Volltext : Chemical news and Journal of physical science (Volume 43, 1881 (January - June))

Serie - Rezensionen - Leserbriefe

Hrsg.: Gerhard Fehl/Juan Rodriquez-Lores
STÄDTEBAU UM DIE JAHRHUNDERTWENDE
Materialien zur Entstehung der Disziplin Städtebau
Deutscher Gemeindeverlag W. Kohlhammer 1980, DM 19.-Ein

 Buch über den Städtbau um die Jahrundertwende?
 Planungsgeschichte ... ist
das denn heute von Interesse? Dieser
Frage - verständlich angesichts mancher
Texte zu diesem Thema, verständlich
aber auch angesichts der »Enthistorisierung«
 aktueller Planungsdiskussion -
wird von den Herausgebern dieses Buches
 nicht ausgewichen, im Gegenteil,
man verweist auf die Notwendigkeit einer
 neuerlichen Diskussion dieser Frage.
Abgelehnt wird zunächst die traditionelle
 Betrachtung der Geschichte um der
Geschichte willen oder die beschönigende
 Mystifikation dieser Geschichte zur
Legitimation heutiger Planungspraktiken,
 in deren Zusammenhang die isolierte
 Darstellung einzelner »herausragender«
 Persönlichkeiten, der Ideen und
Plän e dieser Männer (Frauen gibt es
nicht in dieser Geschichte) ihren sichern
Platz hat. Nein also zur Sammlung und
Beschreibung »zusammenhangloser
Fragmente der Vergangenheit«. Ja dagegen
 zu einer Konzeption der Planungsgeschichte
 als handlungsorientierender
Forschung, als notwendigem Untersuchungsschritt
 zur Entwicklung einer
Theorie der Planung und zur Erarbeitung
von Strategien, die die gesellschaftlichen
Bedingungen des Planungsprozesses verändern.
 Historische Erkenntnis wird so
zur politischen Erkenntnis. Wesentliche
Voraussetzung: Planungsgeschichte
muß als Teil der Gesellschaftsgeschichte
begriffen werden, damit als konfliktueller,
 ideologieproduzierender Prozeß.

Der im Vorwort formulierte Anspruch
wird - wie auch die Herausgeber betonen
- recht unterschiedlich realisiert. Der
Reader wird nicht als »einheitliches
Buch« präsentiert, sondern als Dokumentation
 einer Vielfalt von Positionen
zur Planungsgeschichte, Positionen, die
anläßlich eines Seminars zur Geschichte
des modernen Städtbaus am Lehrstuhl
für Planungstheorie der RWTH Aachen
im Januar 1978 vorgestellt und für die jetzige
 Veröffentlichung noch einmal überarbeitet
 und erweitert wurden. Der Reader
 ist damit selbst Ausdruck der widersprüchlichen,
 kontroversen Entwicklung
der neueren historischen Planungsforschung.

Der programmatisch geforderten Methodik
 entsprechen vielleicht am ehesten
die Beiträge der Herausgeber. Juan Rodriguez-Lores
 stellt seine Analyse der
Theorie und Praxis des Stadtplaners Ildefonso
 Cerdä in den Zusammenhang der
ökonomischen, sozialen und politischen
Entwicklung von Spanien und Barcelona
im 19. Jahrhundert. Daß Cerdä bei uns
weitgehend unbekannt geblieben ist,
liegt sicher nicht an der »Qualität« seiner
Arbeit, sondern an der Ignoranz einer
Planungsgeschichte, die für »Außenseiter«
 keinen Platz hat: Cerdä paßt weder
in die Kontinuität scheinbar unpolitischer,
 angepaßter Stadtplanung noch in
die Geschichte der (oft als Spielwiese begriffenen)
 Planungsutopien. Seine handlungsorientierte
 Theorie des Städtbaus
wendet sich gegen den Mechanismus der
Grundrente, gegen die Privatisierung der
Stadt, sie ist parteilich, für die Arbeiterklasse,
 seine Planung ist strategisch, damit
 voller Kompromisse.
Der auch anläßlich des 100. Todestages
 1976 kaum gebrochenen Ignorierung
von Cerdä entspricht - keineswegs zufällig
 - eine zunehmende Verehrung von
Camillo Sitte, dessen Bedeutung Gerhard
 Fehl vor dem Hintergrund der Geschichte
 des deterministischen ästhetischen
 Denkens (d.h. der Annahme einer
gesetzmäßigen Wirkung eines Kunstwerkes
 auf den Betrachter) neu bewertet.e
Sitte - von konservativer, auch faschistischer
 Seite immer wieder instrumentalisiert
 - erweist sich als Vertreter des von
der ökonomischen und politischen
Macht ausgeschlossenen »deutschen Bildungsbürgertums«,
 der mit seinem Programm
 des »Stadtbaus als Kunstwerk«
konservativ orientierte erzieherische
Wirkungen erstrebt, und zwar sowohl für
die »Gebildeten« wie für das »einfache
Volk«. Mit dieser autoritären Interpretation
 des Städtebaus (die z.B. auf ine Steigerung
 des »Heimatgefühles« zielt) korrespondiert
 ein völliges Außerachtlassen
gesellschaftlicher Probleme der modernen
 Großstadt. Für einen sozialorientierten
 Städtebau, so die Schlußfolgerung
von Fehl, »bietet Sitte heute so wenig wie
zu seiner eigenen Zeit eine Anregung.«
Weitere Beiträge thematisieren
Aspekte der englischen Planungsgeschichte,
 die Ursprünge der modernen
Raumordnung und Landesplanung in
Deutschland und - mit übergreifendem

