Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

WEGE DER DEKONSTRUK TION 
nen und besonders vorausberechnen; und wicklungen. Kurzum, exakte Prognosener- oder Irrationale. Überhapt faszinieren ja 
als im 19. Jh. diese experimentelle Philoso- wiesen sich als winzige Inselnim Universum alle möglichen stochastischen Vorgänge 
phie ungeahnte Erfolge ausbreitete, glaub- des Unvorhersehbaren. Damit verlor aber oder zufälligen Haufen moderner Splitter. 
te man nicht ohne Grund, man lebe auf der Fortschrittsglaube sozusagen seine Ge- Wen wundert es da noch, daß die jüngsten 
wachsenden Kontinenten des Wissens. Die schäftsgrundlage. Die Folgen brauche ichja Dekonstruktionen Beifall finden, daß sich 
Meere des Unberechenbaren schienen da- nicht zu schildern, denn jeder pfeift sie heu- jeder wiederzufinden glaubt, wenn das Mi- 
gegen von allen Seiten zu schrumpfen, und te von den Dächern. kadospiel gefallen ist? - Sicher, sagte ich, so 
man meinte, eines Tages würden sie voll- Bloß nicht, unterbrach mich mein kommt eseben, daß Schwärmer, Romanti- 
ends verdrängt und verschwunden sein. Da- Freund. — Sei unbesorgt, fuhr ich fort, eine ker und Reaktionäre als Avantgarde be- 
bei hätte man schon vor gut 100 Jahren stut- Hoffnung, die sich selbst enttäuscht, ist grüßt werden 
zig werden können, als sich nämlich inden zwar ernüchternd, aber gewiß kein Grund 
Grundlagen der Mathematik Risse und larmoyant zu werden oder gar in Kulturpes- 
Sprünge zeigten. Aber immer gigantischere simismus zu verfallen. Ganz im Gegenteil! 
Erfolge nährten den Glauben, alles und je- - Aber, wandte mein Freund ein, welcher ee 
des sei berechenbar, wenn man nur genü- Enttäuschte erkennt schon die Möglichkeit 
gend und richtige Mittel einsetze. Man be- seiner Ent-täuschung? Nein, rief er aus, 
merkte nicht mehr, daß die Berechnungen nicht die enttäuschte, die gescheiterte Hoff- @ jinks: Zehn Tage nach der Eroberung durch 
zines Systems nur deshalb glückten, weil nung ist angesagt. Man wußte ja immer, dqje Amerikaner stürzte die Rheinbrücke bei 
man es vorher durch hohe Idealisierungen fuhrerfort, daß es häufig anderskommt, als Remagen am 17.3.45 ohne jegliche Vorwar- 
überhaupt erst berechenbar gemacht hatte. man denkt. Aber jetzt weiß man mehr, daß nung ins Wasser. @ Mitte: Die gescheiterte 
Ließ man aber derlei Idealisierungen dies nämlich nicht nur für das Denken, son- Hoffnung, Caspar David Friedrich, um 1823- 
schrittweise beiseite, so zeigten schon aller- dern auch für das Rechnen gilt. Deshalb 24. @ rechts: Zabalins leben vom Kauf und 
einfachste Systeme, nicht etwa graduell, starren so viele, ob nun eingestanden oder der Wiederverwertung von Hausmüll, Periphe- 
sondern prinzipiell unvorhersehbare Ent- nicht, in das Unberechenbare, Zufällige rie von Kairo, 1985. 
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