Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Zu diesem Heft Ein 
; ARCH* 
BALANCE ‚u 
konstruktion ? — 
Man kann es hören, 
das Gemurmel: jetzt jagt 
ARCHT* auch den neuesten 
Architekturmethoden nach! Nun, 
(a) von neu kann nicht die Rede sein, a- 
sl ber Mode ist zweifellos richtig. Mit der 
New Yorker Ausstellung im Museum of 
Modern Art hat sich Philip Johnson noch 
einmal als großer Architektur-Couturier 
betätigt — und jetzt scheiden sich die Gei- 
ster an der Frage, ob der Deckel Dekon- 
struktion auf den servierten Topf paßt 
bzw. ob die Ingredienzien im Topf nicht zu 
heterogen sind. Doch das ist eigentlich ei- 
ne ziemlich unwichtige, zumindest zweit- 
rangige Frage. Weist nicht das Phänomen 
‚Dekonstruktion‘ auf einen tiefersitzen- 
den Sachverhalt? Gegenüber der Kunst ist 
die Werbung ein viel sensiblerer Seismo- 
graph für die Beschaffenheit der Zeit oder 
die Befindlichkeit der Zeitgenossen — und 
das dekonstruktive Repertoire der Wer- 
bung ist nicht von schlechten Eltern. Han- 
delt es sich bei der dekonstruktiven Archi- 
tektur also doch nicht nur um eine Mode, 
sofern man Mode als eine oberflächliche 
Erscheinung betrachten will? 
Dekonstruktive Architektur gilt in ihrer 
Verweigerung ‚biederer‘ Ordnungsvor- 
stellungen und Gradlinigkeit als zeitkri- 
tisch. Das postmoderne Harmoniestre- 
ben, die Suche nach Vollkommenheit in 
Form und Ausdruck wird kategorisch ab- 
gelehnt. In dieser Welt gibt es nichts zu be- 
schönigen. So äntwortet Eisenman auf 
(seine?) Entfremdung, indem er gleich 
jeglichen anthropomorphen Maßstab ab- 
schaffen will. Tschumi verneint jede Uto- 
pie und spiegelt die ‚anarchische Realität‘ 
in Zersplitterungen. Für Gehry wird der 
Fisch zum provokanten Symbol seines 
Andersseins und tritt an die Stelle einer 
Säulenordnung. Koolhaas und Hadid be- 
freien sich aus festgezurrter Statik (des 
Bauens, der Verhältnisse?) mit Ironie und 
Hedonismus. Da sollen die Häuser genau- 
so abheben wie der dynamische Jetsetter 
und heimatlose Weltnomade. Libeskind, 
von dem wohl niemand behaupten kann, 
daß er ihn verstünde, verhüllt sich in kryp- 
tisch, labyrinthischer Trauer, die irgend- 
wie mit Holocaust und Atombombe zu- 
sammenhängen soll. Coop Himmelblaus 
Architektur muß weh tun, damit nur kei- 
ner Gefahr läuft, die Aggressivität dieser 
Welt zu vergessen usw. usf. 
Wenn all dies als kritischer Impetus zu 
deuten ist, so kleidet er sich doch in das 
merkwürdige Paradoxon einer affirmati- 
ven Ablehnung. Von daher scheint es 
sinnvoll, nicht nur zu klären, was Dekon- 
struktion ist und meint, sondern auch, wie 
eine Zeit beschaffen ist, die die Lust und 
Faszination an der Dekonstruktion her- 
vorbringt. 
»9
	        

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