Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

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Fassadenstudie mit Hof, Gouache auf Papier, 1950
Reklamen vergeblich auf die Suche nach einem brauchbaren Satz
gemacht habe. Heute wundert es mich nicht mehr, wenn mir ein renommierter
 Kollege als Geheimtip zuflüstert, die Fünfziger Jahre
seien wieder im Kommen, wobei er damit die Rasterfassade meinte,
 die man problemlos wieder links und rechts abschneiden könne;
oder die kontroversen Standpunkte von Rogers, Kohlhaas und Ungers
 in der letzten ARCH, wo nicht mehr spiirbar ist, fiir welche Art
von Menschen eigentlich diese Architektur gemacht wird. Wenn
Menschen nur noch die Rolle von Füllmaterial und Statisten haben,
dann ist die Architektur ihres Inhalts beraübt. Über eine Sache ohne
 Inhalt, läßt sich dann auf Dauer nicht mehr nachdenken, und als
Folge davon, auch nicht mehr sprechen. Darin liegt der Grund für
die weitgehende Sprachlosigkeit der Architekten und ihr absurdes
Lamento von der Gesellschaft nicht gehört zu werden, statt zu merken,
 daß sie gar nichts mehr zu sagen haben. Inhalte lassen sich
auch nicht verordnen, wie uns die Tagespolitik einreden möchte,
sondern sie kommen aus einer tiefgreifenden Empfindung, die wiederum
 die Basis für das Denken und Handeln ist. Als Begründung
mag genügen, daß wir uns eine staatlich verordnete Empfindungslosigkeit
 gegenüber der eigenen Spezies geleistet haben und den
Mangel an Inhalten, als Folge davon, nicht mehr zur Kenntnis nehmen.
 Auch vierzig Jahre Frieden haben daran nichts geändert. Wer
den Wohnwert von Neubauwohnungen der Fünfziger mit denen
der Achtziger Jahre vergleicht, wird feststellen, daß die Talfahrt sogar
 noch weiter anhält. Stellen wir einmal unsere weitgehend unbewußt
 geübte Menschenverachtung der Haltung Hassan Fathys gegenüber.
 Ein Beispiel: In Agypten sterben jährlich tausende von
Reisbauern an Bilharziose, einer Parasitenerkrankung. Sie wird hervorgerufen
 von kaum sichtbaren Würmern, die sich in stehenden
Gewässern aufhalten und sich durch die Fußsohlen ihrer Opfer
bohren und so in den menschlichen Organismus gelangen. Seit
zwanzig Jahren hat BAYER einen Milliardenauftrag etwas dagegen
zu tun, bisher ohne Erfolg. Einzige Erkenntnis ist sicher, die Gewässer
 auszutrocknen oder zum Fließen zu bringen, ein Projekt, das
wiederum Jahrzehnte braucht. Solange die erhoffte chemische
Wunderwaffe ausbleibt, muß man sich damit abfinden. Hassan Fathy
 hat sich damit nicht abgefunden und kam auf die Idee, Hosen
aus Leinen, ähnlich unseren Fischerhosen zu nähen, mit Leinól zu
tränken, um so wenigstens in den verseuchten Gewässern arbeiten
zu können, eine Maßnahme, mit der sich die Betroffenen selbst helfen
 können. Statt des menschenverachtenden Prinzips des Vertróstens,
 des Delegierens an Spezialisten und des Verbrauchens von
Unsummen anonymer Gelder, das Prinzip des Betroffenseins, des
Mitempfindens und der Suche nach sofortiger Abhilfe mit móglichst
 geringen Mitteln. Dafür hat er 1980 den alternativen Nobelpreis
 erhalten. Sicher, die eine Maßnahme schließt die andere nicht
aus, nur, wenn man die dringenden Probleme der Mitmenschen
nicht empfindet, dann kann man auch nicht langfristig effektiv über
sie nachdenken. Nach dem gleichen Prinzip fand er die Lehmziegelarchitektur.
 In seinem Buch „Architektur for the Poor“ beschreibt er

