Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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und von da auf den Weg zur Schwärmerei und Fanatismus unwillkühr- 
lich geleitet. 
Haben wir aus dem bisher Gesagten die nahe Beziehung des Ge- 
ruchssinnes zum psychischen Leben des Menschen und seinen Einfluß auf 
dessen Handlungsweise ersehen, so wird sich die Folgerung nicht ableugnen 
lassen, daß auch Anomalien des Geruchssinnes Anomalien in dem psy<i- 
schen Leben (fixe Jdeen, Schwärmerei u. dgl.) hervorrufen und so die mittel- 
bare Veranlassung zu geseßwidrigen Handlungen werden können. Und so- 
mit mag das Verlangen gerechtfertigt sein, daß, ebenso wie die Gesichts- 
und Gehörtäushungen, auch die Geruhstäushungen in foro nicht unberüc- 
sichtigt bleiben dürfen, und ihr möglicher Einfluß auf die Handlung eines 
Rieisehlinten von einer umsichtigen Rechtöpflege in Erwägung gezogen wer- 
en muß. 
Ctßnographis<es aus der Küche und ekwas über Nationasgerüche. 
Aus „Reisen im Inneren von Rußland und Polen“ von J. G, Kohl. 
„Meine schöne Reisegefährtin und ich machten in dem Dorfe Gareinow 
die Bemerkung, daß das Brod seit einiger Zeit ganz ander3 schmed>e als 
auf dem Wege von Moskau bis Orel. Freilich können wir es nicht be- 
schreiben, wie es in jenen Gegenden s<hmedte; denn die Manchfaltigkeit der 
Dinge ist zu groß und die Sprache zu armselig, um alle solche Schattirungen an- 
zudeuten. Wie wunderbar, hob ich an, ist mir immer diese unglaublich manch- 
faltige Verschiedenheit des Geschmacks in den einfachsten Dingen vorgekommen! 
Ein solches Brod ist do< immer nur Mehl und Wasser, und allenfalls auch 
Milc< und Butter, und doch wel<he Tausende und Millionen von Verhält- 
nissen werden durch die verschiedenen Mischungen dieser Jngredienzien unter 
den verschiedenen unsichtbaren und unfaßbaren Einflüssen des dabei wirk- 
samen Klimas und der dabei thätigen Volkössitten und Eigenthümlichkeiten 
erzeugt, und welche unzählig verschiedene Sensationen des Geschmacks können 
dadurc< hervorgebracht werden. J< bin überzeugt, daß der Amerikaner an 
allen den Broden der verschiedenen Länder Curopa3 etwas Gemeinschaftliches 
findet, das er den Geschma> des europäischen Brodes nennen kann. Fran- 
zösisches und deutsches Brod hat man schon längst unterschieden. Und alles 
russische Brod von einem Ende des Reichs zum anderen hat so entschieden 
und piquant hervortretende Eigenthümlichkeiten in seinem Gewebe und Ge- 
sc<made, daß es jeden von Westen Heranreisenden sogleich frappirt. Jeder 
allgemeine Brodgeschma> dieser verschiedenen Länder Europas wird aber 
wieder nac< den Provinzen und kleineren Bezirken modifizirt. Ja endlich 
könnte ein Feinschme>er troß dem, daß jeder Bäcer seine eigene Manier 
und seinen aparten Brodgesc<hma> hat, wieder für jede Stadt und jedes 
Dorf eine verschiedene Nuance herausbringen, was Alle3 gewiß auf der einen 
Seite ein eben so merkwürdiges Zeichen für die ungemein feine Erregbarkeit 
unserer Geschmac>snerven ist, die vielleicht no< mehr feine Schattirungen 
der Dinge unterscheiden als die Augen, als e3 auf der anderen Seite ein 
eben so beachtenswerthes Zeugniß für die verschiedenen unendlich zarten 
dem Dreifuße, auf welchem Pythia ihre Orakel aussprach, den Dampf aroma? 
tis<er Kräuter aufsteigen, und noch jezt betrachtet man diese Verbindung von 
Wohlgerüchen mit den Ceremonien des Kultus als ein Mittel, in dem Gläubi- 
gen die Gefühle der Andacht zu erregen.
	        

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