Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Paradigmas architektonischer Konstruktion technischen Welt aus ihrer Herrschaft zur wird. Dagegen wäre auch gar nichts einzu- 
gebracht. Dienstschaft innerhalb des Bereiches, wenden, schließlich hat etwa Karl Heinz 
Die Dekonstruktion hingegen zielt gegen durch den der Mensch eigentlicher in das Bohrer in ganz anderer Hinsicht auf die ro- 
die teleologische Ausrichtung der Kon- Er-eignis reicht.“ mantische Genealogie des sich allen Nor- 
struktion und nicht nur auf die Auflösung im Natürlich vermeidet Derrida aus guten men entwindenden ästhetischen Bewußt- 
Rückgang auf den uneinholbaren Ursprung, Gründen den „Jargon der Eigentlichkeit“, seins hingewiesen, das vom Augenblick, 
in dem eine Ordnung sich als „mögliche doch ist in seiner Hinwendung zum Ereignis von der Plötzlichkeit, eben von dem sich 
Welt“ relativiert und andere „Weisen der ein Hang zur Reinheit eingeschrieben, der jenseits des bewußt handelnden Subjekts 
Welterzeugung“ (Nelson Goodman) auf- durch jeden bestimmten Gehalt sich gefähr- Sich-Ereignendem fasziniert ist, doch hat es 
scheinen läßt. Sie willdem Unplanbarenund det wähnt. Davon zeugt die inflationäre Ver- als verallgemeinerndes eine politische Indif- 
Sinnlosen Platz einräumen, das in keiner wendung der Negation sowie die Vorliebe ferenz zur Folge, die haltlos allem, was Er- 
Weise oder in der alten Weise einer negati- für Uneindeutiges. Alles offenhaltend —we- eignis zu sein verspricht, verfallen kann. Wie 
ven Theologie zu benennen, gar zu bauen der eine Theorie, eine Ethik, eine Politik auch immer man diese durchaus moderne 
wäre. Wenn die Dekonstruktion aber wiein noch eine Erzählung, soll alles statthaben Faszination am Unverfügbaren in einer kei- 
der Architektur zum nicht nur manieristisch können und doch nicht sein. Daß man nun ne utopischen Perspektiven mehr gewäh- 
spielenden Konstrukteur wird, gerät ihre nicht mehr gerade, sondern schief und renden Gesellschaft interpretieren mag, der 
Strategie in eine Verlegenheit: Wie läßt sich krumm baut, mag irritierend sein und archi- Bezug zu einem profanen Heiligen läge dem 
ein notwendig konkretes Gebilde — ein Sei- tektonische Normen verletzen, die Statik etwa nicht fern. So entspricht der Ereignis- 
endes — so konstruieren, daß es zugleich des umbauten Raumes bleibt darin be- haftigkeit jedenfalls weniger eine konstruk- 
völlig unbestimmt bleibt, aber auch nichtnur wahrt. tive Deformation, als eher eine Unterbre- 
Mittel eines Zwecks ist, das Unbestimmte — chung der zeitlichen oder räumlichen Konti- 
„das, was ankommt“ — zu beherbergen? nteressant ist daher Derridas Ausflug in Uität. 
Übrigens ist das ein Problem, das strukturell | die Architektur, die durch und durch Kon- 
der Spekulation über das Absolute gleicht, struktion Planung und Technik. ist. In der V erwandt mit dem, was Lyotard unter 
das nur eben jetzt unter der sicher sehr ge- Konfrontation mit Tschumi wird ein ‘mittler- dem Titel des Erhabenen und Bauaril- 
wichtigen Verschiebung auf das „Ereignis“, /ard unter dem der Verführung thematisie- 
also einem mit allem inkommensurablen . N m ren, sind diese „fatalen Strategien“ insge- 
Moment augenblicklicher, unvorhersehba- ohannes de Boria: Moralische Sinnbilder, 1581 heim adventistisch in ihrer Mimesis an der 
rer, auch zu-fälliger Einzigartigkeit formu- Katastrophe, die immer schon stattgefun- 
liert wird. N den haben soll. Was sowohl Baudrillard als 
auch Lyotard noch mitformulieren, den Be- 
M it dem derzeit überall in Konjunktur Zug zum gesellschaftlichen Ganzen und den 
stehenden, der Inszenierung und Si- Ort des Theoretikers, das fällt bei Derrida, 
mulation gegenläufigen Begriff des Ereig- auch hier in Heideggers Nachfolge aus, weil 
nisses und mit seiner Anwendung auf die Ar- die Dekonstruktion selbst eine transzen- 
chitektonik hat Derrida den zentralen Ge- dente Position in Anspruch nimmt. Das zu 
danken des dekonstruktiven Verfahrens an- klären, hätte die Konfrontation mit der Ar- 
gesprochen. Er erschließt wohl auch die chitektur spannend gemacht, doch bleibt 
Faszinationskraft, die sein Denken in einer die Beschreibung der „Architektur des Er- 
aporetisch verfaßten, keine utopische Zu- gignisses“ bei durchaus vertrauten Mög- 
Kunftsdimension mehr aus sich herausset- lichkeiten systemimmanenter Kombinatorik 
zenden Gegenwart ausübt, die nicht schon stehen: Pluralität, die Möglichkeit endlioser 
dem Generalverdacht ausgesetzt wäre, nur kombinatorischer Substitutionen oder Per- 
eine Variation in der Abfolge von rationalen mutationen, ein Programm von nicht durch 
Machtformationen zu sein. Es ist eine ent- vorgegebene Regeln ausgeführten Trans- 
täuschte Philosophie am Ende der Projekte, formationen, eine auf andere Darstellungs- 
die man sich auch spitz und herausfordernd mittel zurückgreifende Szenographie des 
vorstellen könnte, die aber nur den Suspen- Durchquerens, die Idee der Implosion als ei- 
se verwaltet und sich in ihm behaglich und in jegel- i ; 5 ner Logik des Zerfalls. Die Wortspielereien 
wortspielerisch einrichtet. Im endlos prakti- CONAN AND DEN N TE f müssen dann die Beanspruchung einlösen, 
zierbaren Spiel der Verweisungen, Substi- So der ungezähmte Zorn nicht hat länger Jaffen die eine architektonische Lösung nicht her- 
tutionen oder Permutationen wird ein her- Se 5 dauren/ gibt. Schon Einsteins Bebuquin hat be- 
metisch in sich geschlossenes System des Dendt/tvenn er indiefen Dingen Dr Sn $e kannt, daß er nur noch von dem Wort anders 
Entgleitens errichtet, dem sie sich doch mit 5 RE fe : träumt. 
