuppel geschlossen ist. Ein im Mittelpunkt der 
Kuppel drehbarer Richtstab ermöglicht es ihm, den jeweiligen Ab- 
stand der einzelnen Ziegelschichten zum Mittelpunkt einzuhalten. 
Einige, durch ihre Bewohner erbauten Gemeinden zeichnen sich 
neben der architektonischen auch aus durch eine soziale Qualität: 
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