Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

S ie bemerken, der Alptraum der autonomen Künste und die D ijeser Herausforderung haben sich sowohl die selbstbe- 
Heerscharen der selbstbestimmten Künstler sind ver- stimmten Künste, als auch die autonomen Wissenschaften 
schwunden und mit ihnen auch der endlose Troß all der Interpre- bewußt entzogen. Die einen, weil sie subjektiven Ausdruck an- 
ten, Pädagogen und Sinnstifter. Sie sind im Spektakel zergangen strebten, statt allgemeinen Eindruck zu machen, die anderen. 
wie Rauch vor starken Winden. Geblieben ist nur die Kunstfer- 
tigkeit, die Sinne zu bezaubern; freilich nicht, um zur irgendei- 
nem Zeitpunkt über den Schein hinwegzutäuschen - wie wir es ja 
zu jeder Zeit in der Wirklichkeit befürchten müssen -sondern um 
spielerisch diese Gefährlichkeit der Welt mit ihrem eigenen sinn- 
lichen Stoff zu ent-täuschen. Die Täuschung der Welt ist ja gera- 
de deshalb so gefährlich, weil sie über ihre eigene Täuschung hin- 
wegzutäuschen versucht. Sie gibt vor echt zu sein, und wo sie das 
schon nicht selber glaubt, so möchte sie uns doch glauben ma- 
chen, es zu sein. Spektakuläre Gesamtkunstwerke sind dagegen 
von vorneherein Trug und machen daraus auch überhaupt keinen 
Hehl. Sie wollen die Sinne unterhalten, aber niemals die Skepsis 
betören; und genau das würde ich als eine sich selbst aufklärende 
Aufklärung begrüßen. 
In spektakulären Gesamtkunstwerken zerrinnen Werte und 
Moral wie Sand zwischen zittrigen Fingern, denn wie sonst sollte 
man die entbehrte bunte und schäbige Wirklichkeit simulieren? 
Es wäre naiv und abwegig anzunehmen, die Selbstinszenierun- 
gen einer Gesellschaft würden auf Sex, Crime, Katastrophen, 
überhaupt auf Sensationen aller Art verzichten können. Doch 
wie knauserig und dürftig erscheinen da Zeitungen, Journale, 
Fernsehen etc. neben Amphitheatern, Mysterienspielen oder ba- 
rocken Festen. Hier wäre an die lapidare Bemerkung Goldonis 
zu erinnern, daß nämlich ein Spektakel erst dann wirklich gelun- 
gen sei, wenn es auch Kasse gemacht habe. Natürlich werden 
auch schlechte Stücke beklatscht, aber nicht weil sie schlecht 
sind, sondern weil bessere fehlen. Wir werden solange auf spek- Fraktal 
takuläre Gesamtkunstwerke warten müssen, solange autonome 
Künste und Künstler über gut oder schlecht befinden, solange In- 
terpreten, Experten und andere Sinnvermittler über gut oder bö- 
se entscheiden. Das Gelingen oder Mißlingen eines spektakulä- weil sie objektive Widerspruchsfreiheit forderten, anstatt sinnli- 
ren Gesamtkunstwerkes wird nicht mit dem Meter spekulativer che Intelligenz zu beachten. Es ist in den letzten 200 Jahren sehr 
Sinngebung gemessen, sondern allein mit der Elle sinnlicher In- viel über Anima und Wellenlängen nachgedacht worden, es wur- 
telligenz den die Motive in der Seele. die Reize im Gehirn immer weiter
	        

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