Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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„Dieses ist ja nur. in- figürlicher Bedeutung geredet“, bemerkte ich. 
„Georges Sand versteht die Sprache der Blumen und so thut auch 
Mistreß Hemans. Wollen Sie hören-was sie sagt in „the voice of spring“ 2“ 
Und mit der innigsten Andacht las er eine Strophe, deren“ Jnhalt war, 
daß in der stillen Nacht ein feines Ohr verschiedene Laute von jeder Blume, 
übereinstimmend mit einer jeden Charakter, wahrnehmen kann. 
; „Zweifeln Sie, daß die Blume einen Chärakter habe?“ fuhr er fort, 
meine Gedanken ahnend. „Die Blume hat eine Seele wie der Mensch.“ 
„Wie kann sie eine Seele haben, da sie ein sich selbst bestimmendes 
Wesen nicht ist? Sie kann sich ja-von ihrem Plat nicht bewegen.“ 
„Sie ist von anderer Natur als der Mensch und hat also nicht die- 
selben Fortschaffung3mittel, aber seen Sie eine Erbse ohne Stüße, und sie 
wird kriechen, bis sie eine solche in einem Gras oder so etwas findet.“ 
„Mag es so sein, aber das beweist nicht, daß sie eine Seele hat,“ 
fuhr ich eigensinnig fort. | 
„Die Blüme hat eine Seele, denn sie hat eine Neigung, einen Willen, 
den sie sehr bestimmt kund macht. Sehen Sie 3. B. diese Lonicera occi- 
dentalis; drehen Sie sie- re<ht38, wenn Sie können. - Sie will nach der 
linken Seite, und Sie können sie nicht zwingen nach der -rechten Seite hin 
zu ranken, ohne sie zu tödten oder zu verderben.“ 
Cinmal zeigte ex mir eine Aesche, die einem Wachholder von unge- 
wöhnlicher Größe sehr nahe stand. -- „Diese Bäume hassen einander,“ 
sagte er. „Fraxinus excelsior haßt Juviperus communis, aber ich ver- 
söhne sie durch Ribes alpinum, welches beide lieben.“ 
„Wollen Sie wirklich behaupten, daß die Pflänzen lieben und hassen 
können ?“ fragte ich. 
„Ganz gewiß, Crataegus oxyacantha und Prunus spinosa -- Hage- 
dorn und Schlehdorn -- leben wie Hund und Katze. Alles, alles in der 
Natur fühlt Antipathie und Sympathie. Ovidius sagt, daß nicht nur der 
Mens<, sondern jedes Atom des Universum3 liebt und haßt,“ 
In Mitten eines Teiches lag eine kleine Insel, auf welcher nur 
„shwarze“ Rosen wuchsen. Die Brücke der Insel war zugeschlossen, und 
als ich ihn bat, hinübergehen zu dürfen, um die weitberühmten „Trauer- 
rosen“ des Alten zu sehen, mußte ich ihm versprechen, nicht ein Wort zu 
sagen, so lange wir auf der Jnsel waren. Al5 ich diese üppigen sammet- 
artigen Blumen betrachtet hatte und wir wieder auf der anderen Seite 
waren, fragte ich, was es eigentlih Böses gewesen wäre, wenn ich 
3. B. gesagt, daß die Rosen wunderbar seien. 
„Sie hätten sie gestört", sagte er. „Diese Rosen dulden die Menschen- 
stimme nicht. Sie wissen, daß viele Menschen sich von dem Duft der Erd- 
beere übel befinden. Die Cokosöpalme welkt, wenn sie einer Wohnung fo 
nahe steht, daß sie den Athem der Menschen riecht. Das wissen die 
Singalesen, und sie führen nie ihre BambusShütten nahe an einem solchen 
Baume auf.“ 
Die Anlagen des Alten waren oft merkwürdig und man fand zu- 
weilen eine Puffbohne von den stattlichsten Lilien umgeben oder einen 
prachtvollen Rosenstrauch von Zwiebeln dicht eingefaßt. Als ich eine Be- 
merkung darüber machte, antwortete er: „Die Lilien lieben die Bohnen, 
denn ihre Düfte harmoniren, und die Nose liebt es, daß diese Zwiebelritter 
ihr aufwarten. Shakespeare sagt, daß die Erdbeeren gern unter Nesseln 
wachsen 2c.“
	        

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