Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

seit 1921 auf dem entstehenden Himmel unbeschränktes Feld von Qualität und eines Gedichtes besteht in der Weise, wie 
dieser neuen Zeit so stark erstrahlten, ist Schaffensglück, schrieb Le Corbusier an wir die Wörter anordnen, nicht aber, ge- 
in hohem Maße auch auf Ihre Wirkungzu- Teige im Zug nach Moskau, und auf der nau gesagt, in den neuen Wörtern, den 
rückzuführen. — Ihre Zeitschriften, Ihre Rückreise setzte er seine Antwort mit Schlagwörtern; eher umgekehrt: die all- 
Manifeste, Ihre Gedichte, Sie — Teige, konkreter Verteidigung des Mundaneums täglichen Wörter sind es, die einen genau- 
Nezval, Krejcar etc., das kann den Auf- fort. Er berief sich auf einen auf Architek- en Sinn haben, sie sind reine Wörter. Ein 
enthalt in Prag so fesselnd machen, und turgesetzen beruhenden Lyrismus; diese Gedicht ist gelungen, d.h. sachlich, wenn 
zwar nicht durch tiefgehende und weise Gesetze basieren auf Technikquellen und die Qualität der Wortanordnung gut ist. 
Diskussionen über „sachliche“ Fragenun- wurden 1927 in fünf Punkten formuliert. Also, ich gerate immer hierher und Sie ha- 
seres Lebens, sondern durch Lebhaftig- Er war überrascht, daß Teige zwei seiner ben mich hingeführt. Hier werde ich ver- 
keit, mit der Sie auf Probleme reagieren, Projekte unterscheide: das Zentrosojus- harren...“”” 
und durch Impulsivität, ja durch die Flü- gebäude als ein Werk der modernen Ar- Und im Epilog wiederholt er noch ein- 
gel, die die vornehmen Geister über die chitektur, und das Mundaneum als ein mal seinen Standpunkt: „Wir sind auch 
Erdscholle erheben und ihnen ermögli- akademisches Werk, obwohl beide in sei- sachlich. Auf den Reißbrettern in.unse- 
chen, die Entwicklungslinie zuunterschei- nem Atelier gleichzeitig und im Sinne der rem Atelier werden nur streng konstrukti- 
den, vorzusehen und ‚vorher‘ zu bestim- fünf Punkte moderner Architektur ent- ve Zeichnungen gemacht. Aber in der At- 
men“, um danach in „offensive Verteidi- standen waren. Le Corbusier erklärt das mosphäre im Atelier herrscht ein Willen 
gung“ zu übergehen: „Sie spielensteifnak- historisch-philosophische Programm des für Architektur, der Willen, der uns führt 
kig Verstecken mit Wörtern. Wenn man Mundaneum wie es Paul Otlet formulier- und der der Arbeit Ordnung gibt und Or- 
den Wörtern ihre Bedeutung nimmt, ist te, betont, daß es die Grenzen der neuen ganismen schafft. Dieser Wille ist ein Aus- 
keine Diskussion möglich und es kommt Sachlichkeit überschreitet, und schreibt druck der Gefühlsfaktoren. Das ist Ästhe- 
zur Verwirrung. Bei den einen, d.h. bei weiter: „Die Architektur des Mundaneum  tik.“” 
Ihnen, ist es eine neue Romantik der Ma- entspricht völlig im praktischen und geisti- Im Schlußteil verliert er aber nicht die 
schine. Bei den anderen, den Praktikern, gen Sinne dem Ideenprogramm. Sie be- Hoffnung auf Verständigung: „Ich meine, 
ist es eine Art Polizeivorschrift, die viel- tritt das Gebiet des rein künstlerischen daß wir von etwas anderem beherrscht 
leicht als Scheuklappen wirkt um nicht Schaffens, sie ist pathetisch, lyrisch aufei- werden als von materiellen Ereignissen, 
fehlzugehen, oder vielleicht eher wie ner unnachsichtig rationellen und sachli- daß wir gleichsam an der Nasenspitze von 
Scheuklappen, die wir den Menschenmas- chen technischen Basis. Sie ist achsenwei- etwas Unabwägbarem geführt werden... 
sen an die Augen binden, um sie wie eine se komponiert und richtet sich nach ausge- Und ich meine auch, daß auch Sie, tempe- 
Herde in neue Abenteuer treiben zu kön- wogenen Verhältnissen einzelner Propor- ramentvoller und talentierter Apostel der 
nen, von denen sie nicht überzeugt sind, tionen, nach regulativen Trassen und nach Sachlichkeit, im Prinzip durch dieselben 
aber die ihnen wohltun werden... Wenn dem goldenen Schnitt: und das ist ein Ver- Prozesse wie wir denken und handeln. 
