Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

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Thomas Weil 
Fassadenstudie 
für ein Landhaus. 
Gouache 
auf Papier, 1937 
HASSAN FATHY - EIN ARCHITEKT, 
DER MIT DEM HERZEN DENKT. 
Hassan Fathy hat seine Bauten und Thesen zunächst nur für seine 
Heimat Agypten, für den islamischen Kulturbereich, ganz allge- 
mein, für die Dritte Welt konzipiert. Für uns sind sie optisch keine 
Anregung uns inhaltlich keine Antwort auf unsere Fragen, dazu ist 
diese Welt und doch zu fremd. Das was er auch uns zu sagen hat, ist 
ganz generell, wie man als Architekt mit Menschen umgeht und wie 
man Grunderkenntnisse über Behausung, wie sie die Menschen 
überall auf der Erde seit Jahrtausenden gemacht haben, ernst 
nimmt, prüft, und auf den heutigen Stand bringt. Dabei ist ein ähn- 
licher Maßnahmenkatalog entstanden, wie im Buch „A Pattern Lan- 
guage"von Christopher Alexander, nur umfaßt sein Katalog noch die 
Herstellungskosten, die Materialien, das Klima, die Herstellung- 
stechnik und das soziale und religiöse Verhalten. Wie für Christo- 
pher Alexander, ist auch für ihn die Asthetik eine Größe unter 
anderen. Die Qualität eines Gebäudes entscheidet sich durch die 
Anzahl berücksichtigter Grunderkenntnisse und nicht durch ein 
zeitgemäßes Finish. 
Wir sind heute im Westen wieder mitten in der Stildebatte, über- 
spitzt gesagt, Fassade ist alles. Inhaltliche Probleme, die sich erst da- 
hinter abspielen, sind im Moment zweitrangig. Selbst die Einord- 
nung in Mikro- und Makrokosmos ist auch nur dann von Interesse, 
wenn sie sich in den wieder Mode gewordenen Schaubildern auch 
grafisch verwerten läßt. Was uns im Stil als das große Heil angeprie- 
sen wird, ist geschichtlich betrachtet, alles andere als ermunternd. 
Wieviele Stile samt Kollegen sind in diesem Jahrhundert schon ver- 
schlissen worden. Wer nicht Anhänger von Charles Darwin ist, wird 
feststellen, daß dieser Stildruck unmenschlich ist, nicht aus der Sa- 
che kommt und mühsam erworbene Grunderkenntnisse immer 
wieder in Frage stellt, und so für Bedürfnisbefriedigung in Sachen 
Architektur auf die Dauer unproduktiv ist. Diesem Druck hat sich 
Hassan Fathy nie ausgesetzt und kann deshalb, über achtzig Jahre 
alt, in Ruhe immer noch schöpferisch tätig sein. Er hat mit seinen 
Gedanken und Konzepten auch nie einen unverwechselbaren Per- 
sonalstil kultiviert und sich damit in den Markt gedrängt. Er hat 
Grunderkenntnisse gesammelt und auf westliches Know-How ge- 
bracht. So aufbereitet, hat er sie dem anonymen und schlecht be- 
hausten Rest der Menschheit wieder zur Verfügung gestellt, der im- 
merhin über % der Weltbevölkerung ausmacht. Der Westen hat mit 
seinem „Neuen Bauen“ das anonyme Bauen erst einmal verdrängt, 
jedoch damit keine ökonomische, klimatische oder soziale Alterna- 
tive geboten, sondern die Betroffenen vor allem in der Dritten Welt 
damit obdachlos gemacht. Es ist doch klar, daß ein Architekt, der 
sich sein ganzes Leben lang mit solchen Fragen beschäftigt hat, 
wenn er im Alter noch im Vollbesitz seiner Kräfte ist. aufgrund sei- 
ner langjährigen Erfahrung immer be‘ ‚er darüber Auskunft geben 
kann. Dabei hat er in den Zwanziger Jahren bei Clemens Holzmei- 
ster studiert, kennt die Aufbruchstimmung dieser Zeit und unsere 
westlichen Probleme, hat sich davon aber nicht irritieren lassen. 
Wenn ich da an Josef Hoffmann denke, einen von mir sehr ge- 
schätzten, typischen Vertreter des Westens, welch ein Stilzwang. 
Bis zum Löffel mußte alles in die gerade herrschende Optik hinein- 
gepreßt werden, zum Teil wurden dabei Grunderkenntnisse be- 
wußt vergewaltigt, nur um damit umso eindeutiger nach kurzer Zeit 
wieder „out“ zu sein. Auf die ganze Lebensspanne bezogen, sieht 
die Gleichung so aus: Für wenige Jahre beansprucht die Arbeit ei- 
nen von früh bis spät, nachher hat man zuviel Zeit. Ganz anders ist 
das Verhältnis von Hassan Fathy zur Zeit. Zu ihm können Sie, trotz- 
dem er weltberühmt und auch belagert ist, ab vier Uhr nachmittags 
unangemeldet zum Tee kommen, er öffnet Ihnen sogar die Tür und 
bietet Ihnen persönlich einen Platz an. Probieren Sie das einmal bei 
einem Kollegen, der hier gerade „in“ ist. 
In der Dritten Welt und in den USA ist Hassan Fathy längst be- 
kannt, bei uns kaum, zuerst deshalb, weil er auf den ersten Blick op- 
tisch nichts bieten kann. Was wir brauchen, sind ständig neue Anre- 
gungen und formale Alternativen. Seine Bauten sind zwar zeitlos 
aber doch zu exotisch. Außerdem sind Kuppel und Wölbung heute 
nicht mal mehr im Sakralbau gefragt. Bleiben noch seine Thesen, 
gut, wir haben zwar Handel mit der ganzen Welt, aber wer liest 
schon gern in Englisch, noch dazu Texte, die ohne die Bereitschaft 
mitzudenken nicht verständlich sind, da sie nicht direkt auf unsere 
Situation zutreffen. Dabei wäre es schon allein als Phänomen inter- 
essant, nachzulesen, wie ein Mann aus der Dritten Welt, der noch 
dazu im besten Englisch und Französisch in absolut poetischer 
Form spricht und schreibt, es gewagt hat, dem westlichen Architek- 
turwahnsinn gedanklich die Stirn zu bieten und das auch noch mit 
hervorragenden Häusern bewiesen hat. 
Mein Eindruck ist, daß wir seit den Zwanziger Jahren nicht mehr 
über Architektur nachdenken und folglich auch nichts mehr darü- 
ber zu sagen haben. Eine Übersicht über Titel zum Thema Woh- 
nungsbau zeigt das. Die Themen „Neue Stadt“, „Minimalwoh- 
nung“ und „Vorfabrikation“ scheinen uns so ausgezehrt zu haben, 
daß bereits unter Hitler nur noch „speerlich“ gedacht wurde und 
sich diese für die Architektur so wichtige Funktion in den Fünfziger 
Jahren weitgehend erschöpft hat. Im aktionistischen Rausch des 
Wiederaufbaus sind wir alle der Verführung erlegen, das Handeln 
über die Reflexion zu stellen. Früher habe ich mich noch für meine 
Zukunft geschämt, wenn ich monatlich das Deutsche Architekten- 
blatt aufgeschlagen habe und mich zwischen den scheußlichen 
AO
	        

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