Warum aber Planungsgeschichte der
Zeit um die Jahrhundertwende? Weil damals
 die »noch wirksamen ’Wurzeln‘ unserer
 Gegenwart« entstanden: die über
die Bodenrente vermittelten Mechanismen
 kapitalistischen städtischen Wachstums,
 die daran geknüpften sozialen Interessen,
 politischen Allianzen, die Institutionalisierung
 des Planungsapparates
und einer begleitenden Wissenschaft, als
der »moderne Städtebau« mit seinen
Denkweisen, Methoden, Instrumenten.
In dieser Zeit entfalteten sich viele gesellschaftliche
 Probleme, die uns auch heute
nicht fremd sind: Wohnungsnot, Bodenspekulation
 usw. Gleichzeitig konkretisierte
 sich der moderne Widerspruch zwischen
 der offiziell als »Städtbau« bezeichneten
 Praxis öffentlicher Instanzen und
dem »eigentlichen« Städtbau, d.h. der
Praxis der Spekulanten, Banken, Baufirmen
 usw., die ihrerseits die eigenen Interessen
 gegeneinander und in Konflikt mit
den Betroffenen durchsetzen, es konkretisierete
 sich der Widerspruch zwischen
öffentlichen Plänen und realer Entwikklung
 einer durch und durch privatisierten
 Stadt. Planungsgeschichte wird damit
erst durch die Untersuchung dieser dialektischen
 Zusammenhänge möglich, als
Entideologisierung des modernen Stadtbaus,
 dessen »Sprache« nur vor dem Hintergrund
 der »historischen Wirklichkeit«,
d.h. der Prozesse des Wachstums der
Stadt, der tatsächlichen Kontrolle über
die Stadt und der Kämpfe um diese Kontrolle
 verständlich wird.

Anspruch - »die Rolle der Stadtplanung
beim Aufbau der kapitalistischen Stadt«.
Derletztgenannte Titel des Beitrages von
Giorgio Piccinato erweckt besonderes Interesse,
 das allerdings - auf sechs Seiten -
nicht voll befriedigt werden kann. Es werden
 eine Fülle diskussionswerter, konzentrierter
 Thesen vorgestellt, deren
Ableitung und Erörterung allerdings an
dieser Stelle nicht geleistet werden kann
(es sei hier als Ergänzung auf das 1977 bei
Officina Edizioni, Rom, erschienene
Buch »La costruzione dell’urbanistica,
Germania 1871 -1914« verwiesen). Piccinato
 stellt folgende zentrale These ins
Zentrum seiner Ausführungen: »Stadtplanung
 besteht - als allererstes um solch
enormen Reichumg zu gewährleisten,
den die Grundrente darstellt.«

Wolfgang Hoffmanns Beitrag zu den
Ursprüngen der modernen Raumordnung
 und Landesplanung in Deutschland
 überschreitet das traditionelle
Interessensgebiet der Planungsgeschichte:
 den Städtbau. Das Wachstum »städtischer
 Schwerpunktgebiete« wird als Bestandteil
 einer großräumigen Entwikklung
 analysiert, die gleichzeitig »die
Herausbildung von zurückfallenden Gebieten
 mit späterer und nur teilweiser Industrialisierung
 sowie die Abwanderung
der Bevölkerung aus rein agrarischen Gebieten«
 umfaßt. Nicht nur in den Ballungsgebieten,
 sondern auch (und das
steht in Widerspruch zur bisherigen Geschichtsschreibung)
 in den Agrargebieten
 lassen sich zur Jahrhundertwende erste
 Ansätze einer Raumordnungspolitik
nachweisen.
Von den Beiträgen zur englischen Planungsgeschichte
 ist zunächst die Diskussion
 des Zusammenhangs zwischen
Stadtplanungsbewegung und spätviktorianischer
 Stadt von Gordon E. Cherry zu
nennen. Cherry betont in traditioneller
Weise vor allem den Einfluß der »Reformbewegungen«
 (Wohnungs-, Sozialund
 Bodenreformen) sowie der »philanthropischen
 Experimente« (von Unternehmern
 gebaute Werksiedlungen) auf
die Herausbildung der Stadtplanung in
Großbritannien. Helen Meller beschreibt
 die Person von Patrick Geddes,
des »Naturwisschaftlers und Evolutionisten«,
 der nach 1904 auf die Stadtplanungsbewegung
 Einfluß nahm. Anthony
Sutcliffe erörtert die Verbindungslinien
der Stadtplanungsbewegung in Deutschland
 und Großbritannien, wobei er
insbesondere auf die Bedeutung der
deutschen Stadtplanungspraxis für die
Entwicklung der englischen Stadtplanung
 verweist. Im übrigen zeigt Sutcliffe,
daß zur Jahrhundertwende »ausländische
 Erfahrungen« oft nur »zurechtgebogen«
 zitiert werden, um eigene Forderungen
 durchzusetzen, eine Produktion von
Mythos, die auch heute noch verbreitet
ist und eine ähnliche Rolle wie die Mythologisierung
 der Planungsgeschichte
spielt.
Insgesamt betrachet leistet das Buch
einen wichtigen Beitrag zur Entideologisierung
 der Planungsgeschichte. Interessant
 ist es nicht nur für »Spezialisten« der
Geschichtsforschung, sondern für alle,
die sich mit gesellschaftlichen Bedingungen
 von Planung auseinandersetzen. Einer
 Verbreitung des Readers steht diesmal
 der Preis nicht entgegen: Das Buch
kostet 19 DM.
            
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