Sie die Rolle des Völkerführers spielen brechen gegen die Sachlichkeit.‘“”” Le Wenn ich über die Proportionen ein wenig 
wollen, haben Sie vielleicht recht, daß Sie Corbusier verteidigt die „traces regula- entzückt bin, finde ich, daß Sie über den 
sogar derartige Kriegsgesetze verhängen. teurs“: „Ich halte sie für nichts anderes als Moaschinismus begeistert sind. Dieser 
Ich aber bemühe mich ganz entschlossen, für ein Hilfsmittel. Sie präzisieren die Standpunkt ist allerdings sehr nützlich.‘”® 
meine volle Freiheit zu retten, mich, mei- Komposition und sind eigentlich schreck- Aber Karel Teige blieb unbelehrbar. In 
nen Geist, den Künstler und den Schöp- lich sachlich. Und die Anhänger der Sach- der „Antwort an Le Corbusier“ ””, mit der 
fer, der seine Anarchie behalten undseine lichkeit halten mich für einen Romanti- die Polemik endete, schreibt er: „Ihr 
Suche Tag für Tag leidenschaftlich fortset- ker, wogegen die Bohemiens meinen, ich Werk ist Initiative und führender Wert der 
zen will: die Suche nach Harmonie... Mei- sei ein Ingenieur, und zwar wegen dersel- modernen Architektur in der ganzen 
nes Erachtens nach ist die Ästhetik die ben traces regulateurs. Ein Dilemma? Ein Welt, Zeichen des Anbruchs einer neuen 
wichtigste Funktion des Menschen... Irrkreis?“’” Diese Traces werde man auch Epoche; Ihre historische Rolle kann, 
Jede menschliche Tat, die auf die Lö- aus dem Flugzeug lesen können. Und Le wenn ich mir einen Vergleich erlauben 
sung dieses Problems gerichtet ist, ver- Corbusier verteidigt weiter die Raum-und darf, der Rolle Picassos in der modernen 
birgt in sich auch eine architektonische Zweckgründe, die zur Verwendung der Malerei gleichgestellt werden. Aber die 
Funktion... Architektur ist überall und in Spiralpyramide führten, und bemerkt, Entwicklung ist weder bei Picasso noch bei 
allen Dingen, im Kriegsschiff ebenso wie daß sein architektonisches Vokabularaus- Ihrem Werk stehengeblieben. Die neue 
im Füllfeder oder Fernsprecher. Archi- schließlich auf Formen der euklidischen Generation, die an Ihre Arbeit anknüpft, 
tektur ist ein Phänomen des Schaffens, Geometrie beschränkt sei. Schließlich er- nimmt, insbesondere gegenüber Ihrer 
und sie hat deshalb Ordnung und führt klärt er die Beziehung zwischen dem Theorie, in manchen Punkten einen kriti- 
Ordnung ein. Man sagt ‚Ordnung’, sagt Mundaneum und der Situation: „Der Be- schen Standpunkt ein, sie lehnt Ihre Äs- 
‚Zusammensetzung’, d.h. ‚Komposition’. sucher des Museums ... kann einen 2500m thetik und Ihre Sozialorientierung ab.“ 
Komposition ist dem Menschengeist ei- langen, spiraligen Weg besteigen, auf je- Und er opponiert weiter gegen die Posi- 
gen: hier ist man Architekt und hier be- nen Terassen der Stufenpyramide, die die tion von Le Corbusier: Architektur sei 
kommt das Wort des Architekten einen Dächereinzelner Parallelschiffe sind. Was keine Kunst, keine Komposition, keine 
genauen Sinn.“® Er stellt die Architektur wird er, zum Teufel, auf dieser Galerie angewandte Kunst, sie sei eine Art Wis- 
in rein spirituale schöpferische Gebiete tun? Er wird die Landschaft betrachten, senschaft. Sie sei schön, wenn sie funk- 
der Komposition, sie ist „ein künstliches, und wenn er den Gipfel erreicht, wird er tionsperfektist. „Schade, daß die Villen in 
genaues und großartiges Formenspiel im den Druck der vier Seiten fühlen, und auf Garches und in Poissy so wenig Gemeinsa- 
Licht.“ Die Funktion des Schönensei,sagt der höchsten Plattform wird er die ganze mes mit dem Faß von Diogenes haben. 
Le Corbusier, unabhängig von der Funk- Landschaft erfassen. Hören Sie mal, Tei- Dieses Faß stellt nämlich wirklich in seiner 
tion des Nützlichen, und er glaubt des- ge, seien wir ernst zueinander: Ich bin der naiven Wahrheit den Gipfelpunkt von Ar- 
halb, auch ein Millionärshaus mit allen Meinung, daß der Mann vorbereitet, be- chitektur dar. Weder die Millionärsvilla mit 
technischen Errungenschaften könne Ka- arbeitet sein wird. Im Laufe des langsa- vollem Komfort noch die Millionenstädte 
rel Teige mit Wohlbehagen erfüllen. „Ar- men Steigens wird er seine alltäglichenLe- des Kapitalismus können mich mit Freude 
chitektur erscheint erst im Moment, in bensprobleme loswerden, er wird nicht füllen. Hier geht es um menschliche 
dem der menschliche Wille handelt, ein daran denken, ob seine Hosen gut gebü- Schlichtheit des Hauses, um Disziplin des 
schöpferisches Ziel verfolgend, wenn er gelt sind oder ob seine Verdauung in Ord- Minimums, denn wir leben nicht, um zu 
ordnet, die Elemente eines Problems nung ist. Und oben wird er den ersten Saai wohnen...‘“” Und schließlich übt Teige 
komponiert, um daraus eine organische der Prähistorie betreten. Teige, Sie sind Kritik am Mundaneum: „Es ist eine ideali- 
Einheit zu bilden.“ Dort finde man ein ein poetischer Mensch. Die Sachlichkeit stische Illusion, denn der kulturelle 
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