Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Einer der großen Zielkonflikte der Saarbrücker Planung liegt gegebenenfalls Regreßansprüche geltend machen. Jedenfalls 
in der Nutzung des 39 ha großen Areals der St. Arnualer Wiesen, scheint sich auch bei Oskar Lafontaine auf seinem Weg vom 
das im Landesentwicklungsprogramm als industrielles Vorrang-  Oberbürgermeister zum Ministerpräsidenten ein gewisser Ge- 
gebiet ausgewiesen ist, bisher aber als Naturbrache für die City sinnungswandel in dieser Frage vollzogen zu haben. Die Frage 
wertvolle kleinklimatische Ausgleichsfunktionen wahrnimmt des weiteren Saarausbau könnte sich durchaus zum Testfall eig- 
und die letzte große Naturreserve der Saarbrücker Saaraue dar- nen, wieweit die sozialdemokratische Lernfähigkeit in Sachen 
stellt. Untrennbar damit verbunden ist die Frage der Fortführung Ökologie — die ja gerade von einem ansonsten so produktiven 
der Saarkanalisierung durch Saarbrücken. Dieser „saarländische Vordenker der SPD wie Lafontaine zu Recht erwartet wird — 
Blaumilchkanal“ — so seine Kritiker — ist gerade vor den Türen wirklich geht, wenn die Dinge einmal nicht so einfach liegen. 
der Landeshauptstadt angekommen und die St. Arnualer Wiesen Der Forschungsantrag zur ökologischen Stadterneuerung will 
nun auch in dieser Frage einen ernsthaften Abwägungsprozeß 
zwischen ökonomischen Zwängen und ökologischen Zielen un- 
tersucht wissen. Dabei soll aus der Auseinandersetzung mit zwei 
extrem entgegengesetzten Szenarios „weiter wie bisher“ und 
„Ökotopia“ jenes realisierungsnahe Modell ein „Ökologischen 
Stadtreparatur“ als drittes Szenario entstehen. Eine anschließen- 
de Ebene soll die verschiedenen Instrumente der Umweltver- 
träglichkeitsprüfung hinsichtlich Durchführung, Standards und 
Konsequenzen konkretisieren. Eine dritte Ebene, die wie die 
zweite stark verallgemeinerungsfähig sein soll, will das rechtliche 
und politische Rahmenwerk untersuchen: Novellierungsbedarf 
der Baugesetzgebung, der Förderungsmittel (warum nur Mittel 
für Neubau und nicht für Rückbau), der Länderverträge, usw. 
Weiterhin sollen Instrumente der Partizipation der Bevölkerung 
und bestimmter Interessengruppen an ökologischer Planung ex- 
emplarisch entwickelt werden, denn derartige längerfristige Ent- 
wicklungen sind überhaupt nur politisch vertretbar und praktisch 
Lehrgärtnerei auf Hüttengelände Fotos: Serwe/Auslöser machbar, wenn das Bewußtsein der Beteiligten mit den Ereignis- 
am entgegengesetzten Ende sind noch immer als Standort für ei- sen und Entscheidungen Schritt hält. 
nen Industriehafen vorgesehen. Nur kann kaum jemand den Ka- Man kann Saarbrücken vom äußeren Erscheinungsbild sicherlich 
nalbau — ein Milliardenprojekt, das den Standortnachteil der nicht unter das Klischee einer ‚ÖOko-Stadt‘ einordnen, wie es etwa 
Saar gegenüber anderen Industrieregionen kompensieren sollte bei Städten mit hohem Grünflächenanteil und erhaltenem, histo- 
— überhaupt noch schlüssig begründen. Die Kritiker hattenschon " isch-kleinmaßstäblichen Stadtbild auf Anhieb zu gelingen 
vor Jahren vorgerechnet, daß mit dem eingesetzten Kapital die scheint. In Saarbrücken muß sich die Ökologie an harten Realitä- 
Bahntransporte aller Rohstoffe ins Saarland und aller Güter aus ten reiben, ist aber gerade deshalb so wichtig. Daß sich die Aus- 
dem Saarland weg über 200 Jahre problemlos subventioniert hät- einandersetzungen im Planungsalltag keineswegs idyllisch dar- 
ten werden können. Nun werden die Transportquantitäten der stellen, war aus den Gesprächen mit den Beteiligten deutlich her- 
niedergehenden Schwerindustrie auch noch ständig kleiner und auszuhören. Da deuten die Entwicklungsplaner an, daß ihre Kol- 
der Kanal vollends fragwürdig. legen vom Umweltdezernat Tendenzen zeigten, sich bei jedem 
Warum also weitere 235 Mio DM (Stand 1980) in ein finanziel- Quadratmeter bedrohter Grünfläche und jedem Schmetterling 
