Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

DER WIDERSPRUCH ZWISCHEN FEUDAL- 
] SYSTEM UND STÄDTEWESEN BRINGT DIE 
KIRCHE IN TURBULENZEN 
®1 Der Holzschnitt von Lichtenberger für „Prognostica- 
tio in latino...‘“, (1488) stellt die Kirche als schwankendes 
Schiff dar. ®2 In der Pfarrkirche von Ingolstadt schwebt 
ein offenes Schlinggewölbe vor einem komplizierten Netz- 
werk, (um 1530). @3 Der Prager Hradschin enthält eini- 
ge Gewölbe, deren Rippen gerade dort unterbrochen sind, 
wo man einen konstruktiven Zusammenhang vermuten 
würde, (um 1530). @4 Im Braunschweiger Dom entwik- 
kelt sich das Schirmgewölbe aus einem quirlförmig ver- 
schraubten Bündelpfeiler über mehreren zersplitterten 
Platten, (um 1475). @5 Ein Glasfenster in Chartres zeigt, 
wie ein Baumeister bereits Ende des 13. Jhdts. sein Metier 
dargestellt fand. ®@6 Der Widersinn, daß ein Gewölbe 
nur deshalb hält, weil alle Teile fallen, beflügelt die dekon- 
struktive Phantasie, wie z.B. an einem hängenden Schluß- 
stein im Prager Dom. @7 Die böhmischen Zellgewölbe 
führen Anfang des 16. Jhdts. vor, was übrig bleibt, wenn . 
man alle konstruktiven Elemente - Dienst, Kapitell, Rippe = “ 
und Schlußstein — einfach wegläßt. 
DER WIDERSPRUCH ZWISCHEN ÜBERSCHAU- 
j BAREN KRONLÄNDERN UND WELTWEITEN 
EROBERUNGEN RUINIERT DIE WELT 
®8 Diese Welt stellt sich Hermskerk in einer „Allegorie 
der Natur“ als riesigen Satelliten vor, der mit Werkzeugen 
aller Art übersät und geschunden ist und in bedrohlicher 
Nähe über die Natur hinwegrast (1572). @9 Ein neues 
Werkzeug waren die mittelschweren Feuerwaffen, die im 
16. Jahrhundert aufkommen. Ihnen hält keine Befesti- 
gungsanlage mehr stand, denn die Ballistik der Kanonen 
erfordert die Konstruktion neuartiger Festungen und de- 
ren Dekonstruktion durch Belagerungswerke. Hier das 
Beispiel der Erstürmung einer stumpfwinkligen Bastion 
(Speckle, 1589). @10 So wie die Dekonstruktion in Gulli- 
vers Reisen nur die Größe des Helden verändert, so ver- 
rückt sie im Garten von Bomarzo einzig die Schwerkraft 
des Folie, (um 1570). @11 Das umgekehrte Verfahren, 
nämlich nur Details grotesk zu dekonstruieren, verwendet 
Ditterlin; hier das Tor eines Jagdhauses (1598). @12Wie- 
der anders verfahren die Baumeister des Schlosses Cham- 
bord. Sie lösen die Dächer nahezu vollständig auf durch die 
Häufung unerwarteter Synmmnetrien und den absonderli- 
chen Gebrauch geometrischer Formen (um 1570). 
‘DER WIDERSPRUCH ZWISCHEN DEN UNTER- 
SCHIEDLICHSTEN DOGMEN DER THEOLOGIE 
UND DEN GEOMETRISCHEN IDEALEN DER 
NATURPHILOSOPHIE VERWANDELT DIE 
. WELT IN EINE TRAGISCHE BÜHNE 
913 Die Kartusche aus einer Bilderbibel (Krauss, 1705) 
zeigt Daniel, seine Freunde und Lehrer umzingelt von den 
Instrumenten babylonischer Wissenschaft. Unklar bleibt, 
wie man über Offenbarungen aus diesem Teufelskreis her- 
ausfände (Vgl. Dan 1+2). @14 Vielleicht wird die Fonta- 
na Trevi in Rom deshalb von Hunderttausenden jährlich 
besucht, weil man hier eine kollosal geordnete Architektur 
aus den erfrischenden Tiefen der Dekonstruktion bewun- 
dern kann (Salvi, um 1750). @15 Der Saal der Villa Arco- 
nati zeigt, daß sich die Welt auch umgekehrt dekonstru- 
ieren läßt: vom Himmel über die Wände zum Boden hin. 
®@16 Wem die „Austragung von Treppenkrümmlingen“ 
nicht dekonstruktiv genug erscheint, möge zeitgenössische 
Traktate über Steinschnitte ansehen (Horst, 1763). @17 
Mathematische Studien ermöglichten erst das Paradoxon 
einer systematisch dekonstruierten Architektur. Hier 
Kuppel, Tambour und Pendantif der Kirche Santa Maria 
di Piazza in Turin (Vittone, 1751). @18 Die grafisch ver- 
schlungenen Wege, die Gärtner im 18. Jh. dekonstruktiv 
anlegten, wirken dagegen eher harmlos: ästhetisch von 
oben — verwirrend von unten. 
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