Serie - Rezensionen - Leserbriefe
Hrsg.: Gerhard Fehl/Juan Rodriquez-Lores
STÄDTEBAU UM DIE JAHRHUNDERTWENDE
Materialien zur Entstehung der Disziplin Städtebau
Deutscher Gemeindeverlag W. Kohlhammer 1980, DM 19.-Ein
Buch über den Städtbau um die Jahrundertwende?
Planungsgeschichte ... ist
das denn heute von Interesse? Dieser
Frage - verständlich angesichts mancher
Texte zu diesem Thema, verständlich
aber auch angesichts der »Enthistorisierung«
aktueller Planungsdiskussion -
wird von den Herausgebern dieses Buches
nicht ausgewichen, im Gegenteil,
man verweist auf die Notwendigkeit einer
neuerlichen Diskussion dieser Frage.
Abgelehnt wird zunächst die traditionelle
Betrachtung der Geschichte um der
Geschichte willen oder die beschönigende
Mystifikation dieser Geschichte zur
Legitimation heutiger Planungspraktiken,
in deren Zusammenhang die isolierte
Darstellung einzelner »herausragender«
Persönlichkeiten, der Ideen und
Plän e dieser Männer (Frauen gibt es
nicht in dieser Geschichte) ihren sichern
Platz hat. Nein also zur Sammlung und
Beschreibung »zusammenhangloser
Fragmente der Vergangenheit«. Ja dagegen
zu einer Konzeption der Planungsgeschichte
als handlungsorientierender
Forschung, als notwendigem Untersuchungsschritt
zur Entwicklung einer
Theorie der Planung und zur Erarbeitung
von Strategien, die die gesellschaftlichen
Bedingungen des Planungsprozesses verändern.
Historische Erkenntnis wird so
zur politischen Erkenntnis. Wesentliche
Voraussetzung: Planungsgeschichte
muß als Teil der Gesellschaftsgeschichte
begriffen werden, damit als konfliktueller,
ideologieproduzierender Prozeß.
Der im Vorwort formulierte Anspruch
wird - wie auch die Herausgeber betonen
- recht unterschiedlich realisiert. Der
Reader wird nicht als »einheitliches
Buch« präsentiert, sondern als Dokumentation
einer Vielfalt von Positionen
zur Planungsgeschichte, Positionen, die
anläßlich eines Seminars zur Geschichte
des modernen Städtbaus am Lehrstuhl
für Planungstheorie der RWTH Aachen
im Januar 1978 vorgestellt und für die jetzige
Veröffentlichung noch einmal überarbeitet
und erweitert wurden. Der Reader
ist damit selbst Ausdruck der widersprüchlichen,
kontroversen Entwicklung
der neueren historischen Planungsforschung.
Der programmatisch geforderten Methodik
entsprechen vielleicht am ehesten
die Beiträge der Herausgeber. Juan Rodriguez-Lores
stellt seine Analyse der
Theorie und Praxis des Stadtplaners Ildefonso
Cerdä in den Zusammenhang der
ökonomischen, sozialen und politischen
Entwicklung von Spanien und Barcelona
im 19. Jahrhundert. Daß Cerdä bei uns
weitgehend unbekannt geblieben ist,
liegt sicher nicht an der »Qualität« seiner
Arbeit, sondern an der Ignoranz einer
Planungsgeschichte, die für »Außenseiter«
keinen Platz hat: Cerdä paßt weder
in die Kontinuität scheinbar unpolitischer,
angepaßter Stadtplanung noch in
die Geschichte der (oft als Spielwiese begriffenen)
Planungsutopien. Seine handlungsorientierte
Theorie des Städtbaus
wendet sich gegen den Mechanismus der
Grundrente, gegen die Privatisierung der
Stadt, sie ist parteilich, für die Arbeiterklasse,
seine Planung ist strategisch, damit
voller Kompromisse.
Der auch anläßlich des 100. Todestages
1976 kaum gebrochenen Ignorierung
von Cerdä entspricht - keineswegs zufällig
- eine zunehmende Verehrung von
Camillo Sitte, dessen Bedeutung Gerhard
Fehl vor dem Hintergrund der Geschichte
des deterministischen ästhetischen
Denkens (d.h. der Annahme einer
gesetzmäßigen Wirkung eines Kunstwerkes
auf den Betrachter) neu bewertet.e
Sitte - von konservativer, auch faschistischer
Seite immer wieder instrumentalisiert
- erweist sich als Vertreter des von
der ökonomischen und politischen
Macht ausgeschlossenen »deutschen Bildungsbürgertums«,
der mit seinem Programm
des »Stadtbaus als Kunstwerk«
konservativ orientierte erzieherische
Wirkungen erstrebt, und zwar sowohl für
die »Gebildeten« wie für das »einfache
Volk«. Mit dieser autoritären Interpretation
des Städtebaus (die z.B. auf ine Steigerung
des »Heimatgefühles« zielt) korrespondiert
ein völliges Außerachtlassen
gesellschaftlicher Probleme der modernen
Großstadt. Für einen sozialorientierten
Städtebau, so die Schlußfolgerung
von Fehl, »bietet Sitte heute so wenig wie
zu seiner eigenen Zeit eine Anregung.«
Weitere Beiträge thematisieren
Aspekte der englischen Planungsgeschichte,
die Ursprünge der modernen
Raumordnung und Landesplanung in
Deutschland und - mit übergreifendem
Warum aber Planungsgeschichte der
Zeit um die Jahrhundertwende? Weil damals
die »noch wirksamen ’Wurzeln‘ unserer
Gegenwart« entstanden: die über
die Bodenrente vermittelten Mechanismen
kapitalistischen städtischen Wachstums,
die daran geknüpften sozialen Interessen,
politischen Allianzen, die Institutionalisierung
des Planungsapparates
und einer begleitenden Wissenschaft, als
der »moderne Städtebau« mit seinen
Denkweisen, Methoden, Instrumenten.