les, ökologisches und gestalterisches Desaster für die Stadt und als Umweltpolizei aufzuführen, den Gesamtzusammenhang aber 
die Opferung der letzten Naturreserve investieren, fragen die C!Wasaus den Augen zu verlieren. Während umgekehrt —so Stim- 
Stadtentwicklungsplaner zu Recht. Außerdem existieren ganzim MMCN Von Seiten der Umweltspezialisten — die Hochbauer bei- 
Sinne der Anfangsfragestellung Ersatzflächen. Im westlichen spielsweise Okologie als neues räumliches Ordnungs- und Ge- 
Stadtteil Burbach stehen nämlich um die 100 ha Industriebrache Staltungsprinzip des Saartales hin zu einem postmodernen „Elb- 
nach der Demontage der Burbacher Hütte (Arbed Saarstahl) zur florenz“ mißverstünden undsich nicht scheuten, ihre Klötze auch 
Verfügung. Doch große Teile dieser Flächen sind durch Altlasten mitten in wichtige Kaltluftschneisen zu plazieren. Der übliche In- 
nicht direkt einer neuen Nutzung zuführbar, sondern bedürfen teressenabgleich innerhalb der planenden Verwaltung um die Si- 
erst einer gründlichen Sanierung (Flächenabtrag, Versiegelung, !ulerung und Gewichtung eines neuen Aufgabenfeldes also. Wie- 
0.ä.). Inzwischen wurden zwar einzelne städtische Aktivitäten 5° aber auch nicht? Der genaue Standort der Ökologie muß — wie 
mit stark symbolischem Charakter auf dem Terrain gestartet, wie überall erst noch gefunden werden. Wahrscheinlich liegt er nä- 
Nutzung erhaltener Gebäude zu Ausbildungs- oder Umschu- her an einer Querschnittsplanung auf allen Ebenen als an einer 
lungszwecken. Oder gar die Einrichtung einer Lehrgärtnerei auf reinen Ressortplanung. Zur Zeit scheinen jedenfalls Experiment 
angeschüttetem Mutterboden. Trotzdem hängen die Perspekti- und Erfahrungssammlung angesagt und dazu zeigt Saarbrücken 
ven immer noch im politischen Vakuum ungeklärter Entschei- allen Mut und einige weitreichende Initiativen, 
dungen über die Zukunft. Stattdessen wurden vorschnell Teil- ‚ erkungen: 
nutzungen des Hüttengeländes etwa für einen riesigen Super- N Saarbrücker Diskussionspapiere 4: way ET SE Da 
ü i i i - onzept Energie. Ein Beispiel zur umweltgerechten Weiterentwicklung der Ener- 
ES ENE daEE I OR OU OMTCp EEE N UEEND giewirtschaft. = Vortrag nf dem Int.  Bncrae Forum Hamburg, 8.07. 1987, S.15 
mer liegen keine detaillierten toxikologischen Bodenuntersu- Literatur: Landeshauptstadt Saarbrücken, Ökologische Planungsdaten, Umwelt- 
chungen als unabdingbare Voraussetzung jeglicher Nutzungs- TEE OU EES a MrICKER 4. Enörgieheticht der Stadt 1980 — 86. 
und Sanierungskonzepte vor. Benzole und Schwermetalle unter- Saarbrücker Stadtwerke, Saarbrücker Diskussionspapiere 1: Örtliches Versor- 
schiedlichster Art und Konzentration werden auf den Flächen TORE Sp Saarbrücken — ein Modell für kommunale Energieversorgung, Mai 
der Kokerei- und Sinterbetriebe vermutet. Die Situation scheint Saarbrücker Stadtwerke, Diskussionspapiere 2: Sind unsere Stromtarife noch zeit- 
blockiert. Ein deutliches Nein zum weiteren Saarausbau, ein gemäß? - oder: Augustinus und der lineare Tarif, Jan. 1986. 
ebensolches Ja zur künftigen Sanierung und Nutzung des Indu- NEM Stadt wETKSG Diskussionspapiere 3, Das Saarbrücker Zukunftskonzept 
e entlicher Personen- Nahverkehr, Nov. 1986. 
striegeländes der Burbacher Hütte im Rahmen eines integrierten U En SE DD x SEM Zukn SEES 
Gesamtkonzeptes wäre im Sinne der Stadtökologie zu fordern. ZA A N 
Nun kann scheinbar nicht so ganz einfach aus den Staatsverträ- Saarland, der Minister für Wirtschaft/ Arbeitsgemeinschaft Tarifstudie, Modellvor- 
gen mit Rheinland-Pfalz ausgestiegen werden. Das Nachbarland Seren re en errwerke Saarbrücker Sieben Punkte Erklärung, Sept. 1987. 
pocht auf die alte Ausbau-Planung und will bei Nichteinhaltung Saarbrücker Stadtwerke, Das Saarbrücker Zukunftskonzept Wasser, 1985/2
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.