Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Das beweist, daß Herr dr. Niemeyer sich nicht einmal die Mühe 
nahm, auch nur meine Publikationen zu lesen, ja ich behaupte 
sogar, er hat auch Dr. Schlegels Buch nicht gelesen, sonst müßte 
er wissen, daß Schlegel mein Anhänger ist. 
Jst das nicht stark? 
Ueber den gleichen Vortrag Niemeyer5 erhalte ich soeben von 
einem „Wollenen in Stettin“ eim Referat der „Berliner Börsenzeitung“ 
Nr. 505 eingesendet, dem ich folgendes entnehme: 
„Während eben in England die „National healthy as8ociation“ sich an- 
gelegentlichst um die Kleidung in hygienischer Beziehung kümmere, habe Deutsch- 
land biSher nichts darin gethan, und so sei es gekommen, daß die Anschauungen 
des Herrn Jäger, Professor der Zoologie in Stuttgart, bezüglich seiner wollenen 
Normalkleidung unangefochten geblieben und deshalb wahr erscheinen könnten, 
Professor Jäger aber basire seine Anschauungen nicht auf Wissenschaft, sondern 
auf Empirik, die freilich sehr wenig stichhaltig sei, wie Redner 
außer anderen Beispielen durch das des englischen Gelehrten Bucle beweist, 
welcher durch hartnäckiges Tragen wollener Kleidung sich sein eigenes Grab grub, 
Nachdem Redner die Anschauungen des Professor Jäger bezüglich dessen Normal- 
kleidung auseinander gesetzt, entwickelte er in Kürze feine eigenen Ansichten über 
die Hygiene der Kleidung dahin, daß die Menschen in der Kleidung nicht zu 
uniformiren, sondern zu individualisiren seien, wie er in seinen nächsten Vor- 
trägen weiter ausführen werde.“ 
Der Einsender obigen Zeitungsreferats macht aufmerksam auf folgen- 
des in der gleichen Zeitungönummer enthaltenes Neferat : 
„Der neu berufene Professor der Philosophie, Dilthey, eröffnete gestern 
seine Vorlesungen mit einem Colleg über „Psychologie“ in sehr glücklicher Weise. 
Indem er seine Zuhörer nach guter deutscher Weise ohne weitere Begrüßungs- 
ceremonien gleich in die Mitte der Sache führte, erklärte er, die Psychologie 
als Erfahrungswissenschaft behandelnzu wollen, als die empirische 
Wissenschaft von den seelischen Funktionen, welche er als eine LebenSeinheit 
begriff.“ 
Hiezu macht Einsender die interessante Bemerkung : 
„I< habe große Lust, Niemeyer zu fragen, seit wann denn die 
Schneider ihr Handwerk nicht empirisch sondern wissenschaftlich, 
und die Philosophen die sublime Lehre von der Psychologie nicht wissen- 
schaftlich sondern empirisch betreiben 2?“ 
I< möchte aus diesem Referat nur wieder das Malheur ausheben, 
das Niemeyer mit der National healthy association passirt ist. Von dem 
Vorsißenden dieser Gesellschaft, Prof. Dr. Ernst Hart,. stammt jenes, 
die Normalkleidung, und zwar gerade die von N. verspottete Hemdhose, 
empfehlende Gutachten, welches in Nr. 6 des ersten Jahrgangs meiner Zeit- 
schrift pag. 90 abgedruckt ist! Also das gleiche Malheur, das Niemeyer 
mit Dr. Schlegel passirt ist. Heißt das nicht: „Hereinfallen!“ 
- Zum Scluß nur noch zweierlei: 
* Aus dem Ganzen erhellt, daß Niemeyer nicht ein Mann der 
Empivrre (die er ja für sehr wenig stichhaltig hält!), d. h. der 
Forschung und Prüfung, sondern ein Mann der „Autorität“ ist. Er wäre 
wohl nicht auf die schiefe Ebene gelangt, wenn ich Professor der Physio- 
logie an der Berliner Universität gewesen wäre oder „Pythagora3“ heißen 
würde. J< will nun, um seinen unaufhaltsamen Sturz in das Nichts 
noch von ihm abzuwenden, ihm ein Rettungsseil, eine Autorität zuwerfen, 
an der es ihm vielleicht gelingt, wieder auf die Höhe der Situation herauf 
zu flettern.
	        

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