Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

stringent weiterentwickelt zum „Saarbrücker Zukunftskonzept weltenergie über eine Erdwärmeschlange in die Heizungsanlage 
Energie“ als Ausstiegsszenario aus der Kernenergie. eingespeist. Dieses Verfahren liefert zwar nur 30% der Spitzen- 
Das Saarbrücker Zukunftskonzept Energie versteht sich als last, aber insgesamt 855% der Gesamtwärme. 
erstes praktisches und schon in Realisierung begriffenes Konzept Gerade bezugsfertig ist ein Sonnenhaus-Modellprojekt in 
zur Einleitung des „Ausstiegs (aus der Atomenergie) ohne Ein- Saarbrücken-Ensheim. Die Dachflächen dieses mit EG-Mitteln 
stieg (in neue Abhängigkeiten)“ — so die griffige Formel. Aus- bezuschußten Wohnhauses sind vollflächig mit Solarzellen be- 
stieg aus der Atomenergie bedeutet dabei, daß durch die Kraft- stückt, insgesamt ca. 100 qm. Diese Fläche ergibt bei einem Sy- 
Wärme-Koppelung zukünftig fast die gesamte benötigte Strom- stemwirkungsgrad zwischen 7 und 9% bei intensivster Sonne eine 
menge selbst erzeugt werden kann. Der Liefervertrag mit der Spitzenleistung von ca. 8 kW und eine rechnerische Jahreskapa- 
RWE-Tochter VSE kann deshalb um 90% gekürzt werden. Saar- Zität von 8.000 kWh (bei 1053 kWh/m’a jährlicher Globalstrah- 
brücken wird damit strom-energetisch fast autark. Das zugrunde- lung und durchschnittlich 1675 Sonnenscheinstunden). Der An- 
liegende Konzept steht auf vier Beinen: Einspar-Energie, Abfall- schluß ans öffentliche Stromnetz nimmt Überschüsse ab und 
Energie, Umwelt-Energie und Kohle. gleicht bei mangelnder Sonneneinstrahlung die Defizite aus. Der 
Bau soll unter Realbedingungen in einem fünfjährigen Meßpro- 
Einspar-Energie: gramm praktische Erfahrungen über das Zusammenspiel eines 
Bemerkenswert ist dabei u.a. die Bilanzierung des Energiespa- Privaten Photovoltaik-Stromerzeugers mit dem Öffentlichen 
rens als betriebswirtschaftliche Größe, denn so die Unterneh- Stromnetz sammeln. 
mensphilosophie: „Jede kWh, die ein Kunde durch Veränderun- 
gen seiner Verbrauchsgewohnheiten, durch Dämmaßnahmen 0. Kohle: 
ä. nicht nachfragt, muß von uns auch nicht beschafft werden.“ Im Saarland ist eine klare Kohlevorrangpolitik angesagt -immer- 
Die Quantifizierung der Einsparenergie im Raumwärmebedarf hin werden 15% der BRD-Produktion dort gefördert. Kohle ist 
bis 1995 wird mit 300 MW veranschlagt. Seit 1980 konnten bislang ausreichend vorhanden und krisensicher, jedoch gegenüber dem 
knapp 15% des Wärme-Potentials im Gesamtversorgungsgebiet billigen Ol und auch gegenüber dem starken Preisdruck von Im- 
gespart werden. Noch besser sieht die Statistik beiden Gebäuden Portkohle relativ teuer. Trotzdem macht es Sinn, die heimische 
der Stadt Saarbrücken aus, denen innerhalb des Programmseine Kohle zu verstromen. Denn über Kraft-Wärme-Kopplung und 
Art Promoter-Funktion zukommt. 1985 wurden witterungsbe- Wirbelschichtfeuerung kommt die Kohle sowohl in wirtschaftlich 
reinigt 31% Heizenergie weniger verbraucht als 1980, was etwa interessante Bereiche, als auch von den Umweltschutzauflagen 
3,7 Mio DM weniger Heizkosten entspricht. her mit guten Emissionswerten daher. Kernstück der Kohle-Op- 
tion ist das neue in zirkulierender Wirbelschicht konzipierte 
Abfall-Energie: Heizkraftwerk Römerbrücke ZWO. Dieses 100-Millionen-Pro- 
Da Saarbrücken eingerahmt ist von Schwerindustrie, stehen hier jekt, das bis Oktober 1988 fertiggestellt sein soll, wird eine Feue- 
potente Energie-Quellen aus industriellen Prozessen zur Verfü- Trungsleistung von 100 MW haben. In Kombination mit dem Alt- 
gung. Um das Hochofengas der nur 2 km entfernten Halberger werk könnten damit insgesamt etwa 8500 Wohneinheiten beheizt 
Hütte nutzen zu können, war allerdings eine 24-Millionen-DM- werden und 56 MW Strom ins Netz eingespeist werden. Vorran- 
Investition notwendig. Bis zu 30.000 Kubikmeter Gichtgas, das ig ist an die Wärme-Versorgung des Wohngebietes Eschberg, 
sonst abgefackelt werden müßte, dienen nun alternierend zur des Krankenhauskomplexes Winterberg und der Universität ge- 
Kohle zur Befeuerung des neuen Kraftwerks Römerbrücke. Zur dacht. 
