Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Brennpunkt, von dem Sie und Herr Otlet kann sich nicht durch Dankbarkeit und Tragkraft einiger Losungen entwertete, 
träumen, wird andernorts und in anderer Vergötterung aufhalten, und deshalb war die er selbst in der modernen Architektur 
Weise entstehen als unter dem Protekto- es notwendig, Ihr Zentrosojus alsein Mei- geprägt hatte,“ erschien in der Zeit- 
rat des Völkerbundes: Anzeichen dessen sterwerk der modernen Technik hochzu- schrift „Stavba“ kein Beitrag mehr, der 
sind die sowjetischen Kultur- und Erho- schätzen, aber auch eine Polemik mit Ih- von Le Corbusier autorisiert war. Die wei- 
lungsparks,‘“’” und fügt noch bei, die ar- rem Buch ‚Precisions’ zu schreiben, in tere Veröffentlichung des Werkes Le Cor- 
chitektonische Lösung derartig ideenfal- dem alle Thesen, die wir hier bestreiten, _busiers wurde von der Zeitschrift „Stavi- 
scher Programme führe zu monströsen Er- synthetisch formuliert sind. Es wäre also tel“ übernommen, die von der „SdruZeni 
gebnissen, zu einem modernistischen notwendig, eine Analyse Ihrer Theorie zu architekti“ (Vereinigung der Architek- 
Akademismus. Er lehnt den Kubus, das schreiben und sie als „Anti-Corbusier“ zu ten)“ herausgegeben wurde. Die Archi- 
Prisma und die Pyramide in der modernen betiteln.“”” tekten dieser Vereinigung waren zwar 
Architektur ab, falls sie ein apriorisches Diese Antwort Teiges bedeutete Spal- auch Mitglieder des von Teige initiierten 
Formkonzept und nicht ein Resultat der tung und das Ende Ihrer Freundschaft. Verbandes sozialistischer Architekten, 
rationellen Lösung sind, und er lehnt auch „Mein ehemaliger Freund und heute gro- aber sie schauten die architektonische 
den axial symmetrischen Städtebau und ßer Gegner,“ beklagte sich Le Corbusier Praxis realistischer an (d.h. sie weigerten 
den goldenen Schnitt ab, weil sie die ratio- in einem Gespräch mit Adolf Hoffmei- sich nicht, auch Villen und Paläste zu bau- 
nellen Postulate von Kommunikationund ster, und kurz danach hatte erauchdie Ge- en) und distanzierten sich von der These 
Sonnenorientierung nicht berücksichti- legenheit, sich zu überzeugen -mitseinem Teiges über „Architektur als Wissen- 
gen und einen antiken Charakter des Ent- Entwurf vom Palast der Sowjets -von der schaft“. Vit Obrtel, Karel Honzik und Jo- 
wurfs zur Folge haben. Denn der Plan Illusion Teiges. Sie beide trafen noch ein-  sef Havlitek sprachen sich mehrmals ge- 
wird von der Ökonomie des Ortes, vom mal - und wahrscheinlich auch das letzte gen diese These Teiges aus. „Wenn ir- 
Transport, von der Orientierung zur Son- Mal - beim 3. CIAM-Kongreß aufeinan- gendwelche Richtung die architektoni- 
ne diktiert. Moderne Architektur kann der. Der Kongreß fand in Brüssel vom 22. sche Schönheit, die menschliche Freude 
sich keiner mathematischen Formel un- bis 26. November 1930 statt.” Teige war über das feale Leben von Produkten der 
terwerfen, wenn diese der konkreten Auf- damals bereits ein Jahr lang in der neuge- Vernunft ersetzen will, ist es ein Irrtum, 
gabe fremd ist. Teige lehnt auch Le Cor- gründeten Linken Front tätig, deren Ar- der zu bekämpfen ist,“* schrieb Vit Obr- 
busiers göttliche Proportionen abundfor- chitektursektion er zur tschechoslowaki- tel in seiner Zeitschrift „Kvart“. Karel 
dert biologische Wahrheiten und mensch- schen CIAM-Gruppe erklärte. Auf die-  Honzik unterstützte Le Corbusier ganzof- 
lichen Maßstab. Er meint, das Mundan- sem Forum verkündete er auch das Archi- fen: „Der Zweck in seinem rein physi- 
eum könne auch vom Zentrosojus-Ge- tekturprogramm des Klassenkampfes. schen Sinne ist zu einer Gottheit erhoben 
bäude besiegt werden, das nicht entspre- Diese Tätigkeit Teiges gipfelte in dem worden, und diese Gottheit der Theorie 
chend dem goldenen Schnitt und den tra- Buch „Die kleinste Wohnung“ und in der moderner Architektur. bekämpfte jeden 
ces regulateurs projektiert wurde, und Gründung des Verbandes sozialistischer Funken von Form bzw. Ausdruck. In der 
hebt das Vorbild des sowjetischen Kon- Architekten im Jahre 1932. Alserindem letzten Zeit wurde Le Corbusier in den 
struktivismus hervor, der „keine Manifes- Artikel„Le Corbusier und die neue Archi- Müll geworfen, weil er sich weigerte, ne- 
tation der Seele, sondern ein Reflex des tektur“ Le Corbusier „einen typischen ben dem Begriff von Ökonomie, Hygiene, 
sozialistischen Aufbaus, Anwendung des bürgerlichen Intellektuellen“ genannt Konstruktion und Plan auf solche Attribu- 
dialektischen Materialismus in Architek- hatte, der „die revolutionierende Bedeu- te, wie Harmonie oder geheime Bauteile, 
tur, Leninismus des Bauwesensist. Es gibt tung der modernen Technik nicht verste- die weder quantitativ meßbar noch rein 
keine moderne Architektur außerhalb hen konnte“ und „sogar die revolutionäre vernunftskritisch einschätzbar sind, zu 
dieser Meinung, und alle ästhetischen 
Spekulationen und Formalismen sind 
Akademismus der alten Welt... Wir wis- 
sen, daß es freudevolle und freie Arbeit . 
gibt: kommunistische Samstage, soziali- 
stischen Wettbewerb, und Stoßarbeitsbri- 
gaden als die jüngste Form. Wir wissen, 
worin der Unterschied zwischen dem 
Lohnroboter und dem freien Schaffen 
liegt... Und da, wie wir sagen, die Funk- 
tion. der Architektur in ihrem breiteren 
Sinne auch die Organisation von Arbeit 
und Leben umfaßt, ist es auch notwendig, 
daß die moderne Architektur die sozialen 
Fakten, die Existenz des Klassenkampfes, 
die Postulate des sozialistischen Aufbaus . 
eindeutig zur Kenntnis nimmt und dazu Adolf Hoffmeister: 
auch Stellung bezieht. Diese Stellungnah- N ECHT 
me stellt auch das Kriterium dar, ob die ge- Karel Teise, 1930. 
gebene Architektur an der Seite der histo- Aus: Rozpravy 
rischen Avantgarde oder der Reaktion 47% @ Pras, Is 
steht... Manche Leute, die bis jetzt im sel- 
ben Lager standen, scheiden sich heute: 
einige gehen nach rechts, andere nach 
links oder bleiben auf dem halben Wege 
und zeigen, was sie erreichen konnten, 
zeigen die Grenze, hinter der sie nicht 
mehr Avantgardisten und Revolutionäre 
sind.“ Teige schließt herausfordernd die 
Debatte: „Wir werden nicht das bestrei- 
ten, was Ihnen die neue Architektur zu 
verdanken hat. Aber die Entwicklung 
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