Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

an ihren richtigen Platz gesetzt; jedes Pixel schen Geräte, mit den anderen menschli- 3. Die „Immaterialien“ können nur exi- 
läßt sich in einer visuellen Charakteristik: chen Sinnen umzugehen. stieren insofern die technische Umwelt zu- 
Intensität, Farbe usw. ausdrücken. Das „Nicht berühren“ ist ein Tabu. Der äs- verlässig, stabil und sicher ist. 
thematische Bild ist also die Übersetzung, thetische Genuß läßt sich durch viele Me- 4. Die Widerspiegelung von Phänome- 
zuerst durch Analyse, und dann durch dien erzeugen, alle Nah-Sinne gehörenad nen, Gegenständen, Bildern strebt nach 
Synthese, von irgendeinem physikali- initio, prinzipiell zum Königreich der WUniversalität in Zeit und Raum; sie 
schen beobachteten Punkt der Welt. Kunst. Einige Zivilisationen kennen die- schließt das imaginäre Museum ein, die 
Dieses Prinzip wurde zuerst von Geo- sen Umstand. Und die Technologienspre- imaginäre Bibliothek, aber sie bringt auch 
grafen und Kartografen in der „themati- chen eine deutliche Sprache: Wir müssen die Allgegenwart der Technik. 
schen Kartografie“ benützt; heute ist es jetzt die Welt der Nah-Sinne entdecken 5. Das Bild, die Klänge — die Imagos sind 
die Grundlage des „Scanning Verfah- und explorieren. Man arbeitet in den La- Teil der elektronischen Mittel. Sie erlau- 
rens“, daß philosophisch bedeutet, das al- boratorien daran. Z.B. ist es schon jetzt ben die Verwandlung von allem in alles. 
le Aspekte der Welt visualisierbar sind. möglich, durch Impulse Computer zu Also lösen sie den kategorischen Unter- 
Alles was physikalisch ist, kann sichtbar steuern. schied zwischen den Bildern auf, und da- 
gemacht werden, keine materielle Eigen- Was hieße dann Immaterialität im Feld her den Unterschied zwischen Dingen und 
schaft der Materie bleibt mehr verborgen. des Tastsinnes? „Berühren“ war sicher in Bildern. 
der antiken Philosophie das perfekte 6. Immaterielle Kultur basiert auf einem 
Synonym des Konkreten, der Objektivie- riesigen Netzwerk von Kabeln, auf einem 
rung der Materialität. Hier eröffnet die Gewebe planetarischen Maßstabs. Sie 
Immaterialität der Illusion ein Imago mit führt die Ubiquität ein, und die potentiale 
seinem ganzen künstlerischen Potential: Ewigkeit der Ereignisse. 
wir brauchen eine neue Kreativitätundsu- 7. Der Unterschied zwischen Künstler 
chen neue Erfinder für taktile Gestalten und Zuschauer verschwindet. Die Sponta- 
und taktile Dynamiken. Das surrealisti- neität als Bedingung von Kreativität gibt 
sche Motto „warum nicht?“ negiertgrund- es nursolange, wie die technische Umwelt 
sätzlich die alte Antwort „es ist technolo- stabilund sicher, und so lang das Individu- 
gisch unmöglich“. Nun ist es möglich und um aktiv ist, und Zeit hat. 
das Beispiel des Tastsinns ist nur ein Teil 8. Die immaterielle Kunst ist heute im 
TAKTILE der neuen technologischen Welt der Emp- wesentlichen eine Welt von Bildern und 
IMMATERIALITÄT? findungen. Entdecken wir eine neue Im- Klängen, allgemein eine ästhetische Welt 
x materialität, eine neue illusorische Wie- der Fernsinne. Aber es gibt, außer der 
deraufnahme, die konkreter als alle Emp- Technologie, keinen Grund, eine immate- 
D as Wort Immaterialität bedeutet all- findungsmöglichkeiten wäre, und die ein rielle oder elektronische Kultur nicht auf 
gemein: „nicht berühren“; es ist neues Feld für den Künstler eröffnet. den Nahsinnen aufzubauen 
mehr oder weniger Synonym mit der Idee: Also, insofern die Kunst eine program- 
“Das Bild ist alles, das Bild liefert das Ima- mierte Sensualisierung der Umwelt ist, 
go, und alles wird durch die Fern-Sinne: öffnet sich für den Künstler ein neues 
sehen und hören wahrgenommen. Die Feld: die Welt der Abtastungen, des Ge- 
Welt wäre mit beiden Sinnen komplett, ruchs, der Kontakte, der unmittelbaren 
ausreichend für die Aktionen und Genüs- Sensualität 
se des Menschen. Diese Interpretation ist 
ein Irrtum. Darin liegt eine historische 
Unterschätzung der Welt der Empfindun- ZUSAMMENFASSUNG 
gen; eine epistemologische Beschränkung 
der menschlichen Sensoralität, eine Be- 1. Immaterielle Kultur, einschließlich der 
grenzung des künstlerischen Freiheitsfel- Kunst, ist eine Kultur der Widerspiege- 
des. - Ss lung der Ereignisse durch elektronische Auszüge aus einem Vortrag, den Abraham Moles am 1. 
Man vergißt zu leicht, daß es andere Geräte heutiger Technologie. Juli 1988 in Karlsruhe gehalten hat. Er sprach dort zum 
Empfindungen und anderen Wahrneh- 2. Immaterielle Kultur wird grundsätz- Thema: „Können wir eine immatrielle Kultur errei- 
: N - . . . x chen? Die Dialektik der Immaterialität‘“. Einlader war 
mungen gibt. Man beschränkt sich abusiv lich durch die technische Welt getragen. die Forschungsstelle Angewandte Kuturwissenschaft. 
auf die Fernsinne, aber es gibt keinenprin- Das post-industrielle Zeitalter ist zunächst 
zipiellen Grund für diese arbiträre Aus- ein industrialisiertes Zeitalter, das seine Abbildungen: 
grenzung, nur die Grenzen der techni- Werkzeuge überschreitet Les Tmmairinix, Taris, 1956 
Al
	        

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