Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Der lineare Tarif ohne Grundgebühr ermöglicht auch dem Laien tisch betrieben, sondern eher über publikumsträchtige Versuchs- 
Energiespareffekte sofort monetär auszudrücken. bauten angegangen wird. Das bisher originellste Lob -neben der 
1981 wurde mit der Einführung dieser Energiedienste begon- Verleihung des Umwelt-Sonderpreises 1987 durch den Deut- 
nen. Pro Jahr werden von Architekten und Heizungsingenieuren schen Städtetag — erhielt die Energiepolitik Saarbrückens durch 
600 — 700 Haus-Expertisen durchgeführt und über 36.000 indivi- eine Umweltschutzorganisation. Aktivisten von Robin Wood be- 
duelle Energieberatungen seither gezählt. Der Verbraucher wird festigten kurz vor Einweihung der Turbinenanlage des Heizkraft- 
sukzessive und immer entlang seinen eigenen Einsichten und werks Römerbrücke Zwo in 160 m Höhe am Schornstein ein 
(monetären) Interessen an die Problematik herangeführt, mitei- Transparent, wahrscheinlich bundesweit die erste zustimmende 
nem Gutachten zur eigenen Entscheidungsfindung ausgestattet Demonstration zu einem energietechnischen Bauwerk dieser 
und weiterhin technisch wie finanziell bei der Umsetzung unter- Größenordnung 
stützt. Nur so läßt sich wohl die starke Akzeptanz der Energie- 
sparmaßnahmen und die soziale Durchsetzungsfähigkeit des 
Konzeptes erklären, denn viele Bereiche der Energiedienstlei- 
stungen werden letztendlich stark vom Verbraucherverhalten 
mitbestimmt. Neben stringenten Energiekonzepten betreiben 
die Stadtwerke deshalb auch experimentelle Projekte und empi- 
rische Untersuchungen über das Verbraucherverhalten. So auch 
beim aktuellsten Modellvorhaben, die Erprobung eines zeitva- 
riablen, linearen Stromtarifs (ZVLST). 
Die allgemeine, bundesweit verbindliche Tarifordnung für 
Strom (die auf gesetzliche Regelungen aus dem Jahre 1938 (!) zu- 
rückgeht) legt ein degressives Abrechnungsystem mit hohem 
Grundpreis und je nach Abnahmemenge geringerem Arbeits- 
preis fest. Energiemehrverbrauch wird damit rabattiert, Einspa- 
rung dagegen bestraft. Erster Schritt im Sinne einer Stromspar- 
motivierung wäre demnach die Einführung eines einfach linearen 
Tarifs. Energietechnisch wünschenswert wäre weiterhin eine 
Verstetigung des Verbrauchs, denn gerade die Lastspitzen sind untergehende Schwerindustrı 
für die EVUs am teuersten, deshalb also ein zeitvariabler Tarif. . . 
Quelle: Seifried, Die Zukunft eines Industrietales 
in: Ratgeber Energie 
Die Region Saarbrücken krankt an ökonomischer Auszehrung, 
a 2007 ökologischen Schäden und Bevölkerungsrückgang. In der Netto- 
509 bilanz hat sich die Bevölkerung innerhalb von 10 Jahren um ca. 
