Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1882, Bd. 1, H. 1/12)

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14)" Das ruhige Athmen im Liegen, Sitzen und langsamen Gehen. 
Hiebei verhalten sich Mann und Weib -- bei uns, ob überall 
möchte ich bezweifeln =- verschieden. Der Mann arbeitet hier nur 
mit dem Zwerchfell, wobei lediglich die 'untern Lungentheile sich wech- 
jelnd füllen und entleeren, während die obern ganz unthätig 
sind. Das Weib dagegen athmet =- offenbar größtentheils deßhalb, 
weil sie entweder durch das Tragen eines Korsettes oder da- 
durc<, daß sie die Kleider stet8 um die Lenden bindet, an der Zwerch- 
fellathmung etwas gehemmt ist, ausschließlich mit den obern Rippen 
also mit den Lungenspißen, und das ist die Ursache, daß sie relativ 
seltener vom Asthma befallen wird, als der Mann. 
2) Beim gesteigerten Athmen, wie es heftige Körperbewegungen 
erfordern, verschwindet beim Normalmensc<en der Unterschied zwischen 
Mann und Weib ; es athmen jetzt alle Theile gleichmäßig. 
Nun ist weiter klar: wenn ein Mann sißende Lebensweise hat 
und sehr selten oder nie durch stärkere Körperbewegung zum Stark- 
athmen gezwungen wird, so tritt zweierlei ein: 1) Verödung der un- 
thätigen Lungenspize mit folgender Schwerathmigkeit; 2) gewöhnt 
er sich an die auss<hließliche Zwer<fellathmung und ver- 
lernt die Rippenathmung vollständig. Tritt nun einmal das 
Bedürfniß ausgiebiger Athmung an ihn heran, so begeht sein Körper 
aus Gewohnheit den Fehler, dieß Bedürfniß lediglich durch Steigerung 
der Zwerchfellthätigkeit befriedigen zu wollen, anstatt die Rippen- 
athmung zu Hilfe zu nehmen. Die Folge ist eine zweifache : 
14) ist der Erfolg ein ungenügender, weil er nur mit den untern 
Lungenflügeln arbeitet, statt mit der ganzen Lunge. 
2) erzeugt die heftige Zwerchfellbewegung den oben beschriebenen 
Schmerz in der Herzgrube. 
Was war zu thun? da es besonders das Bergsteigen ist, welches 
erhöhte Athmungsthätigkeit erfordert, so dachte ich sofort an die Berg- 
völfer, und vor meinem innern Auge stand der von mir längst als 
deutscher „Normalmensch“ verehrte Tiroler mit seinem vorn fast 
zwei Hand breiten Gürtel. I< calculirte: wenn man einen 
jo breiten Gürtel trägt, so ist Zwerhfellathmen nur in beschränktem 
Maße möglich und das zwingt den Menschen , bei jeder Steigerung 
des Athmungsbedürfnisses die Rippen zu Hilfe zu nehmen, verhindert 
so 4) die Verkümmerung der Lungenspite durc< Nichtgebrauch, 2) das 
Verlernen des Rippenathmens und 3) das unmäßige schmerzerzeugende 
Zwerchfellathmen. 
- Sofort ließ ich mir aus festem Wollstoff einen Gürtel genau'"so 
breit wie der Tiroler Gürtel anfertigen, und das Resultat übertraf 
meine Erwartungen. Von Stunde an wurde mir das Tiefathmen 
beim Bergsteigen ganz bedeutend erleichtert, und namentlich von dem 
Schmerz war ich definitiv befreit und zwar sofort. 
Was natürlich nicht sofort möglich war, ist die Beseitigung 
der zweifellos vorhandenen Verödung meiner Lungenspiße. Ob und wie
	        

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