Zeit noch in Arbeit ist das Modellprojekt eines kleinen motorisch Ein neue Idee, um im Preiskampf die eigenen Kohlevorräte 
betriebenen Blockheizkraftwerks mit Kraft-Wärme-Kopplung Konkurrenzfähig zu halten, besteht in der Verfeuerung von leicht 
in Alt-Saarbrücken. Es soll mit Grubengas — einer Mischung aus ZU gewinnender Ballast-Kohle aus den Abraumhalden des Saar- 
Luft und Methan — , betrieben werden, das vor Ort aus oberflä- kohlengebirges. Die Integration einzelner stadtnaher Kohle- 
chennahen Kohleflözen austritt. Bei einem Gesamtwirkungs- kraftwerke in ein regionales Gesamtkonzept soll die „Fernwär- 
grad von 82% sollen gleichzeitig 225 kW Strom und 335 kW Wär- meschiene Saar“ herstellen. Zwischen Saarbrücken und der 
me erzeugt werden. Nachbarstadt Völklingen ist sie bereits seit zwei Jahren in Be- 
trieb. Nach Westen bis Dillingen (im Bau) und nach Osten bis 
Umwelt-Energie: Bexbach verlängert, wird sie entlang der dichtbesiedelten Indu- 
Im neuen Zentrum von Saarbrücken-Dudweiler wird in dem Striezone Versorgung und Austausch regulieren, wie auch den 
(von Gottfried Böhm entworfenen) Kaufhaus die Abluft überei- Maßgeblichen industriellen Abwärmelieferanten Anschlußmög- 
ne 300-kW-Gaswärmepumpe zur Temperierung des Vorlaufs der lichkeiten bieten. 
KR benachbarter Wohnungen herangezogen. Bei einer Die Saarbrücker Stadtwerke verstehen sich mehr als proble- 
N resnutzungsdauer von 5000 Stunden werden 70 /%o des anfal- morientiertes Dienstleistungsunternehmen (EDU) denn als 
enden Gesamtwärmebedarfs gedeckt. Im Berufsbildungszen- klassischen Energielieferanten (EVU). Um die Verbraucher für 
trum Brebach-Fechingen für 2000 Schüler wird ebenfalls Um- Energieeinsparmaßnahmen zu gewinnen, wurde mit Marketing- 
mitteln ein ganzes Bündel von Energiediensten entwickelt: 
Photovoltaik-Modellhaus, Saarbrücken Ensheim Foto: Serwe/Auslöser ® Energieberatung beim Kunden zuhause, 
® Kundenberatung und Gerätedemonstration im Infocenter E, 
® Info-Bus mit Ausstellung zur dezentralen Verbraucherauf- 
klärung, 
® Energie-Spar-Schecks für kostenlose Untersuchung der 
Heizanlage, Inspektion der Fenster, der Wärmedämmstandards, 
Erstellung von Infrarot-Aufnahmen zum Selbstkostenpreis, 
® EDV-erstelltes Energie-Spar-Programm für den einzelnen 
Kunden, 
® Anschlußkostenumlage: Zahlung von zinslosen Raten ä 50 
DM pro Monat vom Verbraucher statt 7000 DM einmaligen 
Fernwärme- oder Gasanschlußkosten, 
® Darlehen zur Finanzierung der Umstellung des Heizsystems: 
bis zu 30.000 DM zu einem konkurrenzlosen Sonder-Zinssatz, 
® Wärme-Direkt-Service: Für 9 Pfg./kWh (Gas- oder Fernwär- 
me) Komplettarif wird dem Kunden von der Wartung seiner An- 
lage bis zur Einzelmessung und Abrechnung alles abgenommen.
	        

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