Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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vor drei Fahren eine Hirnhautentzündung gehabt hatte, seitvem aber voll- 
kommen gesund, sehr frisch und lebensfräftig war, fing an zu kränkeln. 
Man behandelte ihn für verdorbenen Magen, allein die Aerzte kannten 
sim nicht aus. Mit einem Male stellten sich Fraisenanfälle (Gichter) bei 
ihm ein, gegen welche kein Mittel helfen wollte. Sie wurden im Laufe 
von zwei Monaten immer stärker und brachten die Erscheinungen intensiver 
Affektion der Gehirnhaut mit sich. Der Knabe konnte endlich nicht mehr 
Urin halten, er schrie vor Angst und seine Anfälle dauerten oft 5 Minuten 
und wiederholten sich unzählige Male. Da verfiel ich plößlich auf den 
mir bis dahin ferne liegenden Gedanken, ihm das Schafwollhemd auszu- 
ziehen und ein leinenes zu geben. Von dieser Minute an (es war am 
14. November 1881) hatte er keinen einzigen Anfall mehr bis 
Anfangs Januar und befand sich anscheinend wieder ganz wohl und lustig. 
Am 7. Januar fing er wieder an zu kränkeln, fieberte, einzelne Anfälle 
stellten sich wieder ein und am 7. Februar war unser Liebling eine Leiche. 
Er starb an Gehirnlähmung. Achtungsvoll ergebenst 
Dr. F. v. H., Advokat. 
I< fragte sofort an, ob alle von mir vorgeschriebenen Maßregeln, 
insbesondere auch das Schlafen bei offenem Fenster befolgt worden 
seien; darauf erhielt ich am 5. April folgende Antwort: 
„Mein armes Kind war durch mehrere Monate ganz in Schafwolle 
gekleidet, mit Ausnahme der Schuhe, die Juchtenleder waren. Bei offenem 
Fenster schlief es nicht, da im gleichen Zimmer meine Frau schlief, die 
nicht in Schafwolle gekleidet ist. Cs war dies in Obersteiermark im Enn5- 
thal, wo die Luft eine sehr frische ist.“ 
Die Sache liegt hier klar zu Tage. Bei dem Knaben war von 
der Gehirnhautentzündung wie der Laie sagt =- „ein Buben“ =-, wie ich 
sage, ein in feste, also unwirksame Form übergegangener Krankheitsstoff 
(festes Exsudat) sißen geblieben. Die Wolle begann ihre Heilthätigkeit 
mit der Verflüssigung und Verflüchtigung dieses restlichen Krankheitsstoffes, 
wodurch derselbe (siehe Beilage zu Nr. 11) wieder als Krankheits- 
erzeuger, d. h. aktiv auftrat. Hätte man dafür gesorgt, daß dieser flüchtige 
Krantheitsstoff nicht blos aus dem Körper, sondern auch durch das offene 
Fenster aus dem Zimmer entweichen konnte, oder hätte fortlaufend den 
flüchtig werdenden Theil des Krankheitsstoffes mit der damals allerdings 
mir noch nicht bekannten Platinlampe verbrannt und so unwirksam ge- 
macht, so wäre der Kranke seinen „Bußen“ lo8geworden. So aber konnte 
im geschlossenen Zimmer die Wollkrisis nicht zu Ende kommen. Mit Be- 
seitigung der Wolle wurde die Auflösungöarbeit unterbrochen, die Krisis 
fistirt, ehe die Ausstoßung des Krankheitsstoffes vollendet war. | 
Welche Einwirkung im Januar der Auflösungsprozeß hervorrief, 
habe ich nicht ermittelt, allein <arakteristisch und beweisend für die Wolle 
ist, daß bei diesem zweiten, nicht in der Wolle stattfindenden Versuch 
der Natur, sich des Kranfheitsstoffes zu entledigen, der Knabe starb, 
während ex nach der in der Wolle bestandenen unvollständigen Krise 
„wieder ganz wohl und lustig“ war. 
I<h mache namentlich die Aerzte unter meinen Lesern darauf auf- 
merksam, daß die Wollkrisen häufig unter dem Bild derjenigen akuten 
Krankheit, an wel<er Patient früher litt, verlaufen; der Grund 
dafür liegt auf der Hand und das Verfahren hiebei ebenfalls: man gebe 
dem Krankheitöduft möglichste Gelegenheit sich zu verflüchtigen und 
Fortsezung in der Beilage.
	        

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