Fassadenstudie
die Zugfahrten von Kairo zum Sommerhaus der Eltern nach Alexandria,
 durch das Delta, eine ungemein fruchtbare, üppige und paradiesische
 Landschaft. Wie in Vorzeiten arbeiten hier die Bauern
mit ihren Tieren auf den Feldern, wo einfach alles an Früchten und
Gemüsen in einem solchen Überfluß wächst, wie wir uns es hier
nicht vorstellen können. Schattige Palmenhaine wechseln mit bunten
 Feldern und Bäumen. Tiefer Frieden, Harmonie und intensive
Schönheit sind für jeden ein unvergeßliches Bild, genauso unvergeßlich,
 wie die Löcher, worin diese wunderschönen und glücklichen
 Menschen hausen. Niedrige, dunkle und krumme Wände aus
Mist und Lehm, keine Fenster, windschiefe Bretter als Türen und
als Dach eine Mischung aus Palmstrünken und Kuhmist, ein Eldorado
 für alles Ungeziefer, was es auf den Menschen abgesehen hat.
Seit über hundert Jahren fahren nun Fremde und Einheimische auf
dieser Strecke, nehmen das zur Kenntnis, nebenbei hat sich das
Dank der Überbevölkerung noch verschlimmert, aber keinem fällt
auf, daß diese Elendsbehausungen in schärfstem und wirklich nicht
gottgewollten Kontrast zur Schönheit und Würde der Natur und der
dort lebenden Menschen steht. Vor der altägyptischen Kunst stehen
 alle ergriffen, vor der Schönheit, der Harmonie und dem tiefen
Frieden, den sie ausstrahlt, Qualitäten, die auch heute noch auf dem
Land sichtbar sind. Aber die alten Agypter, die solch eine Kunst gemacht
 haben, können doch nicht in solchen Löchern gehaust haben.
 Das hat Hassan Fathy einmal empfunden und das hat ihn nicht
mehr losgelassen. Nach zwanzig Jahren hatte er die Lösung. Weit
entfernt, hinter Assuan wurde noch so gebaut, wie damals, aus
Lehmziegeln, mit gewölbten Decken, die ohne Schalung gemauert
werden, Häuser in einer Qualität, die räumlich nur vergleichbar ist
mit den Kapellen und Kirchen in Griechenland. Für ihn war eine
Verbindung von Architektur und Wissenschaft nie ein Problem,
nur kam er als erster auf die Idee, die alten Baumethoden der Dritten
 Welt wissenschaftlich zu untersuchen. Er hat deshalb sofort
beim ersten Musterhaus Wärmedurchgangswerte gemessen und
dabei die sensationelle Entdeckung gemacht, daß Lehm als Baumaterial
 für das Klima in Agypten geradezu ideal ist. Alle anderen Entdeckungen
 über Lüftung, Kühlung, Belichtung kamen später.
Wenn man die Tabellen und Listen im Anhang von „Architectur for
the Poor“ liest, erinnert einen das an die Kollegen der Zwanziger
Jahre, die bis zum letzten Pfennig, die Seriosität ihres Vorgehens
nachrechneten, etwas, was mittlerweile völlig verschwunden ist.
Eher sind uns Kollegen bekannt, die auf der Titelseite ihren Hut
aufhalten. Gleichzeitig mit der Beantwortung der wissenschaftlichen
 und technischen Fragen, die zunächsteinmal eine solche, wieder
 neue, weil vergessene, Bauweise aufwarf, suchte er nach dem
richtigen Erscheinungsbild. Von ihm war ja der Kontrast von Haus
und Umgebung der Ausgangspunkt seiner Entdeckung, darum galt
es jetzt das Gegenteil darzustellen, eine Landschaft, das darin harmonisch
 eingebettete Haus und der Mensch mit seinen Tieren und
Pflanzen. In zehn Aquarellen, hat er eine neue, menschenwürdige
Architektur proklamiert. Mit Poesie und Wasserfarbe, statt mit

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