a 1607 20.000 Einwohner auf 186.000 verringert. Davon gehen fast die 
40 Hälfte auf Abwanderungsverluste im Zuge einer Nord-Süd-Drift 
Ne ' zurück. Die Arbeitslosenquote macht mit über 18% das Doppel- 
= te des Bundesdurchschnitts aus. Dieser industrielle und bevölke- 
“om rungsmäßige Schrumpfungsprozeß scheint noch nicht zu Ende — 
; davon gehen die Saarbrücker Stadtentwicklungsplaner um Arno 
vn DE Deubel jedenfalls aus. Die Neuansiedlung zukunftsorientierter 
A MO ea Unternehmen bereitet zunehmend Schwierigkeiten, zu unat- 
WS REES EISEN traktiv erscheint ein Standort, der noch stark von den Altlasten 
Von 1500 Test-Haushalten werden 300 mit einem dialogfähi- aufgelassener Schwerindustrien geprägt ist. Süddeutsche Stand- 
; E . orte werden von aufstrebenden Industriebranchen heute vor al- 
gen Kleincomputer namens SESAM (System für Energie-Spar- lem deshalb Ahlt il dort Nat hältni h 
Management) ausgestattet und können, falls es für sie günstiger I ie - 8 ln d  R horn Na N UCS er altes ZC  ields 
ist, über den linearen, zeitvariablen Tarif abrechnen. SESAM er- KaHCHt VOLNSBEN GET FTEIZEH WEIT CSS ATRONSSIANERUENTE’GS 
Sal ; Ka . sich entsprechend höher darstellt. Noch wenig berührte, ökolo- 
möglicht dem Verbraucher, seinen jeweiligen Tarifsatz und Ns ade . a nn x 
Sttomverbrauch zu überprüfen und auch ältere Werte abzufra- gisch intakte Verhältnisse werden damit sehr direkt zu ökonomi- 
s DIS : : ES hen Verwertungskategorien und unterliegen im Konkurrenz- 
gen. 600 weitere Haushalte erhalten einen einfachen Meßwert- Be AS 8 8 . Rn 
. ECO n . kampf der Länder, Regionen und Kommunen gleichzeitig einem 
speicher, rechnen aber wie die erste Gruppe über ZVLST ab. Die icht twortenden Verschleiß: V. twortliche Förde: 
restlichen dienen als Referenzgruppe. Untersucht werden soll in DIE Bl ik A a A 
einem 18-monatigen Meßprogramm die betriebswirtschaftliche rungspolllik mBIe dem SRIESSENSTEHSIN. 
Seite für den Energieerzeuger, die Sozialverträglichkeit und ob Dieser Kerngedanke liegt dem Forschungsantrag „Ökologi- 
sich das Verbraucherverhalten dem neuen Tarifsystem anpaßt sche Stadterneuerung Saarbrücken“ zugrunde. Er zentriert die 
(etwa dadurch, Waschmaschinen nur in den Abendstunden zu Frage auf die Reparatur der Saarbrücker Flußaue, die als Haupt- 
betreiben). Aber selbst wenn das Experiment in zwei Jahren mit schiene der Industrialisierung mit Problemen von Industriebra- 
positivem Ergebnis abschließen sollte, steht immer noch dahin, chen, Altlasten, Emissionen und Verkehrsüberlastung und 
ob sich die anderen EVUs den Argumenten beugen werdenund Emissionen durch die Stadtautobahn zu kämpfen hat. Die seit 
zu einer Novellierung des Tarifsystems überhaupt bereit sind. prähistorischen Zeiten in ihrem Wert geschätzte Lebensader soll 
Hier scheint eindeutig politische Diskussion und legislative In- als geographische und naturräumliche Einheit der Stadt rehabili- 
itiative vonnöten. Das Saarbrücker Experiment kann hierfür tiert werden. Die Grundthese der Saarbrücker Planer lautet, daß 
wertvolle Argumente liefern. die Entwicklung von Reparaturmaßnahmen in einer derzeit ver- 
Auch die Saarbrücker GRUNEN- vertreten durchihrenener- fahrenen ökologischen Situation überhaupt erst Voraussetzung 
giepolitischen Sprecher, den Physiker Jürgen Meereis - sind mit für die zukünftige ökonomische Stabilisierung der Region ist. 
dem Energiekonzept vom Prinzip her einverstanden. Kritik wird Dieser realistische Umgang mit den eigenen Problemen erscheint 
eher am Detail geäußert, etwa an gewissen zentralistischen Ten- weit erfolgversprechender als jenes panikartige Ausweisen von 
denzen des Energieschienenkonzeptes zwischen großen Kraft- Erfinderparks und Technologiezentren durch manche Städte, 
wärmeeinheiten. Zu wenig berücksichtigt sei die Möglichkeitei- die hoffen, damit wenigstens noch als Trittbrettfahrer auf längst 
ner Vernetzung dezentraler Blockheizkraftwerke. Oder daß die Richtung Süden abgefahrene High-Tech-Züge der Datenverar- 
potentielle Nutzung regenerativer Energien zu wenig systema- beitungstechnologien aufspringen zu können. 
SG
	        

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