Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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bestärkt, wenn man sieht, welche Anstrengung es selbst eifrige und 
gewandte Tänzer kostet, den Anforderungen der tanzlustigen Damen 
in Bezug auf Ausdauer zu genügen. J< behaupte: bei gleicher Kon- 
stitution und Gesundheit kann jede Dame ihren Tänzer matt seen; 
und diese für die Männerwelt geradezu schmachvolle Thatsache liegt 
meiner Ansicht nach darin, daß die Männertracht die physische Energie 
und Leistungsfähigkeit selbst bei gleicher Stoffwahl viel mehr beein- 
trächtigt, aljo viel ungesunder ist als die Frauentracht. Sie dreht das 
Verhältniß zwischen starkem und schwachem Geschlecht geradezu um. 
Woran das liegt, wird aus folgender Vergleichung der beiden Trachten 
klar werden. 
Um mit der Farbe zu beginnen, so ist gerade auf dem Tanz- 
boden der Gegensaß der denkbar schärfste. Die Tänzerin steckt im 
weißen oder sonst hellfarbigen Gewand, und der Tänzer in der nichts- 
würdigen , gliedlähmenden und energieraubenden Trauerfarbe, und so 
passen schon von diesem Standpunkt aus die beiden zusammen wie 
Ochse und Pegasus. Uebrigens gibt es hier noch einmal eine Ab- 
stufung. Wenn man einmal einen flotten, unermüdlichen Tänzer findet, 
19 ist das 10 gegen 1 ein Soldat in seiner indigoblauen oder rothen 
oder weißen Uniform. Der Leser erinnere sich hiebei an mein im 
ersten Jahrgang veröffentlichtes Dauerlauferperiment, bei welchem Na- 
turbraun eine Leistung von 2500, Indigo von 14000 -14200, Blau- 
holzs<warz von kaum 500 Meter ermöglichte. 
Den zweiten Grund finde ich in der Beinbekleidung, und der ist 
außerodentlich merkwürdig. Daß das lange, fast bis zum Boden fallende 
Kleid ein Bewegungshinderniß bildet, das die Tänzerin gegenüber dem 
Mann benactheiligt, ist außer Frage, und wenn troßdem letßtere die 
leistungsfähigere ist, so stellt dies den Werth einer richtigen Bein- 
bekleidung in noch höheres Licht. 
Sehen wir von den weiblichen Röcken ab, so ist die Beinbe- 
kleidung der Damen die eines Cülottisten, d. h. sie besteht aus einer 
Kniehoje (eulotte), dem stramm“ anliegenden Strumpf und dem niederen 
Schuh, ist also so, wie die Männerwelt von der Roccocozeit an bis in 
unser Jahrhundert herein sie trug, wie der Tiroler und Oberbaier sich 
heute noch trägt und wie neuerdings die Touristen, Velocipedisten und 
andere Fußsport treibende Männer wieder anfangen sich zu tragen; wohl 
wissend, daß die Cülottistentra<t eine ganz andere Leistungsfähigkeit 
giebt, als die moderne Herrenbeinbekleidung. . 
- Besehen wir uns kurz die Geschichte der Herrenbeinkleider : 
Die Beinkleider der alten Deutschen waren zwar weit, allein sie 
wurden von unten herauf bis zum Knie bandagirt, wie wir aus den 
Aufzeichnungen aus der Karolingerzeit wissen. Dadurch sicherten sie 
sich gegen den in der offenen Hosenröhre entstehenden, das Bein rui- 
nirenden aufsteigenden Luftstrom. 
- Auf diese Tracht, die wir heute noch bei den italienischen Pif- 
ferari finden, folgte die aus Tricot bestehende, das ganze Bein strumpf-
	        

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