Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

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verfolgt; und dabei ist ja auch sehr viel Interessantes und Wis-/ 6 nicht zu scheuen braucht. Beide „Ornamente“ unterhalten die 
senswertes herausgekommen; doch soweit und solange man sich! sinnliche Intelligenz der Ahnungslosen... wie auch der Nach- 
von diesen Anstrengungen auch vorwärtstreiben läßt, eines wird. denklichen; und genau so sind die Bausteine eines spektakulären 
man niemals finden, nämlich etwas so scheinbar Einfaches wie (Gesamtkunstwerkes beschaffen. 
Rot oder Grün, wie Begreifbares, Bitteres oder Gestank. Diese 
eigentlichen Grundstoffe spektakulärer Gesamtkunstwerke auf 
der einen Seite und die Ideale autonomer Wissenschaften und 
Künste andererseits liegen zueinander völlig verquer. Die Intelli+ SS 
genz des Ohngefähren verträgt eben weder den Hang zur objekti- . 
ven Präzision, noch die Neigung zur subjektiven Beliebigkeit. 
Wer also spektakuläre Gesamtkunstwerke befördern möchte, 
wird die abschüssigen Ideale der Wissenschaft und Kunst meiden 
und vielmehr dort Unterweisung suchen, wo die Herausfor- I ch möchte mein Resumee in einem allgemeineren Zusam- 
derung sinnlicher Intelligenz bereits angenommen wurde. menhang geben. Nicht erst seit Luther hat sich die private 
Da wäre zunächst das Militär. Solange es simuliert, herrscht! Verfügbarkeit im stillen Kämmerlein vom persönlichen Gott un- 
Frieden. Seine Flugzeuge, Panzer, U-Boote und Raketen sind, merklich auf alle nur erdenklichen Güter übertragen. Der kolos- 
mitterweile so immens teuer und so absurd gefährlich geworden, sale Rückschritt, beispielsweise von den Thermen zur Naßzelle;, 
daß deren Bedienung nur noch in fiktiven Welten trainiert wird.. vom feudalen Perspektivtheater zum bürgerlichen Fernseh- 
Da wären zum zweiten diejenigen Mathematiker, die nicht mehr  schirm, oder vom barocken Fest zum Walk-man, also der durch- 
logische Leistung mit Intelligenz verwechseln und mit ihrer Sy-! weg verdrängte sinnliche Rückschritt sollte nicht mehr spekulativ 
stematik des Ohngefähren auf die sinnliche Wahrnehmung ver-/ künstlerische Dämonenkulte, sondern vielmehr sinnlich intelli- 
weisen. Da wären schließlich diejenigen Ingenieure, welche wie. gente Skepsis zum „Aufbruch“ herausfordern. Ich habe nichts 
der den Grundsatz befolgen, die Natur nachzuahmen und begon-_ gegen Herrgottswinkel, gleichgültig ob die Botschaften nun von 
nen haben, neuronale Erkennungsmaschinen zu konstruieren. nahegelegenen Kirch- oder Fernsehtürmen, ob sie von Satelliten 
Natürlich steckt das alles noch in den bescheidensten Kinder-_ oder aus entfernteren Himmelsgegenden kommen; aber wenn 
schuhen. Aber wie lange hat es gedauert, bis die Trassierung der man Herrgottsschnitzer eine Kirche bauen läßt, muß man sich 
Festungsanlagen in französischen Gärten zur Geltung kam? Wiel nicht wundern, wenn heute ein Park voller Gartenzwerge heraus- 
mühsam entwickelte sich die Kunst der Feuerwerke aus der Artil- kommt. 
lerie, die Kunst der Wasserspiele aus den Fähigkeiten der Pionie- Als man einer jungen französischen Marquise diesen völlig 
re. Welche mathematischen Anstrengungen waren nötig, damit! neuartigen Altar von Bernini (unten links) zeigte, lächelte sie ih- 
die Perspectivisten die Kunst der Kulissen, der scena frons, der ren Begleiter an und meinte: „Ach, wenn das die himmlischen 
scena per angelo, der Scheinkuppeln und Festapparate be- Freuden sind, dann kenn ich sie ja nur zu gut!“ — Goya schrieb ein- 
herrschten? Wieviele Uhrwerke mußten ersonnen werden, bis mal auf die Rückseite seiner berühmten schlafenden Vernunft 
man mit ein paar Latten, grober Leinwand und bunten Farben ei-__ (unten rechts): „Die sinnliche Vorstellungskraft vereint mit der 
ne fiktive Welt aufschlagen und fortwährend verändern konnte? Vernunft ist die Mutter der Kunstfertigkeiten!“ 
Die Textabbildung nebenan zeigt, wie weit es die Mathematiker 
bereits mit einer Systematik des Ohngefähren gebracht haben. Meine Damen und Herren: Nicht das Erblühen der Sinne, 
Sie sehen ein Fraktal, das den Vergleich mit der Rocaille auf Seite! wohl aber der Schlaf der Skepsis gebiert Ungeheuer ® 
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