Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Man hat aber nur den Täuschungen des Gesichts- und Gehörsinnes eine 
Aufmerksamkeit geschenkt und die Täuschungen des Geruchssinnes unbeachtet 
gelassen, jedoch mit Unrecht, da auch diesem Sinne ein nicht unbedeutender 
Einfluß auf das psychische Leben und auf die Bestimmung seiner Hand- 
lungsweise abgesprochen werden darf; auch sind die Geruchstäuschungen 
durchaus nicht so selten und unbedeutend, als man gewöhnlich anzunehmen 
geneigt ist. Zenne>, welcher über die „psychis<e Seite der Geruchs- 
erschemungen“ eine ausführliche sehr belehrende Abhandlung geliefert hat, 
sagt: „die Geruchövorstellungen sind manchen Jrrthümern unterworfen, 
und es gibt vielleicht mehr oömische Täuschungen als optische und akustische. 
Schon durch die Struktur des Geruchsorganes, das zugleich ein Gefühls- 
organ ist, kann man veranlaßt werden, manchen Gegenstand, der auf das- 
selbe wirkt, als eine Geruchserscheinung aufzunehmen, wenn sie genau be- 
trachtet nur eine Gefühlserscheinung ist, was 3. B. der Fall bei der Wahr- 
nehmung des kohlensauren Gases und anderer ist, welche einen sogenannten 
stehenden Geruch haben. Aber auch durch die nahe Verbindung des Ge- 
ruchsorganes mit dem Geschmacsorgane entstehen Jrrthümer, so daß oft 
manche Körper für sc<hmec>bar gehalten werden, die doh nur riechbar sind, 
und jo umgekehrt. Noc< mehr Täuschungen kommen vor, wenn bei der 
Wahrnehmung von wirklichen Gerüchen die Art derselben näher bestimmt 
werden soll, denn es gibt viele ähnlihe Gerüche von mehr oder weniger 
zusammengesehter Natur, so daß nur zu häufig der eine für eine gewisse 
Art gehalten wird, welche doch von anderer Natur ist. Wir ersehen also, 
daß die Vorstellungen, welche durch den Geruchssinn vermittelt werden, 
nicht frei von JIrrthümern sind, aus denen sich die verschiedenartigsten 
Täuschungen dieses Sinnes entwickeln können, die, wie schon erwähnt, viel 
häufiger vorkommen und von größerer Bedeutung sind, als man gewöhn- 
lich anzunehmen geneigt ist. Wir wollen nur einige auffallende Beispiele 
der Art hier beisezen. Cloquet kannte einen Menschen, dem man Am- 
moniak zu riechen gab und der über Sc<hwefelgeruch klagte, den man, wie er 
meinte, abbrenne, um ihn zu erstiken; Forest berichtet von einem Andern, 
der Teufel in seinem Zimmer zu sehen glaubte und stets den Schwefelgeruch, 
den angeblich die Teufel von sich geben, in seiner Nase hätte. Eine Dame 
wurde häufig vom Geruche von Kohlendampf erschrekt und glaubte, ihr 
Hausherr wolle sie absichtlich erstiken, weßhalb sie selbst ihre Wohnung 
verließ. Ebers erzählt in seiner Eingangs erwähnten Abhandlung von 
einem Arzte, der bei Untersuchung eines Kranken von dem diesen umgeben- 
den Geruch empfindlich berührt wurde; diesen Geruch konnte er bei seiner 
Nachhausefahrt nicht verlieren, die belästigende Atmosphäre blieb ihm, er 
konnte sich nicht von derselben befreien; das hatte die Folge, daß er sein 
Amt versäumte und sich nicht von dem Gedanken trennen konnte, daß er 
jeine Umgebung durch seine Ausdünstung beleidige, welche Jdee sich so 
seiner bemächtigte, daß er sich sogar von seiner Familie trennte und die 
Cinsamkeit aufsuchte. Cinen ähnlichen Fall berichtet auch Trolliet von 
einem Menschen, der immer einen unangenehmen Geruch roch, glaubte der- 
selbe komme von seiner eigenen Ausdünstung, so daß er den Umgang mit 
den Menschen mied und zuleßt in Melancholie verfiel. Wir ersehen aus 
diesen Beispielen, daß solche anomale subjektive Zustände des Geruchssinnes 
nicht nur Täuschungen des Bewußtseins überhaupt, sondern auch insbeson- 
dere fixe Jdeen hervorrufen, ja selbst so zu sagen zur fixen Jdee werden 
können, und von welcher fovensisch-wichtigen Bedeutung die fixen Jdeen
	        

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