In dieser Zeit entfalteten sich viele gesellschaftliche
Probleme, die uns auch heute
nicht fremd sind: Wohnungsnot, Bodenspekulation
usw. Gleichzeitig konkretisierte
sich der moderne Widerspruch zwischen
der offiziell als »Städtbau« bezeichneten
Praxis öffentlicher Instanzen und
dem »eigentlichen« Städtbau, d.h. der
Praxis der Spekulanten, Banken, Baufirmen
usw., die ihrerseits die eigenen Interessen
gegeneinander und in Konflikt mit
den Betroffenen durchsetzen, es konkretisierete
sich der Widerspruch zwischen
öffentlichen Plänen und realer Entwikklung
einer durch und durch privatisierten
Stadt. Planungsgeschichte wird damit
erst durch die Untersuchung dieser dialektischen
Zusammenhänge möglich, als
Entideologisierung des modernen Stadtbaus,
dessen »Sprache« nur vor dem Hintergrund
der »historischen Wirklichkeit«,
d.h. der Prozesse des Wachstums der
Stadt, der tatsächlichen Kontrolle über
die Stadt und der Kämpfe um diese Kontrolle
verständlich wird.
Anspruch - »die Rolle der Stadtplanung
beim Aufbau der kapitalistischen Stadt«.
Derletztgenannte Titel des Beitrages von
Giorgio Piccinato erweckt besonderes Interesse,
das allerdings - auf sechs Seiten -
nicht voll befriedigt werden kann. Es werden
eine Fülle diskussionswerter, konzentrierter
Thesen vorgestellt, deren
Ableitung und Erörterung allerdings an
dieser Stelle nicht geleistet werden kann
(es sei hier als Ergänzung auf das 1977 bei
Officina Edizioni, Rom, erschienene
Buch »La costruzione dell’urbanistica,
Germania 1871 -1914« verwiesen). Piccinato
stellt folgende zentrale These ins
Zentrum seiner Ausführungen: »Stadtplanung
besteht - als allererstes um solch
enormen Reichumg zu gewährleisten,
den die Grundrente darstellt.«
Wolfgang Hoffmanns Beitrag zu den
Ursprüngen der modernen Raumordnung
und Landesplanung in Deutschland
überschreitet das traditionelle
Interessensgebiet der Planungsgeschichte:
den Städtbau. Das Wachstum »städtischer
Schwerpunktgebiete« wird als Bestandteil
einer großräumigen Entwikklung
analysiert, die gleichzeitig »die
Herausbildung von zurückfallenden Gebieten
mit späterer und nur teilweiser Industrialisierung
sowie die Abwanderung
der Bevölkerung aus rein agrarischen Gebieten«
umfaßt. Nicht nur in den Ballungsgebieten,
sondern auch (und das
steht in Widerspruch zur bisherigen Geschichtsschreibung)
in den Agrargebieten
lassen sich zur Jahrhundertwende erste
Ansätze einer Raumordnungspolitik
nachweisen.
Von den Beiträgen zur englischen Planungsgeschichte
ist zunächst die Diskussion
des Zusammenhangs zwischen
Stadtplanungsbewegung und spätviktorianischer
Stadt von Gordon E. Cherry zu
nennen. Cherry betont in traditioneller
Weise vor allem den Einfluß der »Reformbewegungen«
(Wohnungs-, Sozialund
Bodenreformen) sowie der »philanthropischen
Experimente« (von Unternehmern
gebaute Werksiedlungen) auf
die Herausbildung der Stadtplanung in
Großbritannien. Helen Meller beschreibt
die Person von Patrick Geddes,
des »Naturwisschaftlers und Evolutionisten«,
der nach 1904 auf die Stadtplanungsbewegung
Einfluß nahm. Anthony
Sutcliffe erörtert die Verbindungslinien
der Stadtplanungsbewegung in Deutschland
und Großbritannien, wobei er
insbesondere auf die Bedeutung der
deutschen Stadtplanungspraxis für die
Entwicklung der englischen Stadtplanung
verweist. Im übrigen zeigt Sutcliffe,
daß zur Jahrhundertwende »ausländische
Erfahrungen« oft nur »zurechtgebogen«
zitiert werden, um eigene Forderungen
durchzusetzen, eine Produktion von
Mythos, die auch heute noch verbreitet
ist und eine ähnliche Rolle wie die Mythologisierung
der Planungsgeschichte
spielt.
Insgesamt betrachet leistet das Buch
einen wichtigen Beitrag zur Entideologisierung
der Planungsgeschichte. Interessant
ist es nicht nur für »Spezialisten« der
Geschichtsforschung, sondern für alle,
die sich mit gesellschaftlichen Bedingungen
von Planung auseinandersetzen. Einer
Verbreitung des Readers steht diesmal
der Preis nicht entgegen: Das Buch
kostet 19 DM.