Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

oft esoterische Aura für Abschottung nach außen sorgt. Im Ge- Die Fallen zeigen: meist sind die Planungsansätze zu einfach, 
gensatz zum ökotechnischen Ansatz verlangt die ökologische Be- zu eindimensional. Die Komplexität der gesellschaftlichen Wirk- 
kenntnisarchitektur nach einer adäquaten Lebensführung. Diese lichkeit wird schon durch die Planungsprämissen weggefiltert, 
Lebensführung (oder das Zelebrieren entsprechender Rituale) mögliche Mannigfaltigkeit verhindert. Einfachheit kann aber 
weist das handelnde Subjekt als zugehörig oder außenstehend auch eine Qualität sein, Resultat eines langwierigen Prozesses. 
aus. Okologisch wirklich konsequentes Handeln kollidiert je- Pe . . OT N mn 
doch heftig mit dem  Hittschattlich gut abgesicherten Status typi- Einf Sch UT EOTSCHN VENEN SWEATS 
scher Ökohaus-Bewohner. Denn der wirkungsvollste Beitrag zu 
einer ökologischen Reform unserer Gesellschaft wäre die Redu- IV 
zierung des Konsums. Solche Einschränkungen der Ansprüche 
finden beim Ökologischen Bauen allerdings kaum statt. Derethi- Die ÖKOLOGISCHE BOTSCHAFT stellt Einfachheit (Über- 
sche Ansatz der ökologischen Bewegung verkümmert zu Ersatz- schaubarkeit) und Vielfalt (der Lebensformen) nebeneinander. 
handlungen. Die erzielten energetischen und gesundheitlichen Das Nebeneinander von Einfachheit und Vielfalt scheint schon 
Vorteile (für die Bewohner) dürften in einer ökologischen Ge- +oim ersten Hinsehen paradox. Große Vielfalt scheint ja gerade 
samtbilanz die Nachteile des Flächenmehrbedarfs, Komfortauf- das Gegenteil von Einfachheit, nämlich Unüberschaubarkeit 
wands usw. (für alle) kaum aufwiegen. und Heterogenität mit sich zu bringen. Natürlich sind beide Idea- 
Die Festlegung auf eindimensionale Regeln verhindert gerade jene le ein Reflex auf die komplizierte Struktur unserer technischen 
Vielfalt und Offenheit, die der ökologische Gedanke für ein umfas- Zivilisation wie auf deren einebnende Wirkung, was natürliche 
sendes Durchdringen des Bauens benötigt. So können ökologische und ethische Differenzierungen betrifft. 
Ansätze kaum in eine neu zu entwickelnde Alltagskultur des Bau- Gegenüber Einfachheit ist Vielfalt ein neues, von der ökologischen 
ens einfließen. Immer wieder geraten die Architekten in Fallen. Bewegung in die Diskussion gebrachtes Ideal. Es steht im Gegen- 
Die „Regionalismus-Falle“: Die provinzielle Internationale des Satz zum alten politischen Ideal sozialer Gleichheit. Dabei wird 
Regionalismus benutzt Versatzstücke des anonymen und land- den durch Vielfalt erreichten natürlichen Gleichgewichten Modell- 
schaftsbezogenen Bauens aus verschiedenen Quellen und kom- Charakter für die menschliche Gesellschaft zugeschrieben. 
biniert sie beinahe beliebig mit ökologischen Symbolträgern. Eine direkte Übertragung der ökologischen Vielfalt der unver- 
Man imitiert, statt zu lernen. Dieser Stil vermittelt allerdings ver- krüppelten Natur auf menschliche Lebens- und Gesellschaftsfor- 
meintliche Sicherheit: es scheint möglich, die Vorzüge des Fort- men (wie sie beispielsweise Murray Bookchin verficht) hat je- 
schritts zu genießen, ohne die Probleme des Wandels ertragen zu doch, wie alle Herleitungen, etwas Willkürliches, ja Gefährli- 
müssen. ches. Ist es richtig, die wilde Natur als natürliche Harmonie zu in- 
Die „Baubiologie-Falle“: Die Baubiologie ist ein anthropo- terpretieren? Sollen die natürlichen Kreisläufe und Fließgleich- 
zentrisches Konzept. Sie stellt den Menschen, hier den späteren gewichte in ihrer notwendigerweise amoralischen, aber äußerst 
Nutzer, in den Mittelpunkt aller Betrachtungen. Ziel der Baubio- komplexen Gesetzmäßigkeit wirklich als Vorbild für menschli- 
logie ist individuelles Wohlergehen — um jeden Preis. Okologi- che Gesellschaftsstrukturen dienen? Oder ist die „befriedete“ 
sche Wirkungen baubiologischer Maßnahmen, wie aus der Über- Natur, eine „geregelte“ Vielfalt gemeint? 
erntung von Korkeichen oder dem Transport exotischer Dämm- ET | ne 
stoffe (z.B. Kokosfasern), bleiben unberücksichtigt. DU NE N hingegen A. ve nn / Un auf N ET En 
Die „High-Tech-Falle‘“: Die Auffassung, alle, auch die ökolo- w en EWC A A 
gischen Probleme, mit wissenschaftlich-technischen Mitteln zu 4A $OZIALE ESTER. 
lösen, wird hier meist symbolhaft zu Architektur überhöht. Die Es kann aber auch jene zurechtgebogene Stimmigkeit, Über- 
Strategie der „Ökologischen“ Effizienz geht allerdings über die schaubarkeit und Abgeschlossenheit beinhalten, die seit jeher 
Unterschiedlichkeit von Bedürfnissen und Erwartungen hinweg. viele Ideologien, Kunstprodukte und sonstige Kopfgeburten aus- 
„Oko-tech“-Design mag bei Einzelbauten zu interessanten Lö- zeichnet. Derartige geistige Konstrukte sind final und statisch. 
sungen führen. Auf Hausgruppen oder Ortsteile übertragen wür- Ihre einfache Regelhaftigkeit simplifiziert die komplexen Pro- 
de es diktatorische Züge entwickeln. zesse der natürlichen und gesellschaftlichen Realität. Dies trifft 
Die „Alternativ-Falle“: Ökologisches Bauen hatsichinder Al- auch für ökologistische Regelwerke zu. Abgeschlossenheit und 
ternativ-Bewegung entwickelt. Seine Ansätze sind aber zu wich- Regelhaftigkeit verleihen Sicherheit. Aber, wie schon Gustav 
tig, um in dieser Nische zu verkümmern. Expressionistischer Landauer feststellte: „Unter uns Menschen und in der Natur 
Selbstdarstellungswille, mit Naturformen oder Abfallprodukten überhaupt gibt es keine fertigen Gebilde, nichts Rundes und Ab- 
realisiert, kann nicht das konstituierende Element des ökologi- geschlossenes. Rund und abgeschlossen sind nur Wörter, Bilder, 
schen Bauens sein. Architektur muß sozial angelegt sein -auch Zeichen und Phantasien. Die Wirklichkeit ist in der Bewe- 
wenn sich die Intimität eines alternativen Ghettos dann nichtein- gung...“. 
stellt Beim Ökologischen Bauen kann Einfachheit sich als „Bild“ 
Ab
	        

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