Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Stellvertretend für die Tradition der Landschaftszimmer mit durchgehenden, bemalten Wandbildern in Privathäusern: Oberwil (Baselland) 
Panorama von Basel im Studierzimmer des Pfarrhauses um 1830 (Uns. K.d.mäler 23/1972) 
Vernunft an; die Lyrik von einst hatte ich sischen Wortschöpfungen wie beispiels- und Ideen auf die Projekte Le Corbusiers 
überwunden; ich hatte das Gefühl, mich weise „Garten-Stadt“ zeigt deutlich das ausgeübt haben”. 
jener unserer Zeit, die ich schätze, ver- Bemühen des Architekten, eine Kontinui- 
schreiben zu müssen. Erstaunt darüber, tät zwischen seinen eigenen Ansätzen und 7 . 
zusehen, daßich also die augenblicklichen schon vorhandenen Denkmustern herzu- Die paradpxe Topologie des Panoramas 
Hindernisse kühn überwand, meinten stellen, beziehungsweise sich zu Nutze zu Die Wirkung des Illusionismus im Panora- 
meine Freunde: ‚Du bschäftigst dich mit machen. Le Corbusier liebt es, für seine ma besteht darin, durch technische Ver- 
dem Jahre 2000?’ Überall schrieben die architektonischen Projekte zu werben, in- fahren den Blick derart zu manipulieren, 
Journalisten: ‚Die Stadt der Zukunft.’ Ich demer zeigt, daß und inwiefern diese nicht daß auf der Ebene der Vorstellungskraft 
aber hatte diese Arbeit ‚eine Stadt der Ge- nur technischen, sondern sogar logische die Utopie einer Aufhebung der Gegen- 
genwart’ genannt, ‚Gegenwart’, denn das Grenzen aufheben. sätze erreicht wird. Kurzum, den spezifi- 
Morgen gehört niemandem.“ Im Schluß- Der Bautyp des Panoramas nun verkör- schen Reiz des Panoramas beschreiben zu 
kapitel mit dem bezeichnenden Titel Zah- pert einen Widerspruch insich: erhebtdie wollen, führt uns dazu, gleicherweise 
len und Verwirklichung fährt Le Corbu- Grenzen zwischen Innen- und Außen- wünschenswerte, aber gegensätzliche 
sier fort: „Ich ziehe nicht aus, meine Stadt raum mit illusionistischen Mitteln schein- Vergnügungen aufzuzählen, die — wie 
in Utopien zu bauen. Ich sage: Hier, und bar auf. Doch wurde im XIX. Jh. immer kraft eines Zaubers — sich nicht mehr ge- 
nichts wird sich daran ändern.“ wieder die Unvollkommenheit der illusio- genseitig ausschließen: 
Dieser rhetorische Kunstgriff, utopi- nistischen Wirkung bemängelt, so als ob @ das Vergnügen zugleich in der Stadt 
sche Motive in der Gegenwart zu behan- die Aufhebung des Gegensatzes von In- und in der Natur zu sein 
deln, ist typisch für Le Corbusiers publizi- nen und Außen in der Tat sich erreichen ® das Vergnügen des Reisens, ohne sich 
stische Tätigkeit. Darauf hat bereits Fran- ließe. Die Vorschläge zur „Verbesserung“ von der Stelle bewegen zu müssen 
coise Choay hingewiesen". Unser Interes- des Panoramas, die seinerzeit von den Pa- @ das Vergnügen des Verweilens des Au- 
se hier gilt jedoch auch der Frage, wie Le tentämtern urheberrechtlich geschützt genblicks (oder des Gegenwärtigseins der 
Corbusier diese rhetorische Figur in die wurden, bilden eine beinahe endlose Li- Vergangenheit) während die Zeit läuft 
architektonische Praxis umgesetzt hat. ste”. Im ausgehenden XIX. Jh. gehörte @® das Vergnügen überrascht zu werden, 
Aufschlußreich für diese Fragestellung das Panorama als ungelöstes Problem obgleich man den Zufall unter Kontrolle 
sind insbesondere die „Immeuble-villa“, noch immer in den Bereich des Utopi- hat 
die den Gegensatz von Einfamilienhaus schen. Jedem, der die Realisierbarkeit ® das Vergnügen „oben“ zu sein, ohne 
und Mietshaus aufheben soll, oder die utopischer Wünsche beweisen wollte, bot die Unannehmlichkeiten des Aufstiegs 
„Terrains artificiels“ („künstliche Gelän- es sich mithin als Herausforderung sowie aufsich nehmen zu müssen. (Der Standort 
de“), durch welche die Wohnung auf den als Kriterium der eigenen Fähigkeitenan. des Betrachters im Panorama imitiert die 
Baugrund bezogen bleiben soll, selbst Im folgenden unternehmen wir den Bedingungen eines erhöhten und zentra- 
wenn mehrgeschossig gebaut wird. Die Versuch, festzustellen, welchen Einfluß len Aussichtspunktes. Die Plattform 
Verwandtschaft solch paradoxer Wort- die mit dem Bautyp des Panoramas in Zu- kommt einem Belvedere gleich, einem 
schöpfungen Le Corbusiers mit zeitgenös- sammenhang stehenden Vorstellungen Wacht- oder Kirchturm, einem Gipfel. 
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