Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Der einzige Luxus, den sich Freiburg erlaubt, ist die Anzucht Problematik anzusetzen und diese nicht in bekannter Problem- 
von Oleander und Zitruspflanzen in einer Orangerie, die in den verlagerungsmanier von Ort zu Ort zu verschieben. 
Sommermonaten in den Altstadtstraßen ein südländisches Flair 
verbreiten. Mit der Ökostation, über die bereits in ARCH' 92 be- Betzenhausen-Hofacker 
richtet wurde, versucht die Stadtgärtnerei, Öffentlichkeitswirk- Als maßvolle Erweiterung des ehemaligen Dorfes Betzenhausen 
sam zusammenzuarbeiten und den Freiburger BürgerInnen Öko- wurde ein Bebauungsplan erstellt, der Geschoßwohnungsbau 
logische Gartenkonzepte näherzubringen. Besonders intensiv mit hoher/Dichte vorschrieb: Die Erschließung ist auf ein Mini- 
war diese Zusammenarbeit während der Bundesgartenschau mum reduziert, Verkehrsflächen und Parkplätze sind - wo immer 
1986. Deren Zentrum — der Seepark — hat sich inzwischen zum es geht — nicht versiegelt, Grünflächen dringen vom Seepark her 
lange vermißten Stadtpark der westlichen Stadtteile entwickelt. in das Baugebiet ein und erlauben den freien Zugang zum See, 
die Straßen sind begrünt, die Autos verschwinden in natürlich be- 
lüfteten Tiefgaragen, ein Wettbewerb für das Gebiet garantiert 
vielfältige Architektur. Verschiedene B-Planfestsetzungen legen 
die Geschoßigkeit, die Proportionen und Zuschnitte der Häuser, 
und mittels Baulinien sogar die Einfriedung bis in Detail fest und 
lassen dadurch die angestrebte Vielfalt nicht zum Chaos werden. 
Das Ergebnis: ansprechende, flächensparende Architektur. Die- 
sen Bebauungsplan unter den Begriff „ökologisches Bauen“ ein- 
zuordnen wäre allerdings schon zu weit gegriffen. 
Promoter stadtökologischer Ansätze? 
Freiburgs größter Verdienst ist sicherlich das frühzeitige Engage- 
ment für Umweltschutzmaßnahmen und damit einhergehend für 
eine ökologische Stadterneuerung. Heute gehört es zum Image 
vieler Städte, zumindest ein ökologisches Projekt vorweisen zu 
Bebauungsplanverfahren können und der Begriff der ökologischen Stadterneuerung brei- 
: Kan ann . N z x tet sich in den Bauverwaltungen inzwischen virusartig aus. Das 
Die tatsächliche Wirksamkeit von Okolopischen Planuneskults- Freiburger Verkehrskonzept z.B. war 1984 sehr ungewöhnlich 
rien in Bebauungsplanverfahren läßt sich am besten an einem . ir 5 n ; 
Beispiel’aus dem Altbaubereich und’e] Neub ickt und die Zahl der Kritiker und Skeptiker groß. Heute rühmen sich 
Adler u NIC EMEM NEID TOLGST ST- viele Städte eines solchen oder ähnlichen Konzeptes. Es ist sozu- 
sagen Praxis geworden. Das relativ frühe Handeln Freiburgs hat 
Der Stadtteil Stühlinger somit sicherlich einiges in anderen bundesdeutschen Städten in 
Stühlinger ist ein typisches Gründerzeitviertel: Blockrandbebau- Bewegung geseizt. . . ; 
ung, hohe Dichte, enge Hinterhöfe, wenig Grün- und Freiflä- Heute gibt es einzelne Maßnahmen — wie z.B. wirtschaftlich 
chen, zu hohe Versiegelung (bis zu 95% brutto) und auf Grund funktionierende Regenwassersammelanlagen incl. Grauwasser- 
dieser Mängel billige Mieten, aber eben auch eine einkommens- N OR A TE NL is as 
schwache Bewohnerstruktur. Mittels eines Wohnumfeldpro- gehender sind als die dargestellten Maßnahmen ın Freiburg. 
