Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Tausende gehen jährlich in den östlichen Vereinigten Staaten an 
der Schwindsucht zu Grunde, deren einzige Ursache die jähen klimatischen 
Wechsel sind, und nirgends weiß man ein Mittel, diesem Uebel mit Erfolg 
entgegenzutreten. 
Geahnt haben nun die Amerikaner, ihrer praktischen Natur entspre- 
<hend, den Werth der Wollkleidung schon längst, und der erste Rath, den 
der Einwanderer hier erhält, ist der, niemals ohne wollene Unterhemden 
sich zu kleiden. Cinige Geschäftshäuser verkaufen nun mit enormem Ge- 
winn derartige Unterleibhen. Und doch ist es mit dem Normalhemd ver- 
ichen der schlechteste Stoff, den man sich denken kann. Halb Wolle, halb 
Baumwolle, verfaulen sie bei der gegenwärtigen Hie von 90--100 Grad 
Fahrenheit im Verlauf einer Woche geradezu auf dem Leibe, und von 
einem wohlthätigen Einfluß auf die Transpiration kann von vorneherein 
absolut nicht die Rede sein. Hier kann dem amerikanischen Volke nur die 
Normalkleidung helfen und sie wird es thun, denn die Amerikaner sind 
praktisch genug, um auf den ersten Blik den Werth Jhrer Entdeckungen 
zu würdigen. 
Wie viele Leute heute schon Jhre Normalkleidung in den Vereinigten 
Staaten tragen, weiß ich nicht, allein der kleine Kreis von Schwaben, mit 
dem ich zur Zeit verkehre, trägt durchweg das Normalhemd, und keiner 
von un3 legt es jemal3 wieder ab. Die gewaltige Hitze, welcher seit meh- 
reren Wochen täglich eine Anzahl Menschen zum Opfer fällt, belästigt uns 
kaum, denn es ist jedem wohl in seiner Haut. Gegen Modstitostiche bin 
ich meinerseits fast gänzlich unempfindlich, was in früheren Jahren mit den 
deutschen Sc<natken keineswegs der Fall war, 
Noch ein Vortheil von größter Bedeutung kommt der Normalkleidung 
zu: sie ist ein Schuß gegen die Seekrankheit, dieses Uebel, gegen welches 
bis jet kein einziges erfolgreiches Mittel bekannt war. Kein Wollener 
wird seekrank werden, das ist meine feste Ansicht. J< fuhr im leßten 
November im Zwischende> eines kleinen Dampfers herüber. Unsere Reise 
dauerte 20 Tage und wir hatten die furchtbarsten Stürme, so daß alle 
Reisenden von der Seekrankheit tüchtig mitgenommen wurden, 2 Herren 
und mich ausgenommen -- und wir steten in dev Wolle (wir Drei waren 
feinen Moment seekrank). 
Im nächsten September, beim Wiederbeginne der regelmäßigen Mee- 
ting3, werde ich im Franklin Institute (der ersten wissenschaftlichen Gesell- 
schaft Philadelphia's), sowie im technischen Vereine in Philadelphia Vor- 
träge über Ihre Entde>ungen halten, wozu ich in Folge einer Privat- 
diskussion aufgefordert wurde. 
Das Beste wäre freilich, wenn Sie, unser Meister, persönlich 
Ihre Lehre hier einführen könnten. 
ih Ihnen irgendwie zu nüßen, wird miv stets zur größten Freude ge 
reichen. 
Brooklyn, den 8. Juli 1883. GH: S. 
Kranfheitsduft in den Kleidern. Daß die Wolle, namentlich wenn 
sie gefärbt ist, sich nicht ganz indifferent gegen Krankheit5düfte und üble 
Gerüche verhält, weiß der Gn er schon aus meinen Mittheilungen über das 
Farbstoffregime. I< erhalte folgende weitere interessante Mittheilung über 
dieses Kapitel : Ein Fräulein, die aus Mangel an pekuniären Mitteln nicht 
sogleich sich eigene Wollhemden anschaffen konnte, nahm diesen Winter einige 
graue Flanellhemden ihres etwa ein Jahr zuvor verstorbenen Vaters in
	        

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