Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

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91 ARCH*, S. 87-92 
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Adolf Hoffmeister, Die Avantgarde 1930 in Prag 
Le Corbusier. 1928 lernte Teige Hannes schrieb.‘ Und so, praktisch ganz allein- Projekt für den Völkerbund wegen dessen 
Meyer kennen und inspiriert von dessen stehend, ließ er sich in eine internationale symmetrischem Plan und Monumentali- 
wissenschaftlichen Methoden und von Debatte mit Le Corbusier ein. Er veröf- tätstendenzen im Vergleich zu dem von 
dem Sachlichkeitskonzept von Mart fentlichte zunächst dessen Entwurf vom Hannes Meyer und Hans Wittwer erarbei- 
Stam® proklamierte er die These, Archi- Müundaneum, warf ihm Formalismus und teten Entwurf, dessen Form und Funktion 
tektur sei keine Kunst sondern Wissen- Akademismus vor und bezeichnete das ohne ästhetische, monumentale und land- 
schaft, und versuchte, die Unterstützung Projekt als eine Warnung an dessen Autor schaftliche Kriterien auskommt, und er 
Prager Architekten für diese Meinung zu und als Mahnung für moderne Architek- hob zum Schluß die Bemühungen der so- 
gewinnen, jedoch ohne nennenswerten tur.” Ein Jahr später schrieb er in der Stu- wijetischen Avantgarde und deren Pro- 
Erfolg. Ab und zu erklärte Teige den ei- die „Die Entwicklungsetappen“® in der gramm hervor, mit dem sie, zusammen 
nen oder anderen Entwurf für ein Ergeb- Zeitschrift „Stavba“ und in dem in gleich- mit der neuen Gesellschaftsklasse, ihren 
nis der wissenschaftlichen Methode inder namiger Publikation veröffentlichten Bei- „Kampf um die Zukunft“ führe.® Karel 
architektonischen Arbeit (insbesondere trag „Die internationale gegenwärtige Ar- Teige geriet so zu einer „instrumentalen“ 
das Bebauungsprojekt für Prag-Pankräc chitektur“ (MSA 1):® „Die lebende Ar- Auffassung der funktionalistischen Archi- 
mit Kollektivhäusern, erarbeitet voneiner chitektur unseres industriellen maschini- tektur: „Das Kriterium der Zweckdien- 
Gruppe Architekten aus der Linken Front stischen Zeitalters verläßt die artistischen, lichkeit, d.h. das einzige zuverlässige Kri- 
—P. Bücking, J. Gillar, A. Müllerovä, J.  formalistischen und ästhetischen Spekula- terium für die Qualität architektonischer 
Spalek), aber praktisch stieß er auf stille tionen des Akademismus, der künstleri- Produktion, führte die moderne Archi- 
Opposition in dieser Sache. „Die Schön- schen Architektur, reiht sich in den Pro- tektur dazu, daß sie den Mammutkörper 
heit moderner Form entspricht den wis- duktionsprozeß der gesamten Gesell- der Monumentalität verlassen und ihr Ge- 
senschaftlichen und mathematischen For- schaftsarbeit ein und will ihm dienen.“ hirn kultiviert hat: statt Monumente 
men, setzt eine wissenschaftliche, lebens- Teige spricht dabei über eine neue Welle, schafft die Architektur Instrumente.“°” 
bedingte Lösung voraus, aber sie kann in eine neue Generation, die ihren Vorgän- Le Corbusier reagierte auf diese Kritik 
wissenschaftlicher Weise nicht erreicht gern (Le Corbusier an der Spitze) sowohl freundlich, aber fest mit einem offenen 
werden. Sie ist und bleibt eine künstleri- in Theorie als auch in Praxis opponiert. Brief „Verteidigung der Architektur“, der 
sche Ausdrucksweise.“ schrieb Jaromir Und als Vertreter dieser Generation Alexander Vesnin dediziert wurde. In der 
Krejcar, Teiges Freund und beliebtester nennt er Hannes Meyer, Hans Wittwer, Einleitung erinnerte er an die alte Freund- 
tschechischer Architekt, in seiner Ab- Paul Artaria, Hans Schmidt, Mart Stam, schaft: „Die Tatsache, daß die Tschechen 
handlung „Ist Architektur Kunst oder Marcel Breuer und die sowjetische Grup- 
Wissenschaft?“. Auch andere Dev&tsil- pe O.S.A. (Ginsburg, Burow, Leonidow, 
Mitglieder opponierten gegen Teige. Vit Pasternak, Wladimirow).®” Teige warf Le 
Obrtel verkündete die Theorie vom „Neo- Corbusier bei allem Respekt für dessen 
konstruktivismus“, nach der „die Form KGenialität, mehrere theoretische Irrtümer 
des Objektes sich aus dem Maximumtech- vor: 1) Le Corbusier habe nicht verstan- 
nischer Möglichkeiten und aus der neuen den, daß Architektur keine Kunst, son- 
ästhetischen Ordnung ergibt, zum Unter- dern Wissenschaft sei. Teige lehnte Le 
schied von der konstruktivischen Archi- Corbusiers These ab, Architektur beginne 
tektur, die die Form von Objekten als blo- dort, wo die Maschine endet. 2) Luxusirr- 
ße Deduktion aus den technischen Mög- tum. Weder die Villa Garches noch eine 
lichkeiten der Masse betrachtet.“ Auf andere Luxusvilla könne eine aktive Tat in 
die Einwendungen der Architekten, er der Entwicklung der modernen Architek- 
kenne nicht den praktischen schöpferi- tur darstellen. 3) Verwendung von Eisen- 
schen Prozeß, reagierte Karel Teige mit beton, der, wie Teige meinte, Starre be- 
einem eigenen architektonischen Ent- deute, Petrifikation und Felsenfestigkeit 
wurf, dessen dilettantisches Ergebnis er gegenüber den Eisenkonstruktionen, die 
jedoch seiner ungenügenden ingenieur- mehr Variabilität und Adaptabilität bie- qo/f Hoffmeister, Der Dichter Vitezslav Nezval, 
wissenschaftlichen Ausbildung zu- ten. Teige kritisierte auch Le Corbusiers 7934 
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