Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

von dem aus der Blick widerstandslosüber ners an die räumlichen Werte Innen-Au- dem dekorativen System, der Einrichtung 
das Feld eines totalen Horizontes gleiten ßen, Zentrum-Peripherie, Oben-Unten, und den Fensteröffnungen konnte erst da- 
kann. Neben der Höhe ist die Seltenheit Geschlossen-Offen Rechnung trägt, so von da an als störend empfunden werden, 
eine weitere Eigenschaft solcher Standor- bleibt das Panorama überdeterminiert als man: 
te: Es gibt nur wenige davon und sie kön- durch den noch immer irreduktiblen Ge- 1) von der bildlichen‘ Darstellung einen 
nen lediglich eine geringe Anzahl von Be- gensatz öffentlich/privat: die Freuden, die Realitätseffekt erwartete, der dem durch 
suchern aufnehmen. So gesellt sich zur es gewährt, sind nur genießbar gegen bare den Ausblick aus dem Fenster bewirkten 
Euphorie des dominierenden Blicks jene Münze. Versuchen wir nun herauszufin- Eindruck gleichwertig oder gar überlegen 
des exklusiven Privilegs.) den, warum die Befriedigung der genann- sein sollte, und als man 
® das Vergnügen im Zentrum zuseinund ten Erwartungen einem speziellen Gebäu- 2) jede Möglichkeit verloren hatte, har- 
gleichwohl die fernen Horizonte genies- de übertragen werden mußte und nichtin monische Entsprechungen herzustellen 
sen zu können der Privatsphäre verwirklicht werden zwischen den ästhetischen Qualitäten des 
® das Vergnügen, sich geschützt zu füh- konnte. Anschließend werden wir dann Innenraumes und jenen des die Wohnung 
len, ohne Einbuße an Freiheit. die Problematik des Privatisierungspro- umgebenden Außenraumes. 
Die Vermittlung dieser widersprüchli- zesses jener Komfortqualitäten skizzie- Diese beiden Punkte führen uns dazu, die 
chen Forderungen des Stadtbewohners ren. Veränderung der Wahrnehmungsge- 
hält im XIX. Jh. als Aufgabe Einzug in die wohnheiten sowie das Problem der Ver- 
Pläne zur Erhöhung des städtischen Kom- 0 N städterung mitzuberücksichtigen in unse- 
forts. Architekten, Ingenieure, Techniker Das vie EEE unser rer N Bestandsaufnahme der Zwänge. die 
und Erfinder aller Art machen sich daran, Zunächst sei daran erinnert, mit welchen das Entstehen des Panoramas innerhalb 
technische Lösungen zu finden, die diese Worten die vom Institut de France beauf- der Wohnung verhindert haben. 
Bedürfnisse dauerhaft befriedigen sollen, tragte Expertenkommission die für die 1) Der Erwartungshorizont des Betrach- 
oder sie hegen zumindest die Hoffnung, Wirkung des Panoramas notwendigen ters/Bewohners: Man muß sich davor hü- 
daß solche Lösungen in Zukunft sich fin- Wahrnehmungsbedingungen beschrieben ten, die mit durchgehenden, bemalten 
den lassen. Im Laufe des XIX. Jh. entsteht hat: „Das Panoramaist die Art, eingroßes Wandbespannungen ausgestatteten 
so eine ganze Reihe von Gebäudetypen, Bild dergestalt darzustellen, daß das Auge Landschaftszimmer rückblickend als Vor- 
die den städtischen Raum einem künstli- des Anschauers nach und nach einen gan- gänger des Panoramas zu betrachten — als 
chen Paradies anzugleichen suchen. Die zen Horizont im Gemälde erblickt, und Vorgänger, die aufgrund der noch nicht 
meisten von ihnen tendieren zum Idealei- vollkommen getäuscht wird. Unsere Sin- weit genug fortgeschrittenen Entwicklung 
ner unsichtbaren Architektur, indem sie ne, besonders das Gesicht, unterliegen der illusionistischen Techniken relativ un- 
die Transparenz bestimmter Materialien leicht der Täuschung. (...) Größe und Ent- wirksam blieben. Im Gegenteil, ursprüng- 
(Glas) sowie gewisser Leichtkonstruk- fernung kann von selben nie ohne Hülfs- lich waren jene Innenausstattungen in sich 
tionssysteme (Gewächshäuser, Winter- mittel beurtheilt werden; und jenes Hülfs- nicht widersprüchlich, da sie auf der Ebe- 
gärten, Ausstellungshallen, Kaufhäuser, mittel ist die Vergleichung; und wo diese ne des Symbols und nicht der Illusion de- 
Passagen, usw.) maximal ausnutzen”. Unterstützung mangelt, ist es (das Auge) codiert wurden”. Geht man von einer sym- 
Was das Panorama anbetrifft, so behältes immer der Täuschung unterworfen. (...) bolischen Lektüre aus, so vermag der 
das massive Gehäuse und die damit gege- Diese Täuschung wird also durch Hinweg- Gartenteppich ebenso wie die mit Girlan- 
bene Konnotation von Sicherheit bei, zielt räumen aller Gegenstände (die mit jenen den und Grotesken gerahmte und mit 
aber darauf ab, den Verlust der Empfin- auf dem Gemälde verglichen werden dürf- ländlichen Motiven versehene Wandver- 
dung des Außenraumes durch eine besse- ten) hervorgebracht, so daß der Anschau- kleidung den Charakter des Innenraumes 
re Koordination der Simulationstechni- er zweifeln muß, ob er Natur oder Kunst tatsächlich zu verwandeln und seine Be- 
ken wettzumachen. Das Panorama ver- erblicke.“” grenztheit aufzuheben. Die Problematik 
herrlicht den Glauben an den Fortschritt, In der Perspektive dieser Analyse istdas einer rigorosen Kontrolle der Wahrneh- 
indem es der Idee huldigt, die Schaffung Haus in doppelter Hinsicht ungeeignet, mungsbedingungen und die Notwendig- 
eines künstlichen und gänzlich autarken den illusionistischen Effekt des Panora- keit, die „demystifizierenden“ 
Mikrokosmos — eines höheren Abbildes mas erfüllen zu können: einerseits auf- Vergleichspunkte (die Fenster) auszu- 
der wirklichen Welt — sei eine reale Mög- grund seiner Einrichtung und andererseits schalten, entsteht genau in dem Moment, 
lichkeit oder zumindest ein wünschens- gerade wegen der Fenster, die das Künstli- als sich der Betrachter nicht mehr mit der 
wertes Ziel. che der Darstellung in nicht wieder korri- symbolischen Wirkung des Dekors auf die 
Als öffentliche Einrichtung bringt das gierbarer Weise „entlarvt“. Die reale Identität des Innenraumes zufrieden gibt, 
Panorama gewisse Komfortqualitäten in Landschaft, die draußen sichtbar wird, sondern wünscht, die Illusion zu genie- 
die Stadt. Doch auch wenn eseinerstesto- „widerspricht“ der Landschaft, die im In- ßen, ein anderer (zur Natur hin offener) 
pologisches System aufstellt, welches der nern dargestellt ist. Doch dieser „Wider- Raum breche in den materiellen Rahmen 
ambivalenten Bindung des Stadtbewoh- spruch“ im Innern des Hauses zwischen der Architektur derart ein, daß deren ef- 
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