„Abenteuer“, „Durchquerung“ und „Ver- a8 wird er nicht im N - Bertouftung Das als Intention aufzunehmen, macht 
rücktheiten“ widersetzen wollte. „Die radi- . die Faszinationskraft von Derridas Philoso- 
kale Frage“, so ließe sich aus Adornos „Jar- phie aus, nur daß aus ihrer Idee, die „archi- 
gon der Eigentlichkeit“ zitieren, „wird sich weile vertrautes, auch in der architektoni- hierarchische Ordnung“ zu unterlaufen, al- 
selbst auf Kosten jeglicher Antwort zum schen Phantasie bekanntes Begehrennach so schlicht dezentral, geflechtartig oder im 
Substantiellen; Wagnis ohne Risiko.“ Und offenen, flüchtigen, unbestimmten, chan- guten, d.h. agonalen Sinne plural zu sein, je- 
weil alles von außen Kommende vom Ei- gierenden und so nichts vornweg kanalisie- der soziale Bezug verschwunden ist, der et- 
gentlichen der Architektur abgehalten wird, renden Ordnungen verhandelt, ein Begeh- wa in der dem dekonstruktiven Programm 
wird ihr gerade das ganz Andere zur Rettung ren nach Formlosigkeit, das die Architektur nahestehenden situationistischen Architek- 
wie Heideggers Gott. vor allem auf dem Medium des Papiers aus- turutopie Constants noch prägend war. Am 
Die Ausrichtung auf das Ereignis ist denn agiert. Auf der Ebene der Theorie läßt sich ehesten vertrüge sich Derridas dekonstruk- 
auch ein Erbe Heideggers. Auch beiihm hat das aus Fundamentalkritik und generalisier- tive Architektur mit Tempeln und Monumen- 
es eschatologische Züge, war es, wie K/aus tem Zweifel entstandene Programm, das ten. Das liegt im Trend, wäre aber nicht eine 
Heinrich bemerkt, ein Knickname für die Denken gegen sich selbst zu wenden, um Architektur am Ende der Architektur, son- 
„heilbringende“ Katastrophe und galtes als das ihm Nicht-Identische aufblitzen zu las- dern eine, die im Zeichen eines unbestimmt 
die Instanz, die der Herrschaft Ge-Stells sen, noch im Sinne der Negativen Dialektik Anderen das Absolute, man könnte auch 
durch seine Unverfügbarkeit für das Subjekt Adornos formulieren. Doch was könnte es sagen, das Symbol hinter allen Verschie- 
und die jeder Bedeutung zuvorkommenden heißen, die Architektur, die als realisierte bungen und Supplementen retten will. Da- 
plötzlichen Offenbarung entgeht: „Im Ereig- räumlich werden muß, gegen sich selbst zu gegen wird alles Übrige zur marginalen Grö- 
nis“, so Heidegger 1957 in einem Vortrag wenden? Auffällig ist ja, daß Derrida aus Be, die Offenheit zur Einfuhrschneise von 
über den „Satz der Identität“, „spricht die Prinzip nie von bestimmten architektoni- Beliebigem, zum „Geschick des Seins“ 
Möglichkeit an, daß es das bloße Walten schen Entwürfen spricht, die für das, waser (Heidegger). Trotz aller berechtigten Kritik 
des Ge-Stells in ein anfänglicheres Ereignen Ereignis nennt oder als Zukunft eröffnen will, an Totalitäten und Totalisierungen, also an 
verwindet. Eine solche Verwindurig des Ge- Zeugnis ablegen, sondern immer von der Systemkonstruktionen, ist das Geschick, 
Stells aus dem Er-eignis in dieses brächte Architektur, die freilich, herausgelöst vonal- das, was ankommt, nur die Kehrseite der 
die ereignishafte, also niemals vom Men- len Zwecken und damit auch von jeder ge- Konstrukte und das Unverfügbare nur eine 
schen allein machbare, Zurücknahme der sellschaftlichen Verständigung, ästhetisiert statistische Größe. 
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