grammes für die Jahre 1985-90 versucht die Stadt, private Hausei- HER ee an A En „Sr ab Ten 
gentümer zu Modernisierungsmaßnahmen zu motivieren. Das JS. VICIes Ist althekannt, andSres ErSCHEINT WIECETUM MIC 
zugrunde liegende Strickmuster ist dasselbe wie in anderen Städ- U dert 0 NE ara a OR 
ten. Auch hier werden im Rahmen eines Wohnumfeldprogram- 0, daß besonderer Wert auf CIE VErNSIZUNgG CET EINZEINEN NEAS- 
mes maßvolle Entkernungen vorgenommen, auch hier verbirgt nahmen gelegt wird. Gerade in der Vernetzung all dieser kleinen 
sich hinter dem Begriff „verändertes Verkehrskonzept“ der Schritte besteht die Chance für eine erhebliche Verbesserung des 
Rückbau von Spuren, die Bündelung des Verkehrs auf wenigen Stadtklimas. Daß Freiburg so auffällig auf Verbesserung des 
Hauptstraßen, die „Verhübschung“ des Straßenraumes und der Stadtklimas und Reaktivierung städtischer Kleinbiotope hinar- 
Bau von Tiefgaragen als Ersatz für die im Straßenraum durch Be- beitet, hat sicherlich mit seiner Rolle als Oberzentrum in einem 
grünungsmaßnahmen verlorengegangenen Stellplätze. noch wenig industrialisierten, agraisch strukturierten Umland zu 
Der Unterschied liegt im Detail. Zum Beispiel versucht die (Un. Wenig entwickelt sind daher beispielsweise Konzepte und 
Stadt über das nsnumen der Bebaungspläne den Grünflächen- Maßnahmen auf dem Energiesektor, die eher in Industrierevie- 
anteil langfristig zu erhöhen. Bei einer Bebauungsdichte von "CN heranreifen. _ 5 . 
50% darf die verbleibende nicht bebaute Fläche maximal bis zu Wichtig erscheint auch die vorgenommene Umstrukturierung 
einem Drittel versiegelt werden. Die restlichen zwei Drittel müs- der Verwaltung. Die Bildung von ämterübergreifenden Arbeits- 
sen begrünt und gärtnerisch gestaltet werden. Je 50 qm Fläche SIUPPCN kann unter Umständen mehr bewirken als das beste Ab- 
muß ein Baum gepflanzt werden, 1-geschossige Flachdachbauten EEE EAN U 
sind zu begrünen. Broschüren mit Ratschlägen des Gartenamtes ren In der Schublade verschwindet. vielleicht kann ın Freinurg 
 anumieren die Hauseigentümer zu  FossadenDesrupungen undfür Mitseinem Ansatz der „kleinen Schritte“ vermieden werden, daß 
die Pflege der bepflanzten Baumscheiben werden Patenschaften ann Nenn DB Stadterneuerung end die en 
an interessierte Bürger vergeben. annten ta erneuerungs onzepte umgesetzt wer en. Man- 
Trotz dieser positiven Ansätze, die über die übliche Wohnum- Cherorts wird die ökologische Stadterneuerung bereits so ge- 
feldverbeserung hinausführen, muß auch hier das soziale Frage- handhabt. Als Schlüsselbegriff zur Eröffnung neuer Fördertöp- 
zeichen, das für alle derartigen Programme gilt, betont werden. f©, weil die alten versiegt sind — allerdings ohne daß außer etwas 
Handelt es sich nicht wieder nur um die Initialzündung für die Oko-Schnickschnack wirklich strukturelle Anderungen anvisiert 
Umstrukturierung eines „heruntergekommenen“ Stadtteils mit Werden. Das zumindest scheint in Freiburg durch das Vernet- 
den negativen Folgen von steigenden Mieten und Verdrängung? Zungskonzept der Einzelmaßnahmen nicht so leicht möglich zu 
Das ist auch in Baden- Württemberg mit der für Privatleute finan- SCIP. Ein letztes: Auch für ökologische Stadterneuerung gelten 
ziell sehr vorteilhaften Regelung: Übernahme der Kosten zu 1/3 an En En Au kolng cher Umbau 
durch den Bund und zu 2/3 durch das Land —- also keine Anlieger- ann Aufwertung bedeuten und es bedarf anderer Instrumente, 
kosten — die natürliche Folge solcher Maßnahmen. Ein MEHEIIS. soziale Segregation und Verdrängung zu unterbinden. 
hender ökologischer Ansatz der Erneuerung eines Quartiers als Anmerkungen: 
Teil eines gesamten Stadtgebiets hätte zuallerst bei der sozialen 1) Broschüre der Stadt Freiburg, Westentwicklung, Freiburg 1